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Riedls Dax-Radar
Quelle: Getty Images

Daimler und Volkswagen gegen Apple und Amazon

Aus einer Jahrhundertkrise heraus fahren die Autoaktien wieder an die Spitze der Börse. Der Dax kann damit seine Rally fortsetzen – trotz wackliger Technologiewerte und anziehender Zinsen.

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Hätte der Dax nicht seine großen Autoaktien, wäre er weit von seinem aktuellen Höhenflug entfernt. Mehr als 300 Milliarden Euro bringen Daimler, Volkswagen, BMW plus Zulieferer Continental derzeit zusammen auf die Börsenwaage. Sie machen damit fast ein Viertel der gesamten Marktkapitalisierung des Dax aus. Autos sind mit Abstand die stärkste Branche im Index – und keine der wichtigen Börsenkurven weltweit wird so von den Fahrzeugen bestimmt, wie der Deutsche Aktienindex.

Noch zwei Rekorde: Daimler-Aktien haben in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 130 Prozent an Wert gewonnen, das ist die Pole Position unter den Gewinnern. Und die wertvollste Aktie im Dax ist, wenn derzeit auch ziemlich knapp, nicht SAP, Siemens oder Linde, sondern Volkswagen.

Diese Performance ist umso bemerkenswerter, da die Autounternehmen dies aus einer dreifachen Krise heraus geschafft haben: dem Abgasskandal, dem Paradigmenwechsel vom Verbrenner zum Elektroantrieb – und schließlich dem durch Corona bedingten Konjunktureinbruch 2020.



Diese Dreifachkrise war (und ist in vielen Teilen immer noch) der tiefste Einschnitt in der Entwicklung der Fahrzeugbranche seit der Erfindung des Verbrennungsmotors. Und diesen Einschnitt haben Daimler, Volkswagen und BMW – so sieht es derzeit jedenfalls aus – in einer Art und Weise überwunden, die ihnen die meisten Marktteilnehmer vor einigen Monaten nicht zugetraut haben.

Dieser Erfolg zeigt sich auf drei Gebieten: 

  • Das operative Basisgeschäft hat sich mittlerweile so deutlich erholt, dass Corona unter langfristiger Perspektive nur ein, wenn auch besonders heftiges, Einmalereignis war. Dass die Basisgewinne der Unternehmen natürlich noch weitgehend mit klassischen Verbrennern eingefahren werden, ist kein Nachteil, sondern ein Beleg dafür, dass die Strategien hin zur neuen Mobilität eine finanzstarke Basis haben. Engpässe auf den weltweiten Chipmärkten können die Erholung des operativen Geschäfts in den nächsten Monaten sicherlich etwas dämpfen. Da sich damit aber die Nachfrage nach neuen Fahrzeugen auf der Zeitachse wahrscheinlich nur nach hinten verlagern dürfte, steckt darin sogar ein sedierendes Moment, mit dem aktuell eine Überhitzung vermieden wird.
  • Die Kapitalkraft der Autoriesen ist enorm. BMW hat seit Jahren eine der besten Bilanzen im Dax, die durch die Dreifachkrise in keiner Weise angekratzt wurde. VW hat den größten Abgasskandal in der Geschichte der Branche finanziell problemlos weggesteckt und derzeit eine Nettoliquidität von 30 Milliarden Euro angehäuft. Bei Daimler sind es 20 Milliarden Euro Nettocash im Industriegeschäft, mehr als doppelt so viel wie vor einem Jahr.
  • Alle drei Autokonzerne haben ihre langfristigen Strategien in Richtung Elektromobilität auf den Weg gebracht. An der Spitze sicherlich Volkswagen, doch auch Daimler und BMW kommen hier von Quartal zu Quartal immer mehr in Fahrt. Besonders interessant ist dabei das Rennen gegen den Protagonisten Tesla. An der Börse haben sich hier mittlerweile die Vorzeichen gedreht: Während Tesla-Aktien seit Jahresbeginn ein Drittel verloren, konnten Daimler, Volkswagen und BMW in dieser Zeit massiv zulegen. Je weiter die Entwicklung zum Elektroauto vorankommt, desto mehr wird sich die Bewertung von Tesla auf der einen Seite und die von VW, BMW und Daimler auf der anderen Seite annähern.

Dass die großen Autoaktien bei alledem fundamental nicht überbewertet sind und eine ansprechende Dividende bieten, stützt den Anstieg zusätzlich. Und wenn es den großen Autobauen gut geht, geht es auch den Zulieferern zumindest nicht schlecht. Das gilt im Dax für Continental – und es gilt jenseits des Dax für die ganze Riege der seit einigen Jahren schwer gebeutelten Zulieferspezialisten – von Elring Klinger bis Hella, von Schaeffler bis Leoni, von Dürr bis hin zu Thyssenkrupp.

Die Gefahr im Dax droht von den Technologie-Ikonen

Während die Autobranche derzeit der wichtigste Motor des deutschen Aktienmarkts ist, entsteht auf einer anderer Seite eine offene Flanke bei den Technologiewerten. Dabei besteht das Problem weniger bei den Dax-Technikern Infineon oder SAP. Die eigentliche Gefahr wäre ein Abkippen der großen Protagonisten, die seit Jahren an der Spitze der weltweiten Börsenhausse stehen, die amerikanischen Hightech-Riesen.

Und die tun sich an der Börse zunehmend schwer: Apple ist bei 123 Dollar bis auf die 200-Tagelinie abgerutscht, das erste Mal wieder seit März 2020. Ein Rückgang unter 120 Dollar wäre ein klassisches Verkaufssignal. Amazon sieht um 3200 Dollar ähnlich brisant aus, letztlich muss hier die Zone 3000 bis 2900 Dollar halten. Microsoft ist stabiler, auch wenn es gut wäre, wenn die Aktie das Niveau um 240 Dollar verteidigt.

Der Showdown um die großen Techwerte spiegelt sich besonders im wichtigsten Branchenindex wider, dem Nasdaq 100. Er konnte sich zwar in der zweiten Maihälfte von seinen Tiefen um 13.000 Punkte lösen, doch der nachfolgende Anstieg war nur halb so kraftvoll wie der vorangegangene Abschwung in der ersten Mai-Hälfte.

Immerhin, noch steht der Nasdaq 100 oberhalb seines mittelfristigen Trends, der etwa bei 13.200 Punkten verläuft, und der 200-Tagelinie, die aktuell bei 12.636 Punkten liegt. Zudem gibt es noch zwischen 12.500 und 12.000 Punkten eine große Unterstützung, deren Eckpunkte bis Herbst 2020 zurückreichen. Das wäre die letzte Auffangzone, die unbedingt halten sollte, um die große Abwärtswende zu vermeiden.

Insgesamt ist der Markt der großen Technologieaktien angeschlagen, steckt ohne Frage aktuell in einer Schwächephase – aber k.o. ist er unterm Strich noch nicht. Mehrmals schon, zuletzt im September 2020 und im Februar 2021, hat es scharfe Rückschläge gegeben, aus denen sich die Techaktien immer wieder befreit haben. Der große Trend der Technologieaktien hat sich verlangsamt, aber ist weder abgebrochen, noch hat er bisher eine Wende eingeleitet.

Fazit für den Dax: Neben der Stärke seiner Defensivwerte (Deutsche Telekom, Deutsche Post, seit einiger Zeit auch wieder Fresenius), sind es derzeit vor allem die Autoaktien, die dem Dax Substanz verleihen. Dem Index ist damit in den vergangenen Tagen der Anstieg über die Hürde von 15.500 Punkten gelungen. Dass zugleich die Kletterpartie des Euro immer wieder von starken Wirtschaftsdaten aus den USA gebremst wird, ist für die großen Exportwerte hierzulande ein Vorteil.

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Brisanter ist der Zinsanstieg am US-Markt, auf dem die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen in den vergangenen Tagen wieder von 1,55 auf 1,63 Prozent geklettert sind. Doch solange sich die Schaukelpartie in der seit März ausgemessenen Bandbreite zwischen 1,5 und 1,8 Prozent abspielt, ist das Zinsthema in den Hintergrund gerückt. Die Aussicht auf die weitere wirtschaftliche Erholung zählt an den Märkten derzeit mehr als die Angst vor überbordenden Renditen. Für die kurzfristige Entwicklung wäre es gut, wenn der Dax in der nächsten Woche das Niveau um 15.500 Punkten verteidigen könnte.

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