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Riedls Dax-Radar

Die Aktienrally geht weiter

Die Aussagen von EZB-Präsident Draghi beflügeln weiter die Fantasie der Anleger. Die Aussicht auf noch niedrigere Zinsen und gute Unternehmensergebnisse treibt die Kurse. Besonders Daimler und Deutsche Bank profitieren.

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Mercedes Quelle: REUTERS

Die flauen Wirtschaftsdaten in Europa führen dazu, dass die EZB wieder einmal über noch expansivere Maßnahmen laut nachdenkt. Das wirkt sich an den Börsen umso stärker aus, da über lange Monate die Angst vor der Zinswende umging. Mit ihr werden und wurden alle möglichen Untergangsszenarien begründet: Von der Abschnürung der Unternehmen bis zur Kreditklemme hochverschuldeter Häuslebauer.

Nun aber sieht es danach aus, dass der Zinsanstieg im Frühjahr (der auch an dieser Stelle mit Sorgenfalten betrachtet wurde) nur ein Intermezzo war. Am Kapitalmarkt haben die Renditen schon vor einigen Wochen wieder gedreht. Parallel dazu ist der Euro bei der Marke von 1,15 gegenüber dem Dollar abgeprallt und hat ebenfalls Boden verloren. Diese Entwicklung hat sich nach Bestätigung des expansiven Kurses durch die EZB noch beschleunigt.

Der Instrumentenkasten der EZB

Dabei kann es noch in diesem Jahr konkret werden. Im Dezember könnte die EZB eventuell den Einlagensatz weiter senken, das Volumen der Anleihekäufe erhöhen oder die Kaufaktionen über den September hinaus verlängern. Die Tür dahin hat Draghi nun geöffnet. Er muss nicht alle Maßnahmen umsetzen, doch es wäre verwunderlich, wenn es im Dezember zu keinem einzigen Zinsschritt käme.

Für die Aktienmärkte ist das ein wichtiger Rückhalt, der zudem in das saisonale Muster passt: Danach ist der September der schwächste Monat, Oktober und November findet eine Stabilisierung statt, die dann Dezember bis Januar in die Jahresendrally mündet.

Die US-Börsen schieben zusätzlich

Im August hatte der Rückschlag an den amerikanischen Börsen zu einem wesentlichen Teil dazu beigetragen, auch die europäischen Aktienmärkte zu drücken. Seit einigen Wochen indes wird immer offensichtlicher, dass die US-Börsen nicht nachhaltig nach unten drehen.

Ausschlaggebend dafür ist die neue Richtung der Zinspolitik. In dem Moment, in dem die schwachen Arbeitsmarktdaten in den USA nur noch eine verhaltene Konjunktur signalisierten, verflog die Angst vor der Zinswende. Zwar ist das Thema nicht für alle Zeiten abgehakt, doch zumindest bis in den Dezember hinein sollte es von der Fed keine Querschüsse geben.

Die Unternehmenszahlen passen dazu. Die Erwartungen an das dritte Quartal waren zuletzt ziemlich pessimistisch. Nun zeigen gerade große Werte wie Microsoft, dass es sehr wohl möglich ist, in wackligen Zeiten gute Gewinne zu machen. Seitdem sich der Ölpreis wieder stabilisiert hat, ziehen auch die Energiekonzerne im Dow nach oben. Seit August hat Exxon fast 20 Prozent gut gemacht. Und dass ein Klassiker wie McDonald’s wieder einmal ein neues Hoch schafft, ist natürlich auch ein gutes Zeichen für den Gesamtmarkt.  

Schwellenland ist abgebrannt? - von wegen...

Die Angst vor Krisen in Russland, China, Brasilien, Indien, der Türkei und in anderen Schwellenländern hat Anleger hierzulande in den vergangenen Monaten schwer verunsichert; als ob die ganze Welt nur noch ein Schwellenland im Abwärtstaumel wäre. Ausschläge an der chinesischen Börse wurden hierzulande mit mehr Nervosität beobachtet als das Auf und Ab im Dow Jones – obwohl die Märkte in Shanghai für die Tendenz an den Weltmärkten nur eine Randerscheinung sind.

Natürlich sind die offiziell angegebenen Wachstumszahlen in China, die bei sechs bis sieben Prozent liegen, nicht mit den in Europa veröffentlichten Werten zu vergleichen. Doch das waren die Zahlen zur chinesischen Wirtschaft noch nie – und trotzdem ist die Konjunktur in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv und substanziell gewachsen.

Es kommt bei einem Land wie China nicht darauf an, ob es jetzt ein oder zwei Prozent mehr oder weniger sind. Entscheidend ist, ob die große Aufwärtsentwicklung noch läuft. Und das ist sowohl in der chinesischen Wirtschaft als auch an der Börse der Fall.

Die fünf großen Gefahren für Chinas Wirtschaftswachstum

An den eigentlichen, säkularen Wachstumskräften in China hat sich nichts geändert: Eine riesige, zum Teil immer noch junge Bevölkerung, die ihren Anteil am Wohlstand haben will und die – gemessen an chinesischen Verhältnissen – dafür noch nie so gute Chancen gehabt hat wie heute.

Auch die anderen Schwellenländer konjunkturell abzuschreiben, dürfte verfrüht sein. Russland hat sich nicht nur durch die Aktion in Syrien wieder ins internationale Spiel gebracht, die Stabilisierung an den Energiemärkten ist eine wichtige Stütze. Spannend wird es beim Rubel: Er hat gegenüber Euro und Dollar nun zweimal sein Tief getestet, einmal zu Jahresbeginn, einmal im August. Wenn hier die Stabilisierung gelingt, wäre das ein wichtiges Signal für ein Comeback Russlands.

Auf Brasilien und die Türkei jetzt schon zu setzen, wäre verfrüht. Doch auch hier zeigt die Entwicklung keineswegs zwangsläufig nach unten. Für Brasilien wird es entscheidend sein, ob sich die Notierungen an den internationalen Rohstoffmärkten stabilisieren. Dafür gibt es durchaus Anhaltspunkte, immerhin läuft die Rohstoffbaisse schon seit 2011. Der Türkei kommt zugute, dass das Land in den aktuellen Konflikten (vom Syrienkrieg bis zur Flüchtlingsfrage) eine Schlüsselstellung innehat. Und ein Land mit einer solchen Bedeutung kann in der Regel immer mit substanzieller Hilfe von außen rechnen – und auch das zeichnet sich derzeit ab.

Doch nur eine Bärenmarkt-Rally?

Allein in den vergangenen fünf Tagen hat der Dax 500 Punkte gewonnen. Seit dem 2. Oktober, als an dieser Stelle erstmals wieder Chancen im Dax beschrieben wurden, sind es 1000 Punkte Plus. Ist der Markt damit schon wieder zu weit gelaufen?

Strenggenommen findet im Dax noch immer nur eine Bärenmarktrally statt. Trotz der jüngsten Avancen verläuft der Dax unterhalb der 200-Tage-Linie, unterhalb des Abwärtstrends, der sich seit Frühjahr gebildet hat und unterhalb des vorangegangenen Tiefs vom Juli. Zudem hat die Erholungsbewegung vom Oktober die klassischen Kennzeichen eines kurzen, abgeschlossenen Trends mit einer ersten Erholungsbewegung, einer Konsolidierung und einem zweiten Anstieg. So gesehen wäre es nicht verwunderlich, wenn der Dax in den nächsten Tagen wieder etwas nachgibt.

Auch die Marktstärke ist unter mittelfristigem Blickwinkel noch nicht berauschend. Bisher notieren erst 40 Prozent der Dax-Aktien oberhalb ihrer 200-Tage-Linie. Selbst wenn sich dieser Wert noch etwas verbessern sollte, signalisiert das nach wie vor einen Markt in der Schwebe.

Fazit: Die hohe Dynamik im Dax spricht für eine Fortsetzung der Erholung. Damit es für den Gesamtmarkt aber wirklich Entwarnung gibt, müsste der Dax in den nächsten Wochen in den Bereich 11000 bis 11500 vordringen. Dort könnte er dann wiederum eine kurze, mehrwöchige Konsolidierung einleiten – und danach seinen langfristigen Aufwärtstrend fortsetzen.

Daimler zeigt: Es geht trotzdem

Die jüngsten, starken Quartalsergebnisse von Daimler sind in mehrfacher Hinsicht wichtig für die Aktienmärkte. Sie zeigen, dass deutsche Unternehmen sehr wohl auf dem Heimatmarkt und auf dem internationalen Markt gut verdienen können – egal, ob in manchen Regionen nun Krise herrscht oder nicht.

Daimler wächst im Konzern nicht nur beim Volumen, auch die Margen ziehen an. Das ist das Gegenteil einer Rabattschlacht. Kein Wunder, weltweit besteht wegen der extrem niedrigen Zinsen eine immense Menge an Liquidität, die den Konsum beflügelt. Und in vielen Fällen gehören Autos, zumal in der gehobenen Daimler-Klasse, zu begehrten Konsumobjekten.

Daimler wird in diesem Jahr einen Rekordgewinn von mehr als acht Milliarden Euro netto einfahren. Daran gemessen ist die Aktie billig und gut rentabel. Daimler bleibt ein Basisinvestment im Dax.  

Deutsche Bank, die Wende-Spekulation

Bei der Deutschen Bank wird es am 29. Oktober ernst. Nicht nur die Zahlen zum dritten Quartal werden veröffentlicht, auch die Einzelheiten zur neuen Strategie.

Dass sechs Milliarden Euro an Rückstellungen und Abschreibungen vorgenommen wurden, dürfte niemanden mehr schocken. Die Nachrichten zur Deutschen Bank waren in den vergangenen Jahren so trist, dass jeder Hoffnungsfunke von Anlegern nun gierig aufgeschnappt wird.

Schon die ersten Personalmaßnahmen zeigen, dass der neue Chef John Cryan ernst macht. Das Investmentbanking wird zurechtgestutzt, das Geschäft mit Unternehmenskunden rückt wieder in den Mittelpunkt. Das aufgeblähte Derivategeschäft muss verkleinert werden. All das sollte mittel- bis langfristig die Erträge verstetigen, die Bilanzsumme verkleinern und die risikoreichen Aktiva schrumpfen lassen. Dann fällt es der Deutschen Bank auch leichter, die Kapitalanforderungen der Aufsichtsbehörden zu erfüllen.

Börse



Der Weg der Deutschen Bank vom riesigen Hedgefonds wieder hin zu einer echten Bank mit berechenbaren Leistungen wird steinig. Die anstehenden Entlassungen dürften dazu führen, dass zunächst sogar neue Aufwendungen anfallen und es länger als erwartet dauert, bis die Deutsche Bank wieder echte Erträge erwirtschaftet. Auch gute Dividendenzahlungen sind vorerst kein Thema mehr.

Dennoch: Langfristig ist die Deutsche Bank eine der interessantesten Spekulationen im Dax, bei der – im Gegensatz zu den Versorgern – das eigentliche Geschäftsmodell keineswegs kaputt gegangen ist, sondern nur durch eine falsche Verlagerung aufs Spekulative über Gebühr strapaziert wurde. Je mehr die Deutsche Bank ihren Weg zu einer Unternehmens- und Privatkundenbank findet, desto deutlicher wird sich die Aktie erholen.

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