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Riedls Dax-Radar
Schillernde BMW-Front Quelle: imago images

Das Comeback der Autoaktien

Die Kursgewinne von Volkswagen, BMW und Daimler sind ein Motor der aktuellen Dax-Erholung. Das Comeback der Autoaktien könnte den Dax auf neue Höhen hieven. Aber kurzfristig liegt eine Korrektur in der Luft.

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Dem Dax kommt derzeit etwas zugute, das lange Zeit sein Nachteil gewesen ist: Die entscheidende Rolle konjunkturabhängiger Werte, vor allem die der Autoaktien. Papiere von Volkswagen, Daimler und BMW wurden in den vergangenen Jahren aus drei Gründen schwer gedrückt: Wegen der Abgasproblematik, dem Paradigmenwechsel hin zu alternativen, vor allem elektrischen Antrieben und schließlich dem dramatischen Konjunktureinbruch, ausgelöst durch die Coronapandemie.

Die Ballung dieser Krisen führte dazu, dass Volkswagen, Daimler und BMW an der Börse nur noch für einen Bruchteil ihrer zum Teil dreistelligen Milliardenumsätze gehandelt wurden und sogar weit unter den Wert ihres Eigenkapitals sanken. Eine solche Kursentwicklung spiegelt ein gigantisches Misstrauen von Anlegern und Investoren wider – gegenüber einer Branche, die noch vor wenigen Jahren Weltspitze war. Was nun, wenn sich dieses kollektive Misstrauen als überzogen oder sogar als falsch herausstellen sollte?

Der Bundesgerichtshof hat in einem bemerkenswerten Spruch Volkswagen unmissverständlich dazu verurteilt, Kunden für manipulierte Fahrzeuge Schadensersatz zu bezahlen. Mit diesem bisher höchsten Urteil, das womöglich in ähnlichem Tenor auch vom Europäischen Gerichtshof in den nächsten Monaten zu hören sein könnte, werden sowohl Schuld als auch Schadensersatzpflicht der Autoindustrie eindeutig festgestellt.

Was auf den ersten Blick wie eine Niederlage für VW & Co aussieht, könnte für die Autoindustrie an der Börse nach langer Talfahrt die Wende markieren: Als klassischer Tiefpunkt, an dem das ganze Übel, über das jahrelang gemutmaßt und diskutiert wurde, nun endgültig aktenkundig geworden ist.

Es verwundert nicht, dass Volkswagen jetzt trotz der Verurteilung von einem Schlusspunkt spricht und zügig die Entschädigungen von Klägern verspricht. Der finanzielle Aufwand dafür dürfte ohnehin in einem Rahmen bleiben, der keine substanziellen Spuren mehr im Zahlenwerk der Autohersteller hinterlässt. Zwar sprechen zahlreiche Anwälte nun davon, dass es auf Jahre hinaus zu Schadensersatzprozessen komme. Doch selbst wenn die 60.000 Kläger, die es etwa hierzulande gegen Volkswagen noch gibt, den Wert eines Standard-Golfs bekämen, wären das über den Daumen gepeilt nur gut 1,5 Milliarden Euro. Auf den Aktienkurs durchgerechnet wären das drei Euro je Anteil, also praktisch nicht mehr zu spüren. Und selbst wenn auf europäischer Ebene noch weitere Klagen dazukommen, dürfte die finanzielle Belastung daraus merklich unter jenen 6,6 Milliarden Euro liegen, die Volkswagen zu Jahresbeginn für Rechtsrisiken und Eventualverbindlichkeiten in der Abgasproblematik zurückgestellt hat.

Auch auf dem zweiten Krisenfeld, dem Wandel der Antriebstechnik, gibt es Lichtblicke für die Autoindustrie. Nach dem Auflösen des Coronaschocks nehmen Daimler, Volkswagen und BMW wieder Fahrt auf in Richtung Elektromobilität. Daimler und Volkswagen sichern sich durch Zukäufe und Beteiligungen Zugriff auf Batterietechnik, BMW forciert nach langem Lavieren wieder seine Elektrostrategie – so wird darüber diskutiert, die gesamten Modelle der Kultmarke Mini auf E-Antrieb umzustellen.

Allen drei Fahrzeugkonzernen kommt zugute, dass sie entgegen der allgemeinen Wahrnehmung keine Krisenunternehmen sind, sondern gerade durch die Rekordverkäufe, die noch bis vergangenes Jahr anhielten, enorme Substanz aufgebaut haben. Noch heute gehört etwa die Bilanz von BMW zum Besten, was deutsche Konzerne hier zu bieten haben.

Das zweite Quartal könnte den Tiefpunkt markieren

Bleibt die Frage nach dem dritten großen Problem, die konjunkturellen Folgen der Coronakrise. Wann es hier eine echte Entspannung gibt, wird sich vorerst nicht sicher beantworten lassen. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass das zweite Quartal der Tiefpunkt des konjunkturellen Abschwungs gewesen sein könnte. Die Lockerungen des Shutdowns und das Wiederhochfahren von immer mehr Werken allein dürften schon dazu führen, dass die nächsten harten Zahlen nicht mehr ganz so düster ausfallen. Auch wenn es hier keine V-Erholung geben dürfte, also einen ebenso schnellen Anstieg wie den vorangegangenen Absturz, wird schon jede leichte Verbesserung an der Börse positiv aufgenommen.

Volkswagen-Aktien sind im Coronacrash auf unter 90 Euro gerutscht, auf das Niveau der Tiefpunkte in den schwachen Marktphasen 2011 und 2015/16. In der nachfolgenden Erholung ging es bisher auf gut 140 Euro hoch. Auch in diesem Bereich, in der Zone 140 bis 150 Euro, kommt es seit mehr als zehn Jahren immer wieder zu längeren Konsolidierungen. Es wäre kein Wunder, wenn VW-Aktien nach einem Anstieg auf rund 150 Euro dann im Zuge einer allgemeinen Marktkorrektur wieder etwas nachgeben, womöglich in den Bereich um 120 Euro.

Bei Daimler sehen die Vorzeichen ähnlich aus. Im Coronatief erreichte die Aktie das Baisse-Niveau von 2003, ging aber nicht ganz so weit zurück, wie in der Finanzkrise 2008/09. Dass die Aktie nun die langjährige Schiebezone um 30 Euro überwunden hat (hier kam es seit 2000 sechsmal zu markanten Tiefpunkten), ist ein gutes Zeichen und gibt kurzfristig Spielraum bis auf etwa 40 Euro. Bei BMW liegt diese Hoffnungszone zwischen 45 und 50 Euro. Der Anstieg darüber ist mittelfristig ein wichtiges Entspannungssignal.

Die drei Autoaktien und dazu noch Zulieferer Continental machen derzeit nur noch knapp 15 Prozent der Dax-Gewichtung aus. In den klassischen Autozeiten lag dieser Anteil gut doppelt so hoch. Sollten die Autoaktien langfristig doch einmal wieder an ihre alte Qualität anschließen, könnte dieser Aufholprozess allein im Dax 1500 bis 2000 Indexpunkte Extragewinn bedeuten.

Fazit für den Gesamtmarkt: Der Dax ist in den vergangenen Tagen nicht auf 10.200 Punkte abgerutscht, sondern hat mit Leichtigkeit die 11.000er-Marke genommen. Seit dem Tief am 14. Mai, als in den USA der Aktienmarkt aus dem Stand nach oben drehte, hat der Dax fast 1500 Punkte zugelegt. Das ist angesichts der vielfachen Krisenphänomene eine starke Leistung. Sie müsste eigentlich ausreichen, den Dax bis an die Durchschnittslinie der vergangenen 200 Börsentage zu bringen, die in klassischer Berechnung derzeit bei 12.105 Punkten verläuft. Anders ausgedrückt: Sollte der Dax doch nicht bis zu dieser zentralen Wegmarke der mittelfristigen Markttendenz kommen, wäre das ein Schwächesignal, das gar nicht zur Entwicklung der vergangenen Wochen passen würde. Die Autoaktien jedenfalls hätten kurzfristig noch genug Antrieb, den Dax auf gut 12.000 Punkte zu bringen.

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