Riedls Dax-Radar
Dax, Linde, Mercedes-Benz Quelle: REUTERS

Dax-Erholung könnte im August wieder abkippen

Weil die Inflation nicht noch schlimmer wird, setzen die Börsen schon wieder auf Zinsentspannung. Stärke zeigen im Dax Linde und Mercedes-Benz, Fresenius und FMC dagegen stürzen ab. Die große Zitterpartie an den Aktienmärkten ist noch nicht vorbei.

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Die amerikanische Notenbank fährt das heftigste Zinserhöhungsprogramm seit Jahrzehnten, und doch steigen die Aktien. Ist die alte Logik, dass höhere Zinsen Gift für die Börse sind, außer Kraft gesetzt? Keineswegs, denn für die aktuellen Kursgewinne gibt es mehrere Gründe:

  • Die Hightechaktien und hier vor allem die Chipwerte stehen seit Jahren an der Spitze des Börsenzyklus. Schon Ende 2021 und dann besonders im Januar 2022 kam es hier zu den ersten Verlusten. Auch jetzt wird die Erholungsbewegung wieder von den Technikwerten angeführt
  • Die Unternehmensergebnisse des zweiten Quartals waren zwar bisher nicht berauschend, aber eben auch nicht so katastrophal, wie die allgemeine Stimmung beim Markttief im Juni. Das lässt Raum für die klassische Vorgehensweise „to buy on bad news“. 
  • Die Inflation ist zwar in absoluten Zahlen außergewöhnlich hoch, zuletzt gab es aber keine weiteren Steigerungen mehr. Hintergrund sind deutliche Preisrückgänge auf den Rohstoffmärkten, vor allem bei Metallen und Agrarwerten. 
  • Die Anleihemärkte nehmen die Preisentwicklung seit Wochen vorweg. Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen sind seit ihrer Spitze von 3,5 Prozent Mitte Juni nun auf 2,65 Prozent zurückgekommen. Das ist der tiefste Stand seit Anfang April und hat an den US-Bondmärkten umfangreiche Long-Spekulationen ausgelöst – Investments auf fallende Zinsen. Für zehnjährige Bundesanleihen haben sich die Renditen seit Mitte Juni von 1,76 Prozent auf 0,80 Prozent mehr als halbiert. 
  • Hintergrund des deutlichen Zinsrückgangs an den Bondmärkten ist die Abschwächung der Wirtschaft. Nachdem die Wirtschaft in den USA im zweiten Quartal um 0,9 Prozent geschrumpft ist, besteht hier nun Rezession. Das wird zwar mit dem Attribut „technisch“ abgeschwächt, ändert aber nichts am laufenden Abwärtstrend der Konjunktur
  • Bei alledem wurden seit Frühjahr von großen amerikanischen Hedgefonds publikumswirksam umfangreiche Baisse-Positionen aufgebaut. Die erhöhten in den vergangenen Monaten den Druck auf die Kurse – und sie verstärken jetzt die Erholung, weil es zu Rückkäufen der zuvor auf den Markt geworfenen Papiere kommt. Die schnellen Kursgewinne im Technologiebereich sind ein typisches Zeichen dafür. 

Insgesamt hat die Erholung im Technologieindex Nasdaq-100 in sechs Wochen 17 Prozent Plus gebracht, im Dow Jones zehn Prozent. Im Dax sind seit Anfang Juli bisher acht Prozent aufgelaufen. Der vorangegangene Rückgang hatte dem Dax 16 Prozent Verlust beschert. Damit besteht immer noch ein Verhältnis von zwei zu eins im übergeordneten Abwärtstrend.

Dennoch, durch die Stabilisierung der vergangenen sechs Wochen hat sich auch an der deutschen Börse die Marktverfassung verbessert. Von großen Unternehmen wie BASF oder Volkswagen kamen trotz des schwierigen Umfelds ansehnliche Zahlen, Mercedes-Benz kann seine Ziele sogar heraufsetzen. 

Linde, mit 146 Milliarden Euro Börsenwert wichtigste Einzelaktie im Dax, setzt seine Erfolgsgeschichte fort, als ob es keine Krise gäbe. Bei einer Nettomarge, die an die 15 Prozent geht, könnte in diesem Jahr bei 34 Milliarden Euro Umsatz an die fünf Milliarden Euro Reingewinn bleiben. Linde-Aktien sind zwar mit einer vierfachen Umsatzbewertung so teuer wie ein Pharmaunternehmen, angesichts der Rentabilität und der stabilen Gewinne hat Linde aber eben auch solche Qualitäten. 

Fresenius-Krise begann schon vor der Pandemie 

Zum großen Börsendrama indes entwickelt sich Gesundheitskonzern Fresenius und hier vor allem der Dialyseableger Fresenius Medical Care. Eine abermalige Gewinnwarnung ließ FMC-Aktien nun bis auf das Niveau von 2009 abstürzen. 

Es wird oft darauf hingewiesen, Fresenius sei ein Opfer der Pandemie, weil dies Dialysebehandlungen wesentlich aufwendiger mache und das Krankenhausgeschäft beeinträchtigt werde. Das aber ist nur die halbe Wahrheit. Die Krise bei Fresenius und FMC begann schon Jahre vorher mit einer überhasteten und dann fehlgeschlagenen Übernahmepolitik, hohen Schulden und überraschend zurückgenommenen Geschäftsprognosen. In den Aktienkursverläufen von Fresenius und FMC fand der dramatische Schnitt im Oktober 2018 statt – im Umfeld des Desasters um die gescheiterte Übernahme des amerikanischen Arzneimittelherstellers Akorn. 

Analytisch mögen Fresenius und FMC mittlerweile günstig geworden sein. Unternehmensstrategisch und operativ aber muss jetzt die Wende erst einmal bewiesen werden. Die Börse hat ein Gedächtnis. Wie in anderen Fällen, wenn es zu wiederholten Enttäuschungen kommt – das zeigt das Drama um Bayer – dauert es an den Märkten lange Monate, wenn nicht sogar Jahre, bis das Vertrauen wieder hergestellt ist. 

Kurstechnisch hat Fresenius Medical Care bei Notierungen um 36 Euro die wichtige Unterstützung der Aktiennotierungen aus den Jahren 2007 bis 2010 erreicht. Zudem hat der Absturz des Jahres 2022 etwa das gleiche Ausmaß wie der erste Kursabsturz Ende 2018. Das könnte darauf hindeuten, dass der Bereich 35 bis 40 Euro zu einer Ausverkaufszone wird und ein schneller, spekulativer Rebound möglich ist. Für eine nachhaltige Wende des Kurses allerdings wird FMC jetzt einmal eine ganze Reihe substanziell guter Quartalsberichte vorlegen müssen. 

Fazit für den Dax: Die Hoffnung, dass die Inflation ihren Peak erreicht haben könnte und die Notenbanken nach ihrer aktuellen Straffungspolitik dann von 2023 an wieder auf Expansion schalten, treibt die Kurserholung an den Börsen. Während vor sechs Wochen das Narrativ des großen Untergangs die Runde machte, steht jetzt die Hoffnung im Vordergrund, die Dreifachkrise aus Inflation, Rezession und geopolitischen Spannungen könnte schon in den nächsten Monaten überwunden werden. 

Die aktuellen Zahlen der Unternehmen zeigen, dass beide Szenarien wohl übertrieben sind. Die meisten Unternehmen sind vergleichsweise passabel durch die Krise der vergangenen Monate gekommen; nach einem Kollaps der Wirtschaft sieht das jedenfalls nicht aus. Auf der anderen Seite bedeutet dies nicht automatisch das Ende der Krise. Die geldpolitischen Maßnahmen der Notenbanken haben erst begonnen und werden sich in den nächsten Monaten Schritt für Schritt auswirken. Große Wirtschaftsbereiche wie etwa der Immobilienmarkt sind nicht einfach nach einigen Wochen schon bereinigt. Das alles spricht eher dafür, dass die große Zitterpartie an den Aktienmärkten noch nicht beendet ist. 

Kurzfristig wäre es für den Dax ein wichtiges Signal, wenn er über das Kursniveau um 13.400 Punkte käme. Dann könnte er noch im August bis in den Bereich um 14.000 Punkte vordringen. Schon zwischen 13.600 bis 13.800 dürfte es dabei spannend werden. Hier besteht eine alte Kurslücke (Gap) von Mitte Juni, zudem verläuft hier die Durchschnittslinie der vergangenen 100 Tage; beides kann die Kurse anziehen wie ein Magnet. 

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Sollte sich die Erholung im August fortsetzen, würde sie dann in Kürze sowohl an den US-Märken wie im Dax eine Zeitspanne von sechs bis neun Wochen umfassen. Damit wiederum hätte sie das typische Ausmaß eines kurz- bis mittelfristigen Trends, dem in der Regel dann wieder eine Gegenbewegung folgt. Das aber bedeutet: Die Gefahr, dass es nach der aktuellen Hoffnungsrally dann im September oder Oktober doch nochmals einen Abschwung gibt, ist trotz aller Zinsentspannungshoffnungen nicht vom Tisch.

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