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Riedls Dax-Radar Die Feuerprobe: Wie heftig wird dieser Crash wirklich?

Für Börsenhändler bleibt die Anspannung hoch. Quelle: dpa

Die anstehende Quartalssaison wird die bisher umfangreichsten Fakten liefern, wie stark die Coronakrise die Unternehmen wirklich trifft. Für die Börsen bringt das die Entscheidung, ob die Erholung weiter geht oder ein neuer Tiefentest der Kurse bevorsteht.

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Jeder Crash ist anders. 1987 führten politische Spannungen zwischen den USA und Europa, steigende Zinsen und technische Probleme durch Computerhandel und Verkaufsprogramme zu einem heftigen Kurssturz, dann zu einer zwei- bis dreimonatigen Bodenbildung und schließlich zur Fortsetzung des langfristigen Aufwärtstrends.

1987 war, überspitzt ausgedrückt, ein technischer Betriebsunfall der Börsen, der nicht viel mit der Realwirtschaft zu tun hatte. Obwohl der Crash kurzfristig eine extreme Abwärtsdynamik entwickelte, war er letztlich überraschend schnell wieder vorüber.

Am anderen Ende der Skala steht der große Crash von 1929. Hier brach der Aktienmarkt zusammen, weil es schon Jahre zuvor eine Überspekulation in Wertpapieren, Unternehmen und Immobilien gab. Vom Tellerwäscher bis zum Industriemogul wurden in Amerika immer mehr Menschen vom Börsenfieber gepackt – bis Wirtschaft und Unternehmen die himmelhohen Erwartungen nicht mehr erfüllen konnten, es zu Kapitalabflüssen und Zinserhöhungen kam und das ganze Kartenhaus zusammenbrach. Weil Wirtschaft und Gesellschaft in der ganzen Breite von dieser Spekulation erfasst worden war, ging es danach auch mit der gesamten Wirtschaft in einer großen Depression bis Anfang der Dreißigerjahre bergab.

Vom Ausmaß zunächst ähnlich wie 1987 kam es 1929 am Aktienmarkt zunächst zu einer scharfen Abwärtsbewegung von mehr als 40 Prozent. Dann folgte eine mehrmonatige Erholung, der sich dann eine mehrjährige Baisse anschloss. Insgesamt verlor der Dow Jones gemessen vom Hoch am 3. September 1929 (bei 381,17 Punkten) bis 8. Juli 1932 (bei 41,22 Punkten) 89,2 Prozent.

1987 und 1929 sind die beiden Extremversionen des Crashs, auf die sich Optimisten und Pessimisten auch jetzt beziehen. Im optimistischen Szenario führt die Virenpandemie zwar zu einem scharfen, aber nur vorübergehenden Einbruch, dem dank massiver Hilfe von Notenbanken und Regierungen eine markante Erholung folgt – spätestens, wenn neue Medikamente und Impfstoffe eine wirksame medizinische Bekämpfung des Virus ermöglichen.

Die jüngsten Analysen der Wirtschaftsweisen gehen in diese Richtung. Hier wird je nach Dauer der Krisenmaßnahmen mit einem vorübergehenden Rückschlag der Wirtschaft von 2,8 Prozent bis 5,4 Prozent gerechnet. Das wäre auf alle Fälle eine Rezession, die aber selbst im schlimmsten Fall nur das Ausmaß wie in der Finanzkrise 2008/2009 erreichen würde.

Auf den ersten Blick sind die Szenarien der Wirtschaftsweisen viel optimistischer als Befürchtungen von Investmentbanken, die mit einem Wirtschaftseinbruch von 20 Prozent und mehr rechnen. Allerdings, für Börsianer geben auch die Szenarien der Wirtschaftsweisen keineswegs Entwarnung.

Der Dax verlor in der Finanzkrise in drei großen Abwärtswellen (die mittlere davon war der Lehman-Crash) insgesamt 55 Prozent in einem Zeitraum von 14 Monaten. Überträgt man diesen Verlust auf die aktuelle Lage, ergäbe das rechnerisch bis April 2021 einen Rückgang des Dax auf 6150 Punkte.

Derzeit, am Mittwoch (1. April) Vormittag, pendelt der Dax zwischen 9500 und 9600 Punkten, nachdem er am Vortag das Niveau von 10.000 Punkten nicht mehr halten konnte. So gesehen ist der Dax noch weit entfernt von Finanzkrisen-Verlusten – aber der Coronacrash ist auch erst 27 Börsentage alt, seitdem er am 24. Februar begann.

Seit seinem Tiefpunkt Mitte März (im Verlauf bei 8186 Punkten) hat der Dax in einer Erholung auf 10.142 Punkte bisher 24 Prozent gutgemacht. Würde er in einer klassischen Erholung von den 5600 Zählern, die er in der scharfen Abwärtsphase von Ende Februar bis Mitte März einbüßte, an die 40 Prozent wettmachen, ergäbe das einen Anstieg um 2240 Punkte. Die Zielzone der Erholung läge dann etwa bei 10.400. Das entspräche etwa dem Tiefpunkte vom Jahreswechsel 2018/2019.

Großes Kurspotenzial, das umfangreiche Aktienkäufe rechtfertigt, lässt sich aus einer solchen Projektion vorerst nicht ableiten. Immerhin sollte die Erholungsphase selbst noch einige Wochen anhalten. Das war in allen großen Abwärtsbewegungen bisher der Fall: 1929 und 1987, in der Finanzkrise 2008/2009 und auch in der Hightech-Baisse 2001 bis 2003.

Innerhalb der nächsten Wochen wird es nicht nur neue Daten und Hochrechnungen zur allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung geben wie die Szenarien der Wirtschaftsweisen. Im April beginnt die Zahlensaison, in der praktisch jedes Unternehmen auf dem Globus Folgen und Erwartungen der Coronakrise auf das eigene Geschäft präzisieren wird.

Die nächsten Wochen werden für Börsianer damit zur entscheidenden Datenquelle, wie stark die Coronakrise die Unternehmen und damit die Aktienmärkte wirklich trifft.

Das Problem dabei: Die meisten Zahlen und Prognosen werden von Mitte April an bis Mitte Mai veröffentlicht. Wenn die aktuelle Erholungsphase bis dahin anhält, wäre sie schon vier bis sechs Wochen alt. Die Gefahr, dass die Erholung dann wieder von einer neuen abwärtsgerichteten Marktphase abgelöst wird, ist groß.

Einen solchen zweiten Tiefentest gab es bisher in jedem Crash – 1929 genauso wie 1987.

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