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Riedls Dax-RadarDeutsche Aktien: Vom Hoffnungslauf zur Zitterpartie

Während die EZB dem Aktienmarkt Rückhalt gibt, kommt die Fed mit der Keule. Die Aussicht auf eine strengere US-Geldpolitik könnte im Dax zu einem neuen Tiefentest führen.Anton Riedl 22.09.2023 - 14:31 Uhr

Die Fed lässt den DAX kurz vor 16.000 Punkten nach unten abprallen.

Foto: imago images, Collage: Marcel Reyle

Es sieht ganz so aus, als ob die amerikanische Notenbank wieder einmal der Game Changer der weltweiten Anlagemärkte wird. Während es zuletzt unter Investoren weitgehend ausgemachte Sache war, dass bei den Zinsen das Schlimmste überstanden sei und nun insgeheim schon mit Senkungen gerechnet wurde, macht die Fed einen dicken Strich durch diese Rechnung: Erstens sei die US-Wirtschaft, so Notenbankchef Jerome Powell, ziemlich stark und die Arbeitslosigkeit bleibe niedrig; zweitens dürfte es deshalb womöglich schon bald eine weitere Zinserhöhung geben; und drittens werde aller Wahrscheinlichkeit nach das Zielniveau der Zinsen insgesamt weiter oben liegen und von da aus erst später und dann auch nur leicht zurückgehen. Zudem wird die Fed durch Bilanzreduktion immer wieder Liquidität aus den Märkten nehmen. Kurz gesagt: Die Fed hat eine wesentlich striktere Haltung ihrer Geldpolitik als die Märkte dies bisher angenommen haben; und es sieht auch nicht danach aus, dass sie an diesem Kurse auf absehbare Zeit etwas ändert. 

Die Reaktion folgt auf dem Fuß. Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen, die sich schon seit einigen Tagen stabil über der Marke von 4,30 Prozent gehalten haben, springen nach oben. In kurzen Schüben sind sie mittlerweile bis auf 4,50 Prozent geklettert. Das ist der höchste Stand seit September 2007. Die hohe Dynamik könnte dazu führen, dass die Renditen schon bald bis in den Bereich des nächsten Hochs klettern, das im Sommer 2006 bei 5,15 Prozent lag. 

Weltweit werden die Anleihemärkte mitgezogen. Die Rendite für die in Europa dominierenden Bundesanleihen hat 2,75 Prozent erreicht. Die Dynamik ist hier weniger ausgeprägt als in den USA, weshalb der Euro erst einmal wieder zur Schwäche neigt. Die Notierungen öffentlicher Anleihen, die im Rex zusammengefasst sind, sinken unter 123 Punkte auf ein neues, langjähriges Tief. Ein weiterer Rückgang bis in den Bereich um 120, den Tiefpunkten der Jahre 2009 und 2011, wäre nun möglich. Auch wenn nach den jüngsten, schnellen Verlusten zwischenzeitlich immer wieder Erholungen bei Anleihekursen möglich sind, dürfte der Trend steigender Renditen weiter anhalten – und das Geschehen an den Wertpapiermärkten insgesamt überschatten. 

Anleger

Darum bieten die Anleiherenditen Anlass zur Sorge

Obwohl die Zinsen nicht mehr weit steigen dürften, bleiben die Anleihekurse unter Druck. Dahinter stecken wohl zwei Gründe – beide sind für Anleger nicht erfreulich.

von Julia Groth

Dax erst einmal bei 16.000 Punkten gescheitert

An den Aktienbörsen hat sich die Marktverfassung schwer eingetrübt. Der Stimmungswechsel begann schon am späten Freitag vergangener Woche. Bis zum Mittag war die Aufwärtsbewegung noch intakt und der Dax erreichte fast die Marke von 16.000 Punkten. Am Nachmittag dann aber kippten die Notierungen im Fahrwasser der schwächeren US-Börsen ab. Im Vorfeld der Fed-Entscheidung kam es noch einmal zu einer kurzen Hoffnungsrally; danach allerdings, nach dem harschen Statement der Fed, ging es umso deutlicher nach unten. 

Lesen Sie auch: Die größte Gefahr für die Fed lauert ausgerechnet in Washington

Nun müssen die Aktienmärkte die neue Linie der US-Notenbank erst einmal verarbeiten. Das Problem dabei: Die gesamten Schaukelbewegungen, die an den Börsen seit Frühjahr entstanden sind, nehmen immer mehr typische Formen einer langfristigen Top-Bildung an. Das bedeutet nicht, dass die Börsen jetzt automatisch abstürzen; es erhöht aber die Abwärtsrisiken und begrenzt das Potenzial nach oben.

Kurzfristig ist die Chance auf neue, positive Impulse eher gering. Auf der Inflationsseite deuten die zuletzt höheren Ölnotierungen auf ein weiter steigendes Preisniveau. Dazu kommt der Basiseffekt, der sich seit Überschreiten des Inflationspeaks im Frühjahr 2022 nun Monat für Monat bemerkbar macht. Insgesamt ist damit in diesem Jahr eine weitere Zinserhöhung der Fed möglich.

Geldpolitik der Zentralbanken

Erst Inflation, dann Deflation?

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Die nächsten substanziellen Anhaltspunkte für die Börsen werden sich dann aus der Berichtssaison zum Sommerquartal ableiten lassen. Zahlen und Prognosen dazu kommen im Oktober auf den Tisch. Immerhin, der Hinweis von Fed-Chef Powell auf eine derzeit sogar anziehende Konjunktur deutet darauf hin, dass die Ergebnisse keineswegs nur trist ausfallen können. Im Dax geht die Schere der Verlierer und Gewinner schon seit Monaten auseinander.  

Abwärtsrisiken um BASF, Siemens und MTU

Besonders unter Druck steht derzeit BASF. Ob die Ludwigshafener ihren hohen Aufwand für Energie und Rohstoffe durch eigene Preiserhöhungen ausgleichen können, wird angesichts der lethargischen Chemiekonjunktur wieder zweifelhafter. Dazu kommt im Vorfeld des kommenden Winters die Diskussion um die deutschen Erdgasvorräte – von denen BASF als größter privater Gasverbraucher des Landes besonders abhängig ist. Die Anfang des Jahres gestartete Hoffnungswende bei BASF-Aktien hat längst wieder an Schwung verloren. Die jüngste Schwäche ist ein Warnsignal, ein Rutsch unter 43 Euro könnte einen Absacker bis auf 38 Euro zufolge haben. 

Auch bei Siemens ist noch keine Stabilisierung in Sicht. Seit im Sommer die operativen Stockungen im Hoffnungsgeschäft digitale Automation offensichtlich wurden, hat die Aktie nach unten gedreht. Zusätzlich belastet das Debakel um den Ableger Siemens Energy, der sich nach Qualitätsproblemen bei Windrädern nun auch noch mit vermehrten Klagen auseinandersetzen muss. Ein weiterer Rückgang der Siemens-Energy-Aktie in den Bereich bis 10 Euro wäre nicht verwunderlich. Bei Siemens selbst könnte es im Zuge einer allgemeinen Marktkorrektur kurzfristig bis auf 125 Euro nach unten gehen. 

Schwer abgestürzt ist MTU Aero Engines. Nach überraschenden Materialfehlern bei Flugzeugantrieben droht nun ein milliardenteueres Inspektionsprogramm. Da hilft es vorerst wenig, dass MTU erst einmal an den bereinigen Prognosen festhält und die Auftragslage insgesamt langfristig ausgezeichnet ist. Bevor die erheblichen Einmaleffekte aus den Materialproblemen nicht absehbar sind, dürfte die Aktie zunächst ihre Tiefen ausloten. Entsprechend ihrer hohen Volatilität könnte sich das im Bereich 150 bis 200 Euro abspielen. 

Chancen mit Beiersdorf, Fresenius und der Telekom

Wie von einer anderen Welt sieht die Entwicklung bei Beiersdorf aus. Seit die Aktie Ende vergangenen Jahres mit dem Anstieg über 105 Euro ein starkes Kaufsignal gab, setzt sie ihre langjährige Aufwärtsbewegung fort. Das ist umso bemerkenswerter, da Beiersdorf weder günstig bewertet ist noch durch spektakuläre Innovationen glänzt. Dagegen zahlt sich die Konzentration auf das Kerngeschäft Hautpflege um die traditionelle Marke Nivea zunehmend aus. Zwar leiden die Hanseaten derzeit ebenfalls unter schwierigen Geschäften in China, rechnen aber im Verlauf des Jahres im Klebstoffgeschäft mit einer Erholung. Angesichts des fortgeschrittenen Kursniveaus sind Beiersdorf-Aktien zwar kein akuter Kauf, aber eine gute Halteposition in einem langfristig ausgerichteten Depot.

Weiter spekulativ nach oben geht es mit Fresenius. Dass Randgeschäfte wie die Digitaltochter Curalie wahrscheinlich verkauft werden, ist ein typischer Vorgang in einer Konzernsanierung, in der Fresenius derzeit steckt. Ebenfalls positiv sind Nachrichten, dass Ableger mAbxience für den US-Pharmariesen Abbott Labs wichtige Nachahmerprodukte herstellen wird. Entscheidend aber dürfte letztlich werden, wie Fresenius mit seinem langjährigen Kerngeschäft, der Dialysetochter FMC, verfahren wird. Die Unsicherheit darüber macht die Aktie zu einer der großen Wendespekulationen im Dax. Die moderate Bewertung – 17 Milliarden Euro für einen der weltgrößten Gesundheitskonzerne – dürfte dabei eher für eine steigende Tendenz sorgen. 

Seit einigen Wochen ebenfalls wieder nach oben zieht die Deutsche Telekom. Für Rückhalt sorgte zuletzt eine Kaufempfehlung des einflussreichen Investmenthauses Goldman Sachs, das die Aktie bis auf 28 Euro klettern sieht. In der Tat kommt die aktuelle Schaukelpartie an den Märkten der Telekom mit ihrem stabilen Geschäft und planbaren Einnahmen zugute; fast wie an der Schnur gezogen schneidet die Aktie in solchen Phasen stets überdurchschnittlich gut ab. 

Dieses Mal allerdings hat die Telekom ein Problem: Mit 136,9 Milliarden Euro sind die Nettoschulden zuletzt zwar um zehn Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr abgebaut worden, könnten sich aber angesichts des hohen Zinsniveaus als offene Flanke erweisen. Der Anstieg über die wichtige Kurszone um 19 Euro ist der T-Aktie erst einmal gut gelungen. In den nächsten Wochen kommt es nun darauf an, dass sie dieses Niveau souverän verteidigt – womöglich schon im Bereich um 20 Euro. 

Fazit für den Dax: Die unerwartet strikte Perspektive der amerikanischen Notenbank hat den deutschen Aktienmarkt knapp an der 16.000er-Marke scheitern lassen. Jetzt steht erst einmal das andere, untere Ende der mittelfristigen Schwankungen auf der Agenda: Die Zone um 15.400 bis 15.500 Punkten. Hier liegen die Tiefpunkte des vergangenen Jahres, in diesem Bereich verläuft (aktuell bei 15.537 Punkten) die 200-Tagelinie.

Sollte der Dax dieses Niveau in den nächsten Tagen nicht verteidigen können, wäre das ein ziemlich negatives Signal, das im statistisch kritischen Monat Oktober zu weiteren, womöglich sogar erheblichen Verlusten führen könnte. Die wacklige Verfassung der amerikanischen Indizes mahnt ebenso zur Vorsicht. Sich in dieser unsicheren Lage erst einmal auf Sondersituationen und Cash zu konzentrieren, sollte kein Nachteil sein.

Lesen Sie hier aktuelle News und die neuesten Nachrichten von heute zum Dax. 

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