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Riedls Dax-Radar

Dax und VW-Aktie suchen nach Halt

Neue Konjunkturrisiken und der VW-Schock können den Dax noch weiter nach unten ziehen. Eine ganze Reihe von Verkaufssignalen spricht dafür, dass die Baisse noch nicht ausgestanden ist.

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Börsenindex Dax und Volkswagen-Aktie erlitten herbe Verluste Quelle: REUTERS

Auf die deutsche Wirtschaft kommen mehrere Belastungen zu, die Börsianer so vor einigen Monaten noch nicht auf dem Schirm hatten. Die chinesische Wirtschaft verliert weiter an Dynamik, auch wenn sie von einem Schrumpfungsprozess noch weit entfernt ist. Die Schwellenländer, allen voran Russland und Brasilien, werden von der Rohstoffbaisse nach unten gezogen.

Als Folge der kriegerischen Konflikte in der arabischen Welt entstehen für die deutsche Wirtschaft neue, unerwartete Aufwendungen, die zunächst finanziert werden müssen. Und dann gerät durch das Diesel-Desaster von VW auch noch der Deutschen liebste Branche unter Generalverdacht, die Autoindustrie. Fast schon in Vergessenheit gerät die Krise um Griechenland, als deren Folge ebenfalls erhebliche Finanzleistungen von Deutschland erwartet werden.

Selbst wenn der jüngste Ifo-Index bisher noch erstaunlich robust war, der nächste dürfte schwächer ausfallen. Insgesamt ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass die bis vor kurzem durchaus positiven Konjunkturprognosen auch so schön aufgehen.

Börse nimmt Autobauer in VW-Sippenhaft

Von wegen Gefahr von der Fed

Noch bis vor wenigen Monaten wurde die Aussicht auf eine Zinserhöhung durch die Fed als größte Gefahr für die Börsenentwicklung genannt. Nun, von einer echten Zinserhöhung dürfte die amerikanische Notenbank weiter denn je entfernt sein. Denn so wie Deutschland keine Insel der Seligen ist, trifft das auch auf die USA  zu. Die amerikanische Wirtschaft ist in keiner schlechten Verfassung, aber nicht so robust, dass die Notenbank ohne Scheuklappen einfach die Zinsen heraufsetzen könnte, nur weil der Arbeitsmarkt einmal etwas besser aussieht.

Eine wichtige Indikation für die weitere Zinspolitik gibt die Entwicklung Dollar zu Euro. Im ersten Moment, als bekannt wurde, dass die Fed die Zinsen doch nicht erhöht, konnte der Euro etwas zulegen, der Dollar verlor an Boden. Doch schon kurz danach setze sich die übergeordnete Tendenz wieder durch: schwächerer Euro, stärkerer Dollar. Die Gründe sind die alten: stärkere US-Wirtschaft, höheres Zinsniveau, insgesamt eher die Einstufung als sicherer Hafen im Vergleich zur wackligen Entwicklung in Europa.

Indes, für die deutschen Börsenunternehmen ergibt sich genau deshalb eine wichtige Unterstützung: Die niedrigen Zinsen der Fed halten weltweit das Zinsniveau am Boden; und im internationalen Geschäft profitieren die Exporteure weiterhin vom schwachen Euro.

Auch der Kursverlauf selbst signalisiert für die nächsten Monate eher einen rückläufigen Euro. Ende August hatte es einen kurzen Anstieg des Euro über die wichtige Grenze bei 1,15 Dollar gegeben. Hieraus hätte eine längere Stärkephase der europäischen Währung entstehen können. Dass der Euro aber innerhalb weniger Tage wieder unter 1,15 Dollar rutschte, war ein klares Schwächezeichen. Die nächsten Ziele liegen nun bei 1,08 Dollar und 1,05 Dollar, sie können noch dieses Jahr erreicht werden.

Dax-Risiko reicht zunächst bis 8500 Punkte

Im Dax kam es durch die Gemengelage der Risiken zu dem erwarteten zweiten Rückschlag. Nur um wenige Punkte wurde das Tief vom August, das im Tagesverlauf bei 9338 lag, verfehlt. Dass der Dax auf dieser Basis am Freitag (25. September) eine fulminante Erholung startet, ist kein Wunder und zeigt nur, wie wichtig die Unterstützung beim alten Tief ist. Gemessen am Schlusskurs hat der Dax bei 9428 sogar ein neues Tief markiert. Beides sind Zeichen dafür, die für weitere Abwärtsrisiken sprechen.

Durch den starken Rückgang der vergangenen Tage hat der Dax eine ganze Reihe schwerer Verkaufssignale gegeben. Erstens ist er aus dem seit 2011 bestehenden Aufwärtstrendkanal gefallen. Zweitens pendelt er weit unterhalb der 200-Tage-Linie, die nun nach unten dreht und zudem von der 100-Tage-Linie auch noch geschnitten wird. Drittens lassen sich die Schwankungen der vergangenen Monate als obere Wendeformation deuten, aus der die Kurse nun mit Nachdruck nach unten herausgefallen sind.

Bei einer solchen Anhäufung klassischer Verkaufssignale ist es wenig wahrscheinlich, dass der Rückgang schon nach wenigen Wochen abgearbeitet ist. Als Mindestziel rückt damit die nächste große Unterstützungszone in den Blick, die bei rund 8500 liegt. Hier war das Tief von 2014 und hier verläuft der nächste große, seit 2009 bestehende Aufwärtstrend. Die hohe Dynamik der Märkte macht es wahrscheinlich, dass der Dax diesen Trend in den nächsten Wochen zumindest testen wird.

Finger weg von VW-Aktien

Nachdem schon mit den Versorgern eine einstmals schwere Anlageklasse sich in Luft auflöst, trifft es jetzt Volkswagen. Immerhin, ein wichtiger Unterschied zu RWE und E.On besteht: Während den Energiekonzernen das komplette Geschäftsmodell weggebrochen ist, erleidet VW nur einen Frontalunfall. Insofern dürfte sich die Entwicklung der VW-Aktie anders vollziehen als die lange und schwere Baisse der Versorger.

Auf eine schnelle Erholung nach dem gigantischen Wertverlust zu setzen, dürfte aber verfrüht sein. Denn wie hoch die Belastungen für VW am Ende wirklich werden, kann heute noch niemand sagen. Die Spannweite geht von den angekündigten Rückstellungen von 6,5 Milliarden Euro bis hin zu dreistelligen Milliardenbeträgen, auf die sich Strafen und Schadensersatzzahlungen summieren könnten.

Vergleichen könnte man VW eher mit BP und den Folgen des Ölkatastrophe im Golf von Mexico 2010. Hier dauerte es mehrere Jahre, bis die Gesamtbelastung von rund 55 Milliarden Dollar absehbar war. Mehrere Jahre litt auch die Aktie unter dieser Unsicherheit. Zwischendurch gab es zwar immer wieder mittelfristige Erholungsphasen, die geübte Trader vielleicht reiten können. Ein langfristiges Investment entstand damit aber nicht.

Börse



Danach sieht es bisher auch bei VW aus. Im ersten Schock rutschte die Aktie bis in die Zone um 100 Euro. Hier sind nach den bisher großen Verlusten immer wieder Gegenbewegungen möglich. Dass dies schon der Tiefpunkt war, ist angesichts der anstehenden Unsicherheiten und der Langwierigkeit juristischer Auseinandersetzungen (vor allem in den USA) wenig wahrscheinlich.

Die nächste Unterstützungszone liegt um 85 Euro. Hier könnte es eine Stabilisierung inklusive mittelfristiger Erholungen geben. Sollten auch 85 Euro nicht halten, droht ein Rückschlag bis auf 50 Euro. Das erscheint derzeit zwar wenig wahrscheinlich, aber die extrem heftigen Kursausschläge signalisieren, dass die VW-Aktie ein völlig neues Niveau finden muss – und Märkte neigen in solchen Phasen gern zu Übertreibungen.

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