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Riedls Dax-RadarDeutsche Aktien: Zwischenerholung auf wackligen Füßen

Die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Zinsanstiegs beflügelt die Börsen, doch der Krieg im Nahen Osten birgt neue Risiken. Im Dax wird die Zahl der stabilen Aktien bedenklich kleiner.Anton Riedl 13.10.2023 - 14:25 Uhr

Israels bevorstehende Bodenoffensive, Unsicherheit um Ölförderung in Nahost und Rüstungsaktien bewegen die Deutschen Aktien.

Foto: Getty Images, REUTERS, imago images

Der Krieg in Israel hat für die Börsen mehrere unmittelbare Folgen. Zunächst befeuert er Aktien aus den Branchen Rüstung und Ölförderung. Rüstungswerte, die seit dem Ukrainekrieg in neue Höhen vorgestoßen sind, waren in den vergangenen Wochen in eine Korrekturbewegung geraten. Diese Konsolidierung könnte nun durch die jüngsten Kursgewinne nach oben aufgelöst werden. 

Im Dax kam Rheinmetall zuletzt der kritischen Untergrenze um 230 Euro gefährlich nahe; jetzt ist die Aktie wieder bis zur Obergrenze ihrer mehrmonatlichen Schwankungen vorgestoßen, die um 270 Euro liegt. Ein solcher Kursverlauf ist typisch für eine langfristige Aufwärtsentwicklung. Die hohen und langjährigen Auftragsbestände, die Rüstungskonzerne wie Rheinmetall derzeit haben, sprechen dafür, dass der Boom der Branche ungebrochen ist. Der Krieg in Israel ist dafür ein weiterer Baustein. 

Im Gegensatz zu Rüstungsaktien ist der Anstieg des Ölpreises bisher nur verhalten. Von den Septemberverlusten von 94 auf 84 Dollar je Fass der Sorte Brent hat Rohöl mit dem jüngsten Anstieg auf 87 Dollar bisher nur einen kleinen Teil aufgeholt. Zudem war die Abwärtsdynamik im September viel ausgeprägter als die jüngsten Aufschläge. 

Klassische Ölaktien wie Exxon oder Chevron können derzeit ebenfalls nur kleine Gewinne verbuchen. Etwas besser sieht in Europa Total aus. Im Dax kämpft die durch den Ableger Wintershall zumindest ölnahe Aktie BASF weiterhin im Bereich knapp über 40 Euro gegen die große Abwärtstendenz. Das alles spricht dafür, dass durch den Krieg in Israel bisher noch kein neuer, substanzieller Impuls für die Ölmärkte entstanden ist. 

Das könnte sich natürlich durch eine Eskalation des Kriegs ändern – vor allem, wenn die großen Förderer Saudi-Arabien oder Iran stärker mit ins Spiel geraten. Auch die hohe Zahl der bisher getöteten Menschen und die Intensität der Kampfhandlungen spricht nicht dafür, dass mit einem schnellen Ende des Konflikts zu rechnen ist. Das Risiko nachhaltig steigender Ölpreise hängt damit als Damoklesschwert über den Märkten. 

Ölpreisrisiken oder Zinsentspannung?

Die Risiken einer weiteren Eskalation des Kriegs sind der Grund für die dritte wesentliche Folge an den Kapitalmärkten: Die Flucht in sichere Häfen, vor allem in amerikanische und deutsche Staatsanleihen. Der Krieg hat damit die schon seit Anfang Oktober einsetzende Abwärtsbewegung der Renditen verstärkt. Zudem kam an den Märkten die Hoffnung auf, dass die amerikanische Notenbank angesichts der zusätzlichen Risiken des Israelkriegs bei ihrer weiteren Zinspolitik nun etwas weniger straff vorgehen könnte. In der Spitze ist die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen innerhalb weniger Tage von 4,9 auf 4,5 Prozent gesunken; bei zehnjährigen Bundesanleihen ging es von 3,0 auf 2,7 Prozent zurück. 

Ob damit der zuletzt heftige Auftrieb an den Zinsmärkten gebrochen wurde, ist noch nicht entschieden. Die jüngsten, etwas höher ausgefallenen Inflationszahlen in den USA haben sofort wieder zu einem Renditeanstieg geführt. Zudem ist es wenig wahrscheinlich, dass die Inflation im neuen Umfeld wieder steigender Energiepreise merklich abflaut. 

Mittelfristig könnten die US-Renditen damit durchaus in den Bereich ihres letzten Hochs aus dem Jahre 2006 vordringen, das bei 5,15 Prozent lag. Für Bundesanleihen könnte es analog dann womöglich auf 3,2 bis 3,3 Prozent nach oben gehen; hier gab es von 2005 bis 2011 mehrere wichtige Wendepunkte im Markt. Insgesamt könnte der Krieg in Israel zwar die Aufwärtsdynamik der Zinsen etwas verlangsamen, eine neue Richtung aber dürften die Renditen deshalb nicht einschlagen. 

Nur wenig Aktien tragen die Erholung im Dax

Im Dax führte die zinsbedingte Erholung bisher nur vereinzelt zu deutlichen Aufschlägen. Hinter dem Wochensieger Rheinmetall kamen MTU Aero Engines und Airbus, beide mehr beziehungsweise weniger nahe an der Rüstungsindustrie, nur zu kleinen Kursgewinnen. Bei MTU läuft weiterhin der Stabilisierungsversuch zwischen 160 und 180 Euro, nachdem das Unternehmen wegen Materialfehlern in diesem Jahr mit einer milliardenschweren Belastung rechnet. Bei Airbus gäbe erst ein deutlicher Anstieg über 127 Euro wieder Entwarnung. Wie beim großen Konkurrenten Boeing steckt die Aktie seit Wochen in einer Schwächephase. Dahinter dürften Befürchtungen stehen, dass sich die weltweite Luftfahrtbranche womöglich doch nicht so zügig erholt, wie in den vergangenen Monaten erhofft. 

Überdurchschnittlich zulegen konnte zuletzt BMW. Grund dafür waren gute Absatzzahlen im dritten Quartal – wobei BMW im Gegensatz zu Volkswagen vor allem mit seiner Kernmarke zulegt. Zudem kam es bei den Elektro-BMWs sogar zu einer Verdopplung des Absatz. Diese Power ist umso bemerkenswerter, da BMW bei den Antriebskonzepten auch auf Brennstoffzellen setzt und weiterhin für den klassischen Verbrenner steht. BMW-Aktien haben bei 94 Euro ein wichtiges Kursniveau verteidigt. In den nächsten Wochen kommt es nun darauf an, ob die Aktie wieder den Sprung über die 100er-Marke schafft. Kein gutes Zeichen hingegen wäre es, wenn BMW wider Erwarten doch noch unter 94 Euro rutscht. 

Größter Verlierer der vergangenen drei Wochen ist Gesundheitskonzern Fresenius. Regelrecht eingeschlagen hat dabei zuletzt die Nachricht, ein Medikament des dänischen Pharmakonzerns Novo Nordisk könnte das Fortschreiten chronischer Nierenerkrankungen merklich verlangsamen. Auch wenn dieses Medikament womöglich erst in mehreren Jahren auf den Markt kommt, ist dies für Fresenius und besonders seinem Blutwäsche-Ableger FMC ein bedrohliches Szenario. 

Zwar erweist sich nun die geplante Trennung vom Dialysegeschäft damit erst recht als richtig. Der Haken aber ist, dass Fresenius jetzt angesichts der drohenden neuen Medikamenten-Konkurrenz bei einem Verkauf von FMC einen wesentlich schwierigeren Stand hat. Der dramatische Kursverfall der FMC-Aktie ist ein deutlicher Hinweis darauf, wie tiefgreifend sich das Umfeld für Blutwäsche verändert hat. 

Für die bis vor drei Wochen noch laufende Erholung der Fresenius-Aktie kommt die Nachricht zur Unzeit. Jetzt einfach antizyklisch zuzugreifen, dürfte angesichts der neuen Bedrohungslage ziemlich riskant sein. Nach einem so starken Rückschlag muss sich eine Aktie in der Regel erst einmal auspendeln. Abspielen könnte sich dies womöglich im Bereich der mittelfristigen Tiefpunkte zwischen 26 und 24 Euro. Entwarnung gibt es erst, wenn Fresenius wieder nachhaltig über 27 bis 28 Euro hinauskommt. 

Fazit für den Dax: Die Zwischenerholung hat den Index genau bis an die wichtige Kurszone 15.500 bis 15.600 gebracht – und der Dax ist hier zunächst einmal nach unten abgeprallt. Bei nur noch 14 der 40 Dax-Aktien verlaufen die aktuellen Notierungen oberhalb der 200-Tagelinie. Zwei Drittel der Dax-Aktien sind damit taktisch unter mittel- bis langfristiger Sicht angeschlagen. Das ist ein Zeichen für eine breite Marktschwäche, die korrespondiert mit dem brisanten Umfeld aus hohen Zinsen, vor allem in den USA rückläufigen Geldmengen, wackliger Konjunktur und riskanter geopolitischer Lage. 

Bestätigt wird die angeschlagene Verfassung des Dax auch durch die stabilen Einzelaktien, die allesamt aus dem defensiven, sicherheitsbetonten Spektrum stammen: etwa die Münchener Rückversicherung, Konsumchemiker Beiersdorf oder die Deutsche Telekom. Ob der Dax in diesem wackligen Umfeld den Befreiungsschlag schafft und demnächst wieder nachhaltig über 15.600 bis 15.700 Punkte vordringt, ist fraglich. 

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