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Riedls Dax-Radar

Der Dax setzt auf Europa

Solange die Europa-Entscheidung der Briten nicht feststeht, dürfte die Korrektur an den Aktienmärkten anhalten. Immerhin, der robuste Dax ist ein europafreundliches Vorzeichen.

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Einzelne europäische Werte werden abgestraft, aber insgesamt bleibt der Markt stabil Quelle: REUTERS

Die Phase extrem niedriger Zinsen wird in Europa länger anhalten, als bisher gedacht. Man könnte sogar sagen, sie wird zum Dauerzustand. Denn die Schulden- und Konjunkturprobleme, die sich weiterhin abzeichnen, sind sicher nicht geeignet dafür, dass die EZB den Hebel umlegt.

Und zunächst einmal gibt sie Gas. Ab 8. Juni wird sie auch Unternehmensanleihen aufkaufen, monatlich im Volumen mehrerer Milliarden Euro. Es wird nur solide Anleihen treffen – aber genau darin liegt das Problem für Privatanleger: Die EZB wird dazu beitragen, dass auch noch die letzten einigermaßen rentablen Papiere unter den weniger riskanten Anleihen nichts mehr bringen.

Schon heute gibt es von großen, starken Unternehmen selbst für mittlere Laufzeiten kaum noch mehr als ein Prozent. Wenn man da noch Gebühren und Steuern abzieht, bleibt selbst bei Null-Inflation nichts mehr übrig.

Immer noch besser, als mit dem Kauf von Bundesanleihen Geld zu verbrennen, mag man einwenden. Doch in der Praxis läuft es für die meisten Anleger anders: Auf der Suche nach den letzten, noch verbliebenen Prozenten gehen sie immer weiter ins Risiko.

Wie gefährlich das für die Depots privater Anleger wirklich ist, dürfte sich erst in den nächsten Jahren erweisen. Denn sowohl bei vielen hochverzinslichen Anleihen von Unternehmen als auch von Staaten ist die Gefahr groß, dass die Zinsen gar nicht effektiv verdient werden – und die Tilgung nur durch die Aufnahme wieder neuer Schulden möglich ist. Die Risiken, die sich in den Depots auftürmen, werden damit nur vertagt.

Der Euro gerät in die Defensive

Ein wachsendes Systemrisiko kommt hinzu. In den vergangenen Monaten hat sich der Euro noch ziemlich gut behauptet – und die These, dass der Euro an den Märkten robuster sei, als ihn viele Kommentare erscheinen lassen, wurde auch hier an dieser Stelle vertreten.

Dennoch braut sich durch die immer stärker werdenden, divergierenden Kräfte in Europa etwas zusammen, das für den Euro kein Vorteil ist. Die antieuropäischen Tendenzen in Polen, Ungarn, Großbritannien und anderen Länder haben mittlerweile eine Dimension erreicht, die man nicht mehr als Extremismus abtun kann. Im Gegenteil: Noch nie seit der Gründung der EU waren die antieuropäischen Kräfte so stark wie heute.

Der Abstimmung der Briten am 23. Juni über den Verbleib in der EU kommt damit eine besondere Bedeutung zu: Auch wenn Großbritannien immer eine Sonderrolle spielte, wenn es um Europa ging – sollte es zu einem deutlichen Votum gegen die EU kommen, drohen erhebliche negative Folgen für Wirtschaft, Währung und Kapitalmärkte.

Kein Anleger sollte vergessen, dass der gesamte Wirtschaftsanstieg Europas nach dem Zweiten Weltkrieg untrennbar mit dem europäischen Einigungsprozess verbunden war. An den Aktienmärkten kam es deshalb zur ersten großen Hausse, die in Deutschland bis in die Sechzigerjahre dauerte. Die zweite große Hausse von 1982 bis 2000 verdankten die Märkte abermals einer übernationalen Tendenz, der Globalisierung. Sollte sich diese für Wirtschaft und Märkte positive Grundrichtung umkehren, ist die Aussicht auf eine nachhaltige Hausse dahin.

Gesamtmarkt bleibt robust

Natürlich gibt es Argumente, die auch weiterhin für Aktien sprechen. Zuallererst ist das die enorme Geldschwemme und der Anlagenotstand, der – wie eingangs bei Anleihen beschrieben – auf immer mehr Märkten offensichtlich wird: Von Immobilien über Oldtimer bis zu Kunst oder Special Interest (Comics, altes Spielzeug).

Für den Aktienmarkt wirkt diese enorme Liquidität wie ein Netz, in dem selbst Aktien teurer und wenig wachstumsstarker Unternehmen nach Kursrückgängen wieder aufgefangen werden. Dieser Effekt zeigte sich, als der Dax Anfang Mai unter die 10.000er-Marke rutschte und gleich wieder nach oben gekauft wurde. Und es ist spürbar am Dow Jones, der in den vergangenen 15 Monaten zwei veritable Abstürze verkraftet hat und danach eben nicht nach unten gedreht hat.

Faktisch dürfte die Liquidität so groß sein, dass selbst eine moderate Zinserhöhung in den USA an dieser Antriebskraft nichts ändert. Und dass die Fed angesichts der nur langsam wachsenden US-Wirtschaft demnächst mit dem schweren Zinshammer kommt, ist unwahrscheinlich.

Einzelwerte Angeschlagen, Gesamtmarkt dennoch robust

Am deutschen Aktienmarkt sieht die Indexkurve selbst derzeit besser aus als das Bild, das zahlreiche Einzelwerte ergeben. Der Dax hat durch den jüngsten Anstieg nicht nur die Durchschnittslinie der vergangenen 200 Börsentage wieder übersprungen; er hält sich seit Beginn der Konsolidierung (Ende April) auch ziemlich gut in der Spannbreite zwischen 9700 und 10.400 Punkten.

Dass er bei dieser Konsolidierung, die immerhin einer Anstiegsphase von 8700 auf 10.500 Punkte folgt, bisher nicht mehr Terrain verloren hat, ist ein Zeichen innerer Stärke. Je besser sich der Dax in der aktuellen Konsolidierung hält, desto größer sind die Chancen für einen deutlichen Anstieg danach.


Wenn man will, kann man in dieser Marktstärke sogar eine Indikation für die Brexit-Entscheidung sehen: Geht es nach dem Dax, bleiben die Briten in der EU.

Bei den Einzelwerten im Dax sieht es wackliger aus. Vor allem klassische, schwere Industriewerte (BASF, BMW, Daimler) sehen kurz- bis mittelfristig angeschlagen aus, Bayer (mit gut 70 Milliarden Euro Börsenwert immer noch die Nummer vier im Dax) hat sogar langfristig nach unten gedreht. Unentschieden sehen Allianz und Telekom aus. Am besten unter den großen Dax-Werten sind derzeit SAP und Siemens.

Für die Gesamttendenz heißt das: Die Gefahr einer großen Abwärtswende im Dax besteht derzeit kaum. Das wäre erst der Fall, wenn der Index unter 8700 Punkte rutschen würde. Dass er sich von dieser gefährlichen Untergrenze deutlich entfernt hat, ist ein gutes Zeichen für die nächsten Monate. Ein Anstieg über 10.500/10.600 würde sogar ein starkes Kaufsignal auslösen. Dazu allerdings braucht der Dax sicherlich ein gutes Umfeld – etwa eine für die EU positive Entscheidung der Briten am 23. Juni.

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