Riedls Dax-Radar
Ausloten der Kurstiefen beim Dax. Quelle: Illustration

Das Ausloten der Kurstiefen hat begonnen

Mit kräftigen Aufschlägen proben deutsche Aktien die Erholung nach dem Absturz. Doch bevor es keine Lösung im Ukrainekrieg gibt, bleibt es bei Zwischenanstiegen. Immerhin, aus den USA kommt dabei wichtige Unterstützung.

  • Teilen per:
  • Teilen per:

So deutlich wie noch nie spricht sich nun auch die Europäische Notenbank für eine straffere Geldpolitik aus. Zunächst wird die EZB, wahrscheinlich schon in wenigen Monaten, ihre Anleihekäufe reduzieren und sie womöglich dann im dritten Quartal auslaufen lassen. Dann könnte es, mit nicht zu großem Abstand, zur ersten Zinserhöhung kommen. Zugleich könnten dann noch in diesem Jahr die Einlagenzinsen für Banken, die derzeit bei minus 0,5 Prozent liegen, wieder zurück genommen werden. Innerhalb eines Jahres hätte die EZB auf diese Weise ihre Zinswende vollzogen. 

Der Hintergrund dafür ist zwiespältig. Auf der einen Seite ist die Inflation mit 5,8 Prozent in Europa mittlerweile so massiv geworden wie seit einem halben Jahrhundert nicht. Das hätte eigentlich eine noch stärkere und vor allem frühere Wende in der Geldpolitik erforderlich gemacht. Andererseits ist die Wirtschaft in Europa, nachdem sie schon zwei Jahre in der Coronakrise steckt, nun auch noch mit dem Krieg in der Ukraine und den wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen belastet. Auf 3,7 Prozent, so Notenbankchefin Christine Lagarde, könnte deshalb das Wachstum in diesem Jahr zurückgehen. Die ursprüngliche Annahme lag bei 4,2 Prozent. Wer sich die Auswirkungen von Krieg und Sanktionen vor Augen hält, vom allgemeinen Energieschock über den Ausfall des Russlandgeschäfts bis zu den Assets, die deutsche Unternehmen in dem Land investiert haben, dem mögen Zweifel kommen, ob die europäische Wirtschaft mit so einem gelinden Dämpfer davonkommt. 

Die neue Linie der EZB wird an den Märkten durchaus ernst genommen. Die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen, die auch schlicht Bunds genannten, taktgebenden Anleihen in Europa, sprang nach dem Statement der EZB binnen weniger Minuten von 0,19 Prozent auf 0,30 Prozent. Seit Anfang März haben sich die Anleihezinsen insgesamt um 0,4 Prozentpunkte erhöht. Sie sind damit schon wieder fast so hoch wie kurz vor dem russischen Überfall auf die Ukraine. Der zinsmindernde Effekt, den der Krieg vorübergehende hatte, ist an den Märkten praktisch wieder komplett verflogen.

Energie wird zur Schicksalsfrage der deutschen Wirtschaft

Die größte Unsicherheit geht dabei von der Energiefrage aus. Sie trifft die wichtigste Volkswirtschaft Europas, die deutsche, wegen ihrer hohen Abhängigkeit von russischen Energieimporten ganz besonders. Die Belastung ist zweifach: Erstens durch die hohen Preise für Öl, Benzin, Gas und Strom, durch die Unternehmen und Haushalte schon jetzt enorm unter Druck geraten. Zweitens durch die drohende Versorgungskrise, die zu vielfältigen Ausfällen führen kann – von ungeheizten Wohnzimmern bis zu Industrieproduktionen, die aus Energiemangel stillgelegt werden müssen. 

Akutes Risiko ist der militärische Verlauf des Kriegs in der Ukraine. Seitdem der Krieg am 24. Februar begann, hat der Dax in der Spitze bis zu 13 Prozent verloren. Das ist vergleichsweise viel für eine Zeitspanne von zwei Wochen, in denen sich dieser Rückgang bisher abspielte. Die Abwärtsdynamik, die am deutschen Aktienmarkt seit Anfang Januar besteht, hat sich dabei noch einmal beschleunigt. Das Angstbarometer VDax hat in den vergangenen Tagen einen Höchststand von 43 erreicht. Aktuell pendelt es um 40. In der Finanzkrise und im Coronacrash gab es Spitzenwerte um 80, zum Ende der Hightech-Baisse 2002/03 und in der Asienkrise 1998 waren es Werte um 60. So gesehen steht der deutsche Aktienmarkt weiterhin an der Grenze zum Panikmodus. Und das bedeutet: Jede überraschende Wendung im militärisch-politischen Verlauf des Ukrainekriegs wird sehr schnell sehr heftige Kursfolgen haben, in welche Richtung auch immer. Wie die positive Variante dabei aussieht, hat der 1000-Punktegewinn am Donnerstag den 9. März gezeigt. 

Weil der deutsche Aktienmarkt durch Krieg und Sanktionen im internationalen Vergleich ganz besonders belastet wird, besteht hierzulande auch das größte Erholungspotenzial, sollte es zu einer politischen Lösung des Konflikts kommen. Betroffen sind davon im Dax vor allem die Aktien, die zuletzt wegen ihres überdurchschnittlichen Exposure in Russland besonders schwer verloren haben: vor allem BASF, die Fahrzeugaktien, Adidas und Puma, sowie die Deutsche Bank

Lesen sie auch: Diese deutschen Aktien leiden besonders unter dem Ukraine-Krieg

Die anhaltend hohe Volatilität des Marktes und die Unberechenbarkeit der politischen Entwicklung machen das Ausloten der Tiefen dabei schwierig. Beispiel Adidas: Weil der Sportartikler mit eigenen Läden in Russland stark vertreten ist, rutschte die Aktie zuletzt fast noch einmal bis auf die langjährigen Tiefen um 170 Euro. Nachdem Adidas das Russlandrisiko dann mit einem möglichen Umsatzverlust von 250 Millionen Euro erst einmal eingrenzte, folgte eine massive Kurserholung auf über 200 Euro. 

Das Russland-Risiko ist größer als der bloße Ausfall von Umsatzanteilen 

Der Haken dabei: Nur den operativen Umsatzanteil des Russlandgeschäfts aus dem gesamten Geschäftsvolumen herauszurechnen, dürfte im Fall einer konsequenten Verabschiedung aus Russland nicht ausreichen. Was wird in einem solchen Fall aus den rund 500 eigenen Läden, die Adidas in Russland hat? Was aus den 90 Läden von Puma – oder aus den Zementfabriken und Terminals von HeidelbergCement, aus dem Trainingscenter der Deutschen Bank oder dem modernen Autowerk bei Moskau, das Mercedes-Benz erst vor wenigen Jahren neu und mit großen Hoffnungen hochgezogen hat? Was wird aus den intensiven Beziehungen zu Russland, die der deutsche Industriekonzern schlechthin, Siemens, nun schon seit mehr als eineinhalb Jahrhunderten hat – über zwei Weltkriege und die Zeit der Diktatur hinaus?



Fazit für den Dax: Die jüngste, hochdynamische Erholung hat den Dax wieder bis in den Bereich von 13.600 bis 14.000 Punkte gebracht. Hier lag die erste Auffangzone, die sich aus den alten Hochpunkten von 2017 bis 2020 ableiten lässt. Allerdings, solange der Dax dabei nicht wieder über diese Zone hinauskommt, handelt es sich technisch gesprochen nur um eine Rückreaktion an dieses Niveau – und die ist in den meisten Fällen eine Trendbestätigung, in diesem Falle auf dem Weg nach unten. 

Die hohe Zahl der abwärts gerichteten Einzelaktien bestätigt diese Richtung: Bei 37 von 40 Dax-Werten verlaufen die aktuellen Kurse derzeit unterhalb der 200-Tagelinie. Das sind 93 Prozent, eine ausgesprochen hohe Baisse-Quote. Zudem zeigt bei 29 Aktien die 200-Tagelinie selbst mittlerweile nach unten. Beides kennzeichnet einen hochdynamischen und stabilen mittelfristigen Abwärtstrend. Allerdings: Gerade weil durch die hohe Volatilität der vergangenen Tage der Abstand zur 200-Tagelinie in vielen Fällen ungewöhnlich groß geworden ist, besteht die Chance auf schnelle und ausgeprägte Zwischenerholungen.

Das betrifft auch den Dax selbst. Aktuell verläuft die 200-Tagelinie im Dax bei 15.517 Punkten, seit der dritten Februar-Woche zeigt sie nach unten. Das ist zunächst ein ganz klarer Abwärtstrend. Beim jüngsten Tief um 12.430 wurde ein Abstand der aktuellen Notierungen von der 200er-Linie von 20 Prozent erreicht. Dieser Abstand ist überdurchschnittlich groß, hat aber noch nicht die Werte des Lehman-Crash oder des Coronacrash erreicht, die bei über 30 Prozent lagen. Der Aktienmarkt ist damit derzeit deutlich überverkauft und immer wieder reif für eine schnelle Zwischenerholung, die sich bei einem Anstieg des Dax über 14.000 Punkte sogar deutlich beschleunigen dürfte. Die Panik ist aber noch nicht so überzogen, dass sie automatisch den Tiefpunkt des Marktes signalisieren muss. 

Immerhin, einen wichtigen Rettungsanker hat der Dax dabei: die US-Börsen. Einen extremen Crash im Dax allein ohne eine entsprechende Entwicklung an den amerikanischen Aktienmärkten hat es noch nie gegeben. Wenn Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq nicht ins Leere fallen, dürfte auch der Dax in seiner Abwärtstendenz keine Extremwerte erreichen. Gründe, dass die US-Aktien in der aktuellen Entwicklung weiterhin relativ gut abschneiden, gibt es. Amerika ist wirtschaftlich als großer Produzent von Öl, Gas, Nahrungsmitteln und Rohstoffen ein Gewinner der hier aktuell extrem gestiegenen Preise. Dow-Aktien wie Exxon oder Chevron profitieren enorm von der Ölpreishausse, die weltgrößten Rüstungsunternehmen wie General Dynamics oder Lockheed Martin bekommen im Zuge der Aufrüstung neue Milliardenaufträge. Rückwirkungen der Russlandsanktionen haben US-Unternehmen kaum zu fürchten; und angesichts der schweren Krise, die sich im Osten Europas derzeit abspielt, strömt ohnehin massiv Kapital in die USA

Glyphosatklage gegen Bayer „Die Definition von Wahnsinn“

Brent Wisner stieß 2018 die Glyphosatklagewelle gegen Bayer an. Er rätselt bis heute über die Strategie des Konzerns – und zeichnet ein düsteres Bild über die Zukunft des Chemieriesen.

Finanzen in der Beziehung Wenn das Gemeinschaftskonto zur Steuerfalle wird

Ein gemeinsames Konto wirkt wie der ultimative Vertrauensbeweis in einer Paarbeziehung. Doch steuerlich kann dieses Modell sehr riskant sein.

Hochbezahlte Junganwälte „Wer es bis zum Job in einer Großkanzlei bringt, ist härter als andere“

180.000 Euro Einstiegsgehalt, dafür ständige Erreichbarkeit und Nachtschichten: Wer schafft den Sprung in die Großkanzlei? Und was treibt diese Elite von Junganwälten an?  

 Weitere Plus-Artikel lesen Sie hier

Der Zinsvorsprung der Amerikaner tut dabei sein Übriges. Zehnjährige US-Anleihen rentieren mit 2,0 Prozent; das sind 1,7 Prozentpunkte mehr als Bunds. Eine Zinserhöhung von 0,25 Prozent, die von der Notenbank Fed bei ihrer Sitzung am 16. März womöglich verkündet wird, dürfte hier schon eingepreist sein. 

Lesen sie auch: Ukraine-Krieg als Weckruf: So schützen Anleger jetzt ihr Geld

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%