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Riedls Dax-Radar
An der New Yorker Börse enttäuschten zuletzt Blue Chips wie Procter & Gamble oder 3M. Quelle: imago images

Die Gefahr für Aktionäre kommt aus den USA

Am deutschen Aktienmarkt läuft eine Zwischenerholung. Das Ziel liegt um 13.000 Punkte. Für Entwarnung aber ist es zu früh, denn immer mehr Einzelwerten geht die Luft aus - vor allem in Amerika.

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Die amerikanische Notenbank hat die Zinsen nicht angehoben. Das ist keine Überraschung. Dennoch gibt es neue Tendenzen, zumindest Justierungen: Die Inflation kommt langsam in die gewünschte Flughöhe von zwei Prozent. Das Wirtschaftswachstum hält sich, könnte aber 2019 etwas nachlassen. Für die Zinspolitik der Fed heißt das: Bei der Sitzung im Juni dürfte die nächste Erhöhung anstehen, womöglich um 25 Basispunkte. Im weiteren Jahresverlauf könnte die US-Notenbank dann noch zweimal an der Zinsschraube drehen. 2019 wären dann wegen der nachlassenden Konjunktur weniger Erhöhungen zu erwarten, wahrscheinlich nur noch eine oder zwei. 

In Europa zeichnet sich ein anderes Szenario ab. Die Inflation liegt derzeit nur bei 1,2 Prozent. Das ist weit entfernt vom Ziel zwei Prozent. Immer mehr Investoren stellen sich die Frage, ob die EZB ihr Anleihekaufprogramm, das erst einmal bis Ende September terminiert ist, vielleicht nicht doch fortsetzt. Die Entscheidung darüber dürfte im Juni, spätestens im Juli fallen. 

Dass die Inflation in Europa nicht anspringt, setzt dem möglichen Zinsanstieg Grenzen. Mit 0,53 Prozent liegt die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen (Bunds) derzeit weit unter dem Februar-Hoch bei 0,76 Prozent. Schon seit drei Monaten zeigt die kurzfristige Zinstendenz in Europa wieder nach unten. Es ist zwar immer noch möglich, dass dies ein Baustein einer großen Zinswende wird; doch auch dann dürfte der faktische Zinsanstieg in Europa moderat ausfallen und weit entfernt sein von früheren Höhen. Die Abwärtsdynamik der Zinsen in Europa bis zum bisherigen Tiefpunkt Mitte 2016 war wesentlich höher als seitdem die Aufwärtsdynamik. 

Die spannendsten Aktien im Dax

Droht am deutschen Anleihemarkt ein Crash? 

Mit 2,95 Prozent Rendite bieten zehnjährige US-Staatsanleihen (Treasuries) gut 2,4 Prozentpunkte mehr Rendite als Bunds. Zudem besteht in den USA ein stabile Aufwärtstendenz, die durchaus zu einer klassischen Zinswende passt und in den nächsten Jahren Zinsen von vier bis fünf Prozent realistisch macht. Fragt sich nur, wo dann die Renditen in Europa stehen. Denn wenn die Bunds diese Lücke schließen sollten, müsste es zu einem sehr starken Zinsanstieg in Europa kommen – also am Anleihemarkt zu einer schweren Baisse, wenn nicht sogar zu einem Crash. 

Kurz- und Mittelfristig dürfte sich am eklatanten Zinsvorsprung der USA nichts ändern. Der Währungsmarkt bestätigt dies. Der Euro hat den seit Anfang 2017 bestehenden Aufwärtstrend beendet, kurzfristig hat er die 200-Tage-Linie durchschlagen. Binnen fünfzehn Monaten ist er gegenüber dem Dollar um 21 Cent gestiegen. Sollte es jetzt zu einer klassischen Korrektur kommen, könnte er davon wieder rund 40 Prozent abgeben, das wäre ein Rückgang um acht Cent. Unterm Strich könnte es auf mehrmonatige Schwankungen in der hier schon einmal ins Auge gefassten Bandbreite zwischen 1,16 und 1,25 Dollar hinauslaufen. 

Am Aktienmarkt hinterlässt das deutliche Spuren. Die europäischen Börsen, monatelang schwächer als die US-Märkte, machen Boden gut. Während der Dax mit dem Anstieg über das umkämpfte Niveau bei 12.600 Punkten kurzfristig ein Stärkesignal gegeben hat und weiter planmäßig in Richtung 12.900/13.000 unterwegs ist, wurde es im Dow Jones am Donnerstag (3. Mai) richtig knapp. Zum zweiten Mal innerhalb von vier Wochen hat der Dow die 200-Tage-Linie kurz geschnitten und konnte sich nur mit Mühe und Not wieder über diesen Richtungsindikator retten.

Seit November ist im Dow Jones eine brisante Konstellation entstanden, bei der das Kursniveau 23.300 bis 23.500 die entscheidende Untergrenze bildet. Sollte der Dow dieses Niveau nicht mehr halten, wäre eine mehrmonatige Baisse wahrscheinlich.

Das Problem am US-Aktienmarkt ist, dass immer weniger Einzelwerte die generelle Aufwärtstendenz tragen. Am stärksten sind noch die großen Tech-Werte, Microsoft oder Intel; Apple hat den kurzfristig entstandenen Nachholbedarf durch großzügige Gratifikationen an die Aktionäre erfüllt.

Auf der anderen Seite kippen immer mehr ehemalige Ikonen ab: 3M hat es massiv erwischt; Procter & Gamble sowie die Chemiewerte trudeln, Coca-Cola ist im Abwärtstrend, Goldman Sachs und die anderen Banken bekommen die steigenden Renditen zu spüren. Von den 30 Dow-Werten verlaufen bei 19 die aktuellen Kurse unterhalb der 200-Tage-Linie. Das ist eine Baisse-Quote von 63 Prozent. Mit anderen Worten: Der breite Markt in den USA ist nicht nur angeschlagen, er hat in weiten Bereichen schon eine Abwärtswende vollzogen.

Für den Dax ist die US-Schwäche eine gefährliche Hypothek. Es ist zwar gut möglich, dass amerikanische Aktien erst einmal eine kleine Zwischenerholung schaffen, vielleicht bis 24.000 Punkte im Dow Jones. Im Dax könnte das dann für den erwarteten Anstieg bis in Richtung 13.000 reichen. Doch ob es dabei zu neuen, substanziellen Käufen kommt, die den Dax zum alten Hoch und dann darüber hinaus anschieben, ist fraglich. 

Auch in Deutschland wird hinter dem reinen Indexverlauf der breite Markt immer schwächer. Nur bei zwölf Aktien verlaufen die Kurse derzeit noch oberhalb der 200-Tage-Linie. Auch das ist weit von einer robusten Aufwärtstendenz entfernt und kennzeichnet allenfalls eine Zwischenerholung. Dass die stärkste Aktie im Dax ausgerechnet die der Deutschen Börse AG ist, stimmt vorsichtig, denn die Deutsche Börse profitiert – neben dem Brexit – vor allem von hektischen Marktschwankungen. 

Auch klassische Defensivaktien wie Beiersdorf sind gesucht – obwohl die Hanseaten mit ihrer kümmerlichen Ausschüttung von 70 Cent je Anteil seit Jahren ihre Aktionäre kurzhalten. Einen Schub gab es nach guten Zahlen für Infineon. Nachdem die Aktie das Niveau um 20 Euro verteidigt hat, sollten in den nächsten Wochen Notierungen um 25 Euro möglich sein. 

Weiter abwärts geht es dagegen bei der Deutschen Lufthansa. Das Unternehmen dürfte in Zukunft unter höheren Treibstoffpreisen leiden, wäre als Carrier Opfer eines Handelskrieges und fährt derzeit einen wenig populären Personalumbau. Mittelfristig liegt das Ziel um 20 Euro. Ein Trauerspiel bleibt die Deutsche Bank. Eigentlich hätte der Kurs auf den erneuten Vorstandswechsel befreit reagieren müssen. Doch Anhaltspunkte für eine substanzielle Veränderung gibt es bisher nicht. Wahrscheinlich driftet die Aktie noch einmal bis zum alten Tief im Bereich um zehn Euro ab.

Aktien geben nach: Anleger schichten in Anleihen um

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