Riedls Dax-Radar

Kursrutsch an den Börsen

Der Aktienmarkt steht auf der Kippe

Nach den jüngsten, schweren Kursverlusten wird eine Erholung immer wahrscheinlicher. Die Risiken am Aktienmarkt sind damit aber nicht vom Tisch.

Wie angespannt die Situation am deutschen Aktienmarkt ist, zeigt eine Kurve ganz besonders: Das Schwankungsbarometer VDax. In diesem Index stecken die Erwartungen, die professionelle Anleger an den Markt haben: Je höher der VDax, desto größere Kursausschläge werden erwartet. Am Freitag hat der VDax mit Werten um 20 Prozent den höchsten Stand seit zehn Monaten erreicht. Für Anleger bedeutet das: Der ruhige Aufstieg der vergangenen Monate ist zunächst einmal beendet; allerdings ist die Situation noch nicht so extrem, dass man von einem Crash oder Ausverkauf reden kann.

Die zweite Kurve, die als klassisches Krisenbarometer dient, hat bisher kaum reagiert: Der Goldpreis. Er pendelt weiter in der Bandbreite der vergangenen Wochen zwischen 1330 und 1360 Dollar je Unze. Aktuell notiert Gold sogar am unteren Rand dieser Spanne. Grund dafür ist zum einen der Zinsanstieg, da höhere Zinsen ein klassischer Gegner des zinslosen Goldes sind. Zum anderen kam, zumindest kurzfristig, der Dollar-Verfall zum Stehen. Insgesamt spricht die jüngste Lethargie des Goldpreises dafür, die aktuellen Turbulenzen nicht als Systemkrise einzustufen, sondern zunächst als Korrekturphase.

Allerdings, einfach wieder zur Tagesordnung übergehen sollten Anleger nicht. Der Kursverfall der vergangenen Tage hat allen Investoren gezeigt, wie schnell sich mühsam über Wochen aufgebaute Kursgewinne in Luft auflösen. Eine solche Verunsicherung führt dazu, dass es in der nächsten Erholungsphase vermehrt zu Verkäufen kommt, weil viele Anleger noch auf guten Buchgewinnen sitzen.

Der Dow Jones hat noch 2000 Punkte Spielraum

Der wichtigste Aktienmarkt, an dem die große Tendenz der nächsten Wochen ausgemacht wird, ist die amerikanische Börse. In sechs Tagen hat der Dow Jones rund 1000 Punkte verloren. Das war der stärkste Einbruch der gesamten Trump-Rally seit Herbst 2016. Gebrochen wurde der kurzfristige, seit November laufende Trend. Der seit September laufende Trend hält noch. Und zur 200-Tage-Linie, die den mittel- bis langfristigen Trend markiert, hätte der Dow sogar noch 2000 Punkte Luft.

Im Dax ist die Situation weniger komfortabel. Hierzulande ist der Leitindex schon marginal unter die 200-Tage-Linie gerutscht. Zugleich konnte er auch nicht mehr die letzten mittelfristigen Tiefpunkte verteidigen, die (im Tagesverlauf) bei rund 12-850 Punkte lagen. Beides sind ernste Warnsignale. Die gleiche Schwäche wie der Dax zeigt auch der europäische Aktienindex Stoxx 600, der ebenfalls den Trend der vergangenen Monate gebrochen hat.

Die brenzlige Situation der Kurskurven passt zum fundamentalen Umfeld. Es sind vor allem zwei Entwicklungen, die viele Anleger und Banken bisher nicht auf ihrer Rechnung hatten: den starken Anstieg des Euro und die deutliche Aufwärtsentwicklung der Zinsen.

In der Spitze hat der Euro in den vergangenen Tagen das Niveau um 1,25 Dollar erreicht. Die gesamte Bandbreite zwischen 1,23 und 1,27 ist seit 15 Jahren eine ausgeprägte Schiebezone zwischen Euro und Dollar. Das lässt erwarten, dass es hier auch jetzt wieder nicht in einem Zug durchgeht. Nachdem der Euro in drei Monaten fast 10 Cent gegenüber dem Dollar gewonnen hat, wird eine Verschnaufpause immer wahrscheinlicher.

Die Erholung kommt, wenn sich Euro und Zinsen beruhigen

Das gilt auch für die Zinsen: Sowohl in den Vereinigten Staaten wie auch an den europäischen Anleihemärkten gab es in den vergangenen Wochen einen heftigen Kursverfall und einen starken Zinsanstieg. Doch weil nun die Unsicherheit wächst, könnte das auf dem gedrückten Niveau wieder zu Käufen von Bonds animieren. Das würde den jüngsten Zinsanstieg am langen Ende erst einmal deckeln.

Was Anlegern 2018 die Partylaune verderben könnte
Aggressive Zinserhöhungen der US-NotenbankenWegen des kräftigen US-Wachstums könnte die US-Notenbank die Zinsen schneller anheben als gedacht. Analysten rechnen bislang meist damit, dass die Fed den Schlüsselsatz 2018 wie von ihr signalisiert drei Mal anhebt. Eine aggressivere Straffung der Geldpolitik würde die Renditen der Staatsanleihen nach oben treiben, sagt Portfolio-Manager Paul Nolte vom Vermögensverwalter Kingsview. Dadurch würden Bonds zu einer ernstzunehmenden Anlage-Alternative zu Aktien. Quelle: REUTERS
Anstieg der InflationAls möglichen Auslöser für eine raschere Straffung der Geldpolitik sehen Experten einen kräftigen Anstieg der Inflation.
WahlenDie für März erwartete Parlamentswahl in Italien ist für Raphael Chemla, Leiter Finanz- und Hochzinsanleihen beim Vermögensverwalter Edmond de Rothschild, das größte politische Risiko in Europa. Ein Sieg der europakritischen Fünf-Sterne-Bewegung würde Anleger nervös machen. In den USA werden im Herbst Teile des Kongresses neu gewählt.
Politische SpannungenWiederaufflammende Spannungen zwischen den USA und Nordkorea sowie im Nahen Osten sind nach Ansicht von Keith Leiner, Chef-Analyst des Vermögensverwalters SunTrust, ebenfalls große politische Risikofaktoren für die Aktienmärkte.
Überzogene BewertungenViele Firmen erhoffen sich zwar durch die jüngst beschlossenen US-Steuersenkungen zusätzliche Gewinne im kommenden Jahr. Einige Experten bezweifeln jedoch, dass der Anstieg ausreicht, um die bereits hohen Aktienbewertungen zu rechtfertigen. Im US-Index S&P 500 liegt das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) bei 18,5. Das bedeutet, dass der Aktienkurs den Gewinn je Aktie um das 18,5-fache übertrifft. Das ist der höchste Wert seit 2002. Im Dax liegt das KGV mit 16,2 ebenfalls über dem langjährigen Mittel von rund 15. Das Risikobarometer der Citigroup signalisiere eine 60-prozentige Wahrscheinlichkeit eines Rückgangs der Aktienkurse 2018, sagt Tobias Levkovich, Chef-Anlagestratege für die USA bei der Großbank. Quelle: AP
Turbulenzen bei Bitcoin & Co.Die große Unbekannte für die Aktienmärkte ist die Entwicklung des Bitcoin. Der Kurs der Cyber-Devise stieg bis Mitte Dezember 2017 auf fast 20.000 Dollar. Diese Aufwärtsdynamik verpuffte jedoch im neuen Jahr, der Bitcoin fiel wieder auf rund 7000 Dollar. Mitte Februar notierte die Kryptowährung wieder um die 10.000 Dollar. Die Schwankungen spiegeln wider, dass große Unsicherheit unter den Anlegern herrscht und immer mehr professionelle Anleger auf dem engen Markt mitmischen, die ihr Portfolio jenseits des Aktienmarktes breiter aufstellen wollen. Quelle: REUTERS

Eine Verschnaufpause im Euro und eine Entspannung bei den Zinsen wären das fundamentale Umfeld für eine Erholung der Aktienmärkte. Im Dax könnte die Zone um die 200-Tage-Linie die Basis dafür werden, im Dow Jones der Trend der vergangenen Monate. Ob ein solch kurze Erholung dann aber stark genug ist, die Verluste der vergangenen tiefroten Woche auszugleichen, ist fraglich.

Fazit für Anleger: Im Dax und an den europäischen Börsen gibt es Verkaufssignale, die mindestens für eine größere Korrektur sprechen. Unabhängig davon, ob daraus eines Tages sogar das Ende der gesamten Hausse werden sollte, ist es wenig ratsam, eine solche Zitterpartie mit vollem Depot durchstehen zu wollen.

Es ist abzusehen, dass viele Anleger die nächste Kurserholung für Verkäufe nutzen. Für antizyklische Käufe hingegen ist es noch viel zu früh. Nach einer so steilen Hausse, wie sie die Börsen in den vergangenen Monaten absolviert haben, ist eine Korrektur nicht einfach mit ein oder zwei Tagen beendet.

Dax erholt sich nicht

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%