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Riedls Dax-Radar Die fünf Väter des Börsen-Crashs

Eine Kurstafel mit den wichtigsten Indizes an der New Yorker Börse, kurz nach Handelsbeginn am Montag, 9. März. Quelle: imago images

Die Börsenturbulenzen sind so heftig, weil sich mehrere Krisen überlagern und gegenseitig verstärken. Wie sie die Börsen mittelfristig belasten und warum Rettung nur aus den USA kommen kann.

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Die Angstbarometer an den Börsen haben den höchsten Stand seit dem Finanzkrisencrash erreicht. Die Volatilitätsspitzen aus den Jahren 2010 und 2015 wurden bis zur Stunde (Montag, 9. März, nachmittags) um mehr als ein Fünftel übertroffen. Damals verlor der Dax insgesamt im Schnitt rund 25 Prozent. Müssen Anleger deshalb jetzt mit noch höheren Verlusten rechnen? Die Turbulenzen an den Börsen sind derzeit so heftig und brisant, weil sich mittlerweile eine gefährliche Mischung zusammenbraut.

Erste Ebene: Die Krise um das Coronavirus und die Folgen sind der Auslöser der aktuellen Marktturbulenzen. Über mehrere Wochen spielte sie an den Börsen zunächst keine Rolle. Diese anfängliche Immunität ist auch nachvollziehbar, denn Corona hätte ja auch ein Virusphänomen wie viele andere sein können. Das ist seit der massiven Ausbreitung in Italien nicht mehr der Fall – und seit diesem Zeitpunkt führt das Virus zu schmerzhaften Folgen in der Realwirtschaft und zum Kollaps an den Märkten.

Zweite Ebene: Die Konjunkturkrise wird durch die Corona-Folgen wieder angefacht und gleichzeitig massiv verstärkt. Noch bis vor wenigen Wochen gab es Anzeichen sowohl von volkswirtschaftlicher Seite als auch von den Unternehmen, dass die befürchtete Rezession umschifft werden könnte. Nun werden die massiven Folgen von Corona auf Touristik, Logistik, Lieferketten, Exportindustrie bis hin zu allen Bereichen des öffentlichen Lebens im ersten Quartal zu einem massiven Einbruch der Konjunktur führen. Zum Vergleich: Im Finanzkrisenjahr 2009 krachte das Wachstum des Inlandsprodukt von plus ein Prozent (2008) auf minus 5,7 Prozent.

Dritte Ebene: Eine Transformationskrise in zahlreichen Branchen, vor allem bei Automobilen und Zulieferern, aber auch in weiten Teilen der klassischen Finanzwirtschaft, macht viele Unternehmen derzeit sehr anfällig für Rückschläge. Daimler, Volkswagen und BMW wären eigentlich auf jeden Euro aus ihrem laufenden Geschäft angewiesen, weil sie massiv in neue Mobilität investieren müssen. BASF setzt ganz besonders auf die Expansion in China, weil das Land mit einem Umsatzanteil von mehr als einem Drittel der größte Wachstumsmarkt der Branche ist. Jetzt droht durch die Coronakrise der bisher noch gute Geldfluss aus dem laufenden Geschäft zu versiegen.

Vierte Ebene: Turbulenzen bei Währungen, Rohstoffen und Schwellenländern werden durch die Cornonakrise verstärkt und entwickeln eine Eigendynamik. Seitdem die US-Notenbank die Zinsen als Maßnahme gegen die Krise massiv gesenkt hat, rutscht der Dollar gegenüber dem Euro ab. Mit 0,41 Prozent ist die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen auf den tiefsten Stand seit mehr als 100 Jahren gefallen. Dieser Absturz hat die Differenz zu den Renditen in Euroland (minus 0,73) erheblich schrumpfen lassen. Als Folge davon verliert der Dollar und der Euro wertet auf. Gegenüber dem Euro verlieren auch alle Schwellenländerwährungen. Der schon bisher schwache Ölpreis, der zunächst aus Furcht vor sinkender Nachfrage abdriftete, bekommt durch den Machtkampf zwischen Saudi-Arabien und Russland eine zusätzliche Schärfe. Ein extrem niedriger Ölpreis wiederum führt zwar kurzfristig bei großen Verbrauchern (im Dax etwa der Deutschen Lufthansa) zu einer Entspannung. Insgesamt aber gibt es schwere Folgewirkungen für die großen Produzenten – nicht nur im Nahen und Mittleren Osten, sondern auch in Russland, Norwegen und den USA.

Fünfte Ebene: Die Abwärtsspirale an den Märkten entwickelt eine gefährliche Eigendynamik. Hier trifft es nicht nur Banken, denen in einer ohnehin wackligen Lage plötzlich wieder neue Abschreibungen drohen, sondern alle Besitzer von Assets: Von Pensionskassen, Versicherungen und Beteiligungsunternehmen bis hin zum privaten Anlegerdepot, in dem einige ETFs stecken.

Insgesamt hat die aktuelle Krise eine Vielschichtigkeit erreicht, mit der sie eine ähnliche Dimension wie die Finanzkrise von 2008 bis 2009 bekommen könnte. Durch die aktuelle Panik an den Aktienmärkten wird ein solches Szenario im Zeitraffer eingepreist.

In der Finanzkrise verlor der Dax in der Spitze mehr als 50 Prozent in 14 Monaten. Selbst damals kam es – wie in jedem Crash, auch in dem von 1929 – nach Panikattacken immer wieder zu Erholungsphasen. Das ist auch dieses Mal wieder der Fall. Nachdem der Dax in der letzten Februar-Woche in der ersten Schockphase rund 2000 Punkte verlor, läuft nach der kleinen Zwischenerholung auf 12.250 nun die zweite Abwärtsphase. Sie hat bisher fast ein ähnliches Ausmaß erreicht und zeigt durch ihre hohen Umsätze und marktbreiten Verluste quer durch alle Aktiengattungen und Börsen klassische Zeichen eines Sell-Offs, eines Ausverkaufs.

Chancen auf Stabilisierung steigen

Dass sich Börsen schon nach nur einer Ausverkaufsphase (wie der vom 25. bis 28. Februar) stabilisieren, war und ist wenig wahrscheinlich. Nach einem zweiten, noch heftigeren Ausverkauf allerdings steigen die Chancen darauf deutlich – umso mehr, da der Dax mittlerweile in die theoretisch ins Auge gefasste Zielregion zwischen 10.500 und 10.000 Punkte gekracht ist.

In einem klassischen Erholungsszenario würde der Dax von den rund 3700 Punkten, die er bisher verloren hat, an die 40 Prozent wieder gut machen. Das wären rund 1500 Punkte und könnte den Index in den nächsten Tagen in Richtung 12.000 Punkte hieven.

Die Entscheidung über den kurzfristigen Trend wird in Amerika fallen. Der Dow Jones ist bei rund 24.000 Punkten sogar unter den langfristigen Aufwärtstrend seit dem Finanzkrisentief gerutscht. Das muss noch kein Knock-Out sein, sondern kann angesichts der aktuell hohen Tagesdynamik noch eingefangen werden. Konstruktiver sieht der Nasdaq 100 aus. Er versucht zur Stunde im Bereich 7800 bis 8000 Punkten eine Stabilisierung. Vor allem für die US-Notenbank wäre das ein taktisch guter Zeitpunkt, eine weitere Stabilisierungsmaßnahme zu platzieren. So oder so, wenn eine Rettung für die Märkte kommt, dann wird sie aus den USA kommen und die Technologieunternehmen werden sie anführen.

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