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Riedls Dax-Radar
Autohersteller Daimler ist auf der Erfolgsspur, die Aktie eine wesentliche Stütze für den Börsenindex Dax. Quelle: dpa

Daimler top – Siemens und SAP müssen liefern

Gute Zahlen und gedämpfte Zinsen stützen den Dax. Kurzfristig wäre ein deutlicher Kursanstieg von Vorteil – bevor im Herbst die Nervosität an den Börsen zurückkehrt.

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Bei der derzeit besten Aktie im Dax, bei Daimler, bestätigen die jüngsten Zahlen die starke Entwicklung des Kurses: Nach vorläufigen Ergebnissen – der ausführliche Quartalsbericht kommt am 21. Juli auf den Tisch – kletterte der bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) auf 5,4 Milliarden Euro. Das liegt weit über dem Konsens der Analysten, der bei 4,3 Milliarden lag. Eine so hohe Abweichung ist bemerkenswert. Sie kann auf eine sehr defensive Kommunikationspolitik deuten. Vor allem aber ist sie ein Zeichen dafür, dass Daimler von der Finanzgemeinde gründlich unterschätzt wird.

Alle Teilbereiche von Daimler, Autos, Lastwagen und Mobilitätsdienstleistungen, lagen deutlich über den Erwartungen. Für Anleger ist das ein gutes Zeichen, weil dies Daimlers strategischen Kurs der Aufspaltung bestätigt. Gerade im Lastwagengeschäft, das konjunkturellen Schwankungen besonders unterliegt, besteht enormer Nachholbedarf. Es wäre verwunderlich, wenn sich der weltweite Marktführer Daimler von den Margen eines kleineren Rivalen wie Volvo auf Dauer abhängen ließe.

Und die Stuttgarter sind auf gutem Weg. Wenn Daimler über den Daumen gepeilt 60 Prozent des Ebits netto verdient hat, wären im zweiten Quartal unterm Strich 3,2 Milliarden Euro geblieben. Mit den 4,4 Milliarden Euro des ersten Quartals wären das schon zum Halbjahr mehr als 7,5 Milliarden. Wenn das zweite Halbjahr auf hohem Niveau in etwa weiterläuft, wird Daimler die Erwartungen für 2021, die bei knapp elf Milliarden Euro liegen, abermals übertreffen.

Für die Aktie steckt darin weiteres Potenzial. Sollten es in diesem Jahr zwölf Milliarden Euro Nettogewinn werden, ergäbe schon eine moderate zehnfache Gewinnbewertung eine angemessene Börsenkapitalisierung von 120 Milliarden Euro. Aktuell wird Daimler an der Börse nicht einmal mit 80 Milliarden Euro bezahlt.

Natürlich dürfte eine Aktie wie Daimler, die sich binnen zwölf Monaten glatt verdoppelt hat, jetzt nicht einfach aus dem Stand heraus noch einmal nach oben schießen. Vielmehr hat sich der Kurs nun in der langfristigen Widerstandszone zwischen 70 und 80 Euro erst einmal festgefahren. Hier aber sollten, vor allem im unteren Bereich der Bandbreite, nach den guten Zahlen die Käufer wieder kommen. Mittelfristig dürfte Daimler keine Probleme haben, das Hoch aus dem Jahr 2015 zu erreichen, das bei knapp 100 Euro liegt.

Für den Dax ist die Stärke von Daimler – und dazu kommen die ebenfalls aussichtsreichen Perspektiven von Volkswagen und BMW – eine wichtige Stütze. Nirgends auf der Welt hat die Autoindustrie eine solche Bedeutung für Wirtschaft und Aktienmarkt wie hierzulande. Diese Premiumindustrie erlebte in den vergangenen Jahren die schwerste Erschütterung seit Erfindung des Automobils: Eine Dreifachkrise aus Abgasskandal, Paradigmenwechsel in der Antriebstechnik und konjunkturellem Einbruch. Wenn die Autoindustrie aus dieser Krise nicht nur gestärkt, sondern völlig neu und aussichtsreich positioniert hervorgeht, kann das den Dax langfristig noch weit über seine bisherigen Spitzen hinaustragen. 

Viel Vorschuss und hohe Bewertung für Siemens

Es gibt auch Enttäuschungen im Dax. Und die sind umso bitterer, da sie ausgerechnet in einer Industriebranche stattfinden, in die aktuell riesige Hoffnungen investiert werden: Siemens Energy, einer der weltweiten Marktführer bei erneuerbaren Energien, schnitt zuletzt deutlich schlechter ab als erwartet und muss seine Gewinnprognosen zusammenstreichen. Grund sind andauernde Probleme bei der Tochtergesellschaft Siemens Gamesa, die weiter von schwachen Geschäften bei Windrädern belastet wird. Hier kam es zur Verzögerung von Projekten, teure Rohstoffe wie Kupfer schlugen zusätzlich ins Kontor. Dass sich Konkurrent Vestas mit Absicherungstransaktionen gegen Preisanstiege besser wappnete, wirft keine gutes Licht auf das Management von Gamesa.



Siemens Energy wird Schwierigkeiten haben, nach den hohen Verlusten des vergangenen Geschäftsjahres in der aktuellen Saison, die noch bis Ende September läuft, in die schwarzen Zahlen zu kommen. Die Auftragslage ist zwar gut, der Umsatz sollte nach wie vor mit rund 28 Milliarden Euro etwas höher ausfallen. Doch auf angemessene Gewinne werden Anleger noch Jahre warten müssen.

Immerhin, mit einer Marktkapitalisierung um 16 Milliarden Euro – nur noch etwas mehr als die Hälfte des Jahresumsatzes – ist Siemens Energy nicht mehr hoch bewertet. Nach dem jüngsten Kursschock muss sich die Aktie nun zunächst auspendeln. Dabei könnten die Notierungen bis in den Bereich des Börsenstarts abrutschen, die um 22 Euro lagen. Spätestens hier sollte Siemens Energy angesichts seiner Marktbedeutung wieder interessant sein.

Auch für Mutterkonzern Siemens, der immer noch gut ein Drittel an seinem Energieableger hält, sind die Windkraftprobleme eine Hypothek. Im Gegensatz zu den Autowerten wird Siemens von der Finanzgemeinde mit reichlich Vorschuss bedacht. Für jeden Euro Jahresumsatz von Siemens zahlt die Börse derzeit 1,70 Euro; ein Euro Jahresumsatz von Daimler ist der Börse dagegen nicht einmal 50 Cent wert.



Siemens ist in den vergangenen Jahren die Transformation vom klassischen Industriekonzern zu einem modernen Hightech-Unternehmen gelungen. Attraktive Themen wie Automatisierung und Digitalisierung kommen unter Anlegern bestens an und werden gut bezahlt. Doch am Ende des Tages müssen dann doch Umsatz und Gewinn stimmen – und da muss Siemens in den nächsten Jahren noch liefern.

Siemens-Aktien haben mit dem Rückgang unter 135 Euro eine Kurskorrektur eingeleitet. Sie könnte sich noch in den Bereich 125 bis 120 Euro fortsetzen, hier kam es in den vergangenen fünf Jahren vermehrt zu Kursspitzen. Wahrscheinlich kommen bis dahin dann auch von Siemens Energy und seinem Problemfall Gamesa wieder bessere Nachrichten – und sei es auch nur ein nachvollziehbares Konzept, mit der die Windkraft wieder flott gemacht wird.

Gespannte Erwartungen auf ein Comeback von SAP

Genauso wichtig wie die Entwicklung bei Daimler und Siemens werden die Zahlen, die SAP in Kürze vorlegt. Offiziell kommt der Quartalsbericht am 21. Juli, die Eckdaten könnten vorgezogen werden. Der jüngste Anstieg der SAP-Aktie über die mittelfristigen Kursspitzen bei 120 Euro spiegelt Optimismus wider. Offensichtlich setzen Banken und Investoren darauf, dass SAP nach der letztjährigen Enttäuschung das Comeback gelingt. Die Auftragslage im Wachstumsgeschäft Cloud ist seit Monaten robust. Die gute konjunkturelle Lage sollte diesen Trend durch das gesamte zweite Quartal getragen haben und darüber hinaus beflügeln. Ein Dämpfer könnte der im zweiten Quartal eher stärkere Euro gewesen sein, dazu leidet das Geschäft mit Reisesoftware unter der Dauerbelastung durch Corona. Verglichen mit großen Softwarekonzernen wie Microsoft oder Oracle sind SAP-Aktien keineswegs günstig. Doch wenn es den Walldorfern gelingt, in Zukunft auch bei der Bewertung das Cloudgeschäft in den Vordergrund zu rücken, könnte mit Blick auf die hier wesentlich höher eingestuften Spezialisten wie Salesforce ein Kursaufschlag drin sein. 

Fazit für den Gesamtmarkt: Starke Zahlen von Daimler und wahrscheinlich den anderen Autokonzernen, ein mögliches Comeback von SAP und gemischte Ergebnisse und Perspektiven aus dem Siemens-Verbund sind für den Dax eine Gemengelage mit insgesamt positivem Grundton. Die führenden deutschen Unternehmen kommen bei ihrer strategischen und operativen Entwicklung voran, die Erwartungen an der Börse sind nach oben gerichtet, aber nicht überspannt.

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Der Dax, der nun schon zweimal bis 15.800 Punkte vorgedrungen ist, sollte sich damit weiterhin (gemessen an den Tagesschlusskursen) über dem Niveau von 15.500 Punkten halten. Die Entspannung am amerikanischen Bondmarkt, bei dem die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen noch einmal unter 1,30 Prozent gerutscht sind, ist eine wichtige Stütze. Von der Währungsseite gibt der bis auf 1,18 Dollar abgedriftete Euro ebenfalls Rückhalt. Dow Jones und Nasdaq-Index verlaufen in stabilen Aufwärtstrends, ein gutes Umfeld für den Dax. Kurzfristig wäre ein baldiger Anstieg über das bisherige Hoch um 15.800 Punkte ein Vorteil. Denn je näher die statistisch schwachen Monate September und Oktober rücken, desto mehr wird die Nervosität an der Börse zurückkehren.

Mehr zum Thema: Die Boston Consulting Group hat aus 2400 Papieren die besten Aktien herausgefiltert. Das sind die besten Aktien der Welt.

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