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Riedls Dax-Radar
Coronaschock an der Börse: Die Angst vor einer neuen Virusmutante ließ den Börsenindex Dax zeitweise um mehr als drei Prozent einbrechen. Quelle: Getty Images

Coronaschock für die Börse, aber Zinsen und Nasdaq machen Mut

Ängste vor einer Eskalation der Coronakrise durch die neue, aggressive Virusvariante Omikron lassen die Aktienmärkte taumeln. Die Nagelprobe für den großen Trend steht bevor – und entscheidend dafür werden die großen Technologieaktien.

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Der Dax sackt am Freitagmorgen bis auf 15.300 Punkte ab, der komplette Zugewinn seit Mitte Oktober löst sich in Luft auf. Der Kursrückschlag entwickelt dabei sogar eine noch größere Dynamik als bei seiner jüngsten Korrektur im September. Damals setzte der Aktienmarkt nach sechs Wochen Talfahrt dann seinen Anstieg wieder fort. Besteht diese Chance auch jetzt – und könnte der Dax immer noch zu neuen Höhen steuern, womöglich sogar bis in den Bereich um 17.000 Punkte? 

Die aktuelle Reaktion der Aktienmärkte fällt differenziert aus. Besonders schwach im Dax sind die typischen Coronaverlierer, die von einer neuen, akuten Pandemiephase besonders betroffen wären: An der Spitze mit Airbus und MTU die Luftfahrtunternehmen, dann mit den Autoaktien die konjunkturabhängigen Werte. Siemens wird als Industriekonzern nach unten gezogen, die Versicherer und die Deutsche Bank von der Angst vor erhöhten Ausfällen gedrückt. Mit kleinen Verlusten kommen die Energiewerte RWE und E.On davon. Am anderen Ende der Skala stehen Gewinne bei den Coronaprodukt-Zulieferern Merck und Qiagen und den Onlinelieferanten Zalando, Delivery Hero und Hellofresh. Binnen Minuten hat der Aktienmarkt am Freitag in den akuten Pandemiemodus geschaltet. 

Zum Pandemiemodus gehört aber auch der Druck auf die Rohstoffpreise, weil die Konjunkturerwartungen und damit die absehbare Nachfrage zurückgeht. Öl der Sorte Brent sinkt binnen weniger Stunden von 82 auf 78 Dollar. Bei Kupfer beträgt der Anfangsverlust 2,5 Prozent, seit dem Oktoberhoch sind schon 10 Prozent Minus aufgelaufen. Aluminium notiert sogar 15 Prozent unter seinem Oktoberhoch. 

Die Angst vor einem virusbedingten Konjunkturabbruch hinterlässt auch an den Bondmärkten eine tiefe Spur. Die Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen, die in den vergangenen Tagen noch bis auf 1,68 Prozent gestiegen ist, hat sich am Freitag Vormittag auf 1,5 Prozent deutlich abgebaut. Das ist eine entscheidende Entwicklung, denn die Angst, die Zinsen könnten schnell über das mittelfristige Topniveau bei 1,70 bis 1,75 steigen, ist damit erst einmal vom Tisch. Mehr noch: Sollte die Weltwirtschaft durch Corona nun wirklich schwer eingebremst werden, wären Zinserhöhungen der Notenbanken auf absehbare Zeit sicherlich kein Thema mehr. Auch hierzulande sind die Anleiherenditen mit minus 0,3 Prozent für die marktführenden Bundesanleihen wieder deutlich unter das jüngste Hoch bei minus 0,1 Prozent gerutscht. 

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    Der Kursrückgang fällt so heftig aus, weil die Märkte eine solche Verschärfung durch Corona nicht mehr auf der Rechnung hatten. Wie substanziell die neue Virusvariante die weitere konjunkturelle Entwicklung der Weltwirtschaft beeinflusst, ist vorerst offen. An den Aktien-, Anleihe- und Rohstoffmärkten werden dafür in Sekundenschnelle alle möglichen Szenarien durchgespielt, verstärkt durch Emotionen und Algorithmen. 

    Gut ablesen lässt sich die Stimmungslage am Angstbarometer V-Dax. Hier sind die erwarteten Kursschwankungen verrechnet, die sich aus den Prämien am Optionsmarkt ablesen lassen. Mit einem Stand von 27 Prozent liegt der V-Dax am Vormittag auf dem Niveau, das von den Angstspitzen im Juli und im September markiert wurde. Mehrmals schon hat der V-Dax den Bereich zwischen 25 und 30 Punkten in den vergangenen zwölf Monaten erreicht, ohne dass sich letztlich an der positiven Grundrichtung des Marktes etwas geändert hat. Sollte der V-Dax auch jetzt wieder in diesem erhöhten, aber nicht extremen Angstbereich seine Spitze markieren, könnte das einen kurzfristigen Tiefpunkt des Marktes signalisieren. 

    Die Entscheidung fällt an der Technologiebörse Nasdaq

    Eine weitere Stütze für die weltweiten Börsen ist die relative Stärke der Aktien, die den aktuellen Aufwärtstrend bisher besonders tragen: Die großen amerikanischen Technologieunternehmen. Zwar gehen aktuell auch bei Apple, Microsoft, Amazon oder Nvidia in Notierungen in die Knie; doch insgesamt sind die Verluste an der Technologiebörse Nasdaq (zumindest im aktuellen Future-Handel) nur etwa halb so groß wie am deutschen Aktienmarkt. Wie die Nasdaq-Börse den jüngsten Einbruch verkraftet, dürfte entscheidend werden für den Bestand des gesamten Trends an den Aktienmärkten. 

    Die Nagelprobe steht unmittelbar bevor, da der Wochenschluss an der Börse eine besonders hohe Aussagekraft über die innere Verfassung des Marktes hat. Kurzfristig kommt es am Freitagabend (26. November) darauf an, ob die US-Börse Nasdaq im amerikanischen Handel – der ist entscheidend, nicht das Vorgeplänkel der US-Werte in Europa – die Verluste vielleicht relativieren kann oder sogar eine Erholung zustande bringt. 

    Aus der kurzfristigen, taktischen Marktanalyse ergeben sich dafür zumindest zwei Anhaltspunkte: Zum einen hat der Nasdaq-100-Index in den vergangenen Wochen die Untergrenze bei 16.100 Punkten schon dreimal verteidigt – diese Chance besteht auch ein viertes Mal. Zudem ist seit dem letzten, vorangegangenen Schlussstand des Index unterhalb von 16.400 Punkten jetzt eine riesige Kurslücke, ein sogenanntes Gap, von mehreren hundert Punkten entstanden. Solche Kurslücken, typische Zeichen von Panik oder Euphorie, werden oft schon nach einigen Tagen wieder geschlossen. Konkret wäre das dann bei einem Anstieg auf 16.400 Punkte der Fall. Eine solche Stabilisierung käme dann nicht nur den US-Börsen zugute, sie dürfte dann auch die Aktienmärkte rund um den Globus wieder beruhigen. 

    Fazit für den Dax: Die Angst vor einem substanziell neuen Coronaschock verstärkt die jüngste, zunächst verhaltene Korrekturbewegung an der deutschen Börse und macht daraus den bisher stärksten Kursrückschlag dieses Jahres. Dennoch ist nicht alle Hoffnung verloren: Die wichtigste makrowirtschaftliche Stütze für den Markt ist die Aussicht darauf, dass es bei einer starken, virusbedingten Eintrübung der Konjunktur wahrscheinlich nicht zu einer großen Zinswende käme. Das Szenario der Zinswende, angeführt von der amerikanische Fed, dürfte nur dann intakt bleiben, wenn die Konjunktur weiterhin einen robusten Verlauf zeigt. Auf der Unternehmensebene dürften, ähnlich wie in der Coronaphase im Frühjahr 2020, vor allem große Internet- und Technologieunternehmen operativ vergleichsweise stabil bleiben. Die Kursabschläge, die es auch hier gibt, haben damit eher den Charakter einer Bereinigung und nicht einer Trendwende. 

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    Der Dax ist am Freitagvormittag sogar leicht unter die Durchschnittslinie der vergangenen 200 Börsentage gerutscht, die (in linearer, ungewichteter Berechnung) bei 15.377 Punkten verläuft. Ein Wochenschluss deutlich unter diesem Niveau wäre für die mittelfristigen Aussichten ohne Frage ein sehr schlechtes Zeichen. Sollte der Dax aber, womöglich im Fahrwasser des Nasdaq-Index, seine in der ersten Coronapanik gerissene Kurslücke in Laufe des Tages wieder schließen und am Freitagabend deutlich oberhalb der 200-Tagelinie aus dem Handel gehen, wäre das ein wichtiges Hoffnungssignal. Mittelfristig könnte dann ein Anstieg bis auf die alten Höhen möglich sein – und danach vielleicht sogar noch etwas mehr bis auf 17.000 Indexpunkte.
    (Hinweis: Der nächste Dax Radar erscheint erst wieder in der zweiten Dezemberwoche)

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