Riedls Dax-Radar: Die Gier an den Aktienmärkten ist noch zu groß
Gier an den Börsen. Korrektur zwischen Zinssenkung und Inflation.
Foto: Getty Images, Marcel ReyleErstmals nach elf Zinserhöhungen in Folge wird in Kreisen der amerikanischen Notenbank nun über Zinssenkungen nachgedacht. Sollten sich die zuletzt eingestellten Erfolge im Kampf gegen die Inflation bestätigen, so könnte es in diesem Jahr – wie aus den Protokollen der Notenbank Fed hervorgeht – bis zu drei Zinssenkungen geben. Konkrete Hinweise, wann es zur Lockerung der Fed Funds kommen könnte, gibt es allerdings nicht.
An den Märkten wird die Aussicht auf die Zinswende nach unten schon seit Wochen stürmisch gefeiert. Die Kurse zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen sind so stark gestiegen wie letztmals Anfang 2020. Seit Mitte Oktober sind die Renditen der führenden zehnjährigen Bonds deshalb von 5,0 Prozent auf bis zu 3,7 Prozent zusammengesunken. An den Aktienmärkten kam es zu einer beeindruckenden Jahresendrally, bei der Dow Jones, Nasdaq 100 und Dax neue Höchstkurse erreicht haben.
In ihrer Begeisterung über die absehbare Entspannung in der Geldpolitik preisten die Börsen zeitweise bis zu sieben Zinssenkungen allein für dieses Jahr ein.
Nach so viel Überschwang ist jetzt erst einmal Ernüchterung angesagt. In Amerika signalisiert der Arbeitsmarkt weiter einen robusten Verlauf der Wirtschaft. Damit dürfte es nicht einfach werden, die Inflationsraten von derzeit mehr als drei Prozent in die Zielregion um zwei Prozent zu drücken.
Ein besonderes Risiko geht dabei vom Ölpreis aus. In den vergangenen drei Monaten sind die Notierungen für ein Fass Rohöl der Nordseesorte Brent von 95 auf 75 Dollar gesunken. Weltweit war die Entspannung bei den Energiepreisen der entscheidende Grund für die zuletzt rückläufige Inflation.
Seit einigen Wochen aber mehren sich die Signale für eine Stabilisierung am Ölmarkt. Angesichts des Kriegs im Nahen Osten, der Unruhen im Iran und den Anschlägen der Huthi-Rebellen in Jemen wäre ein Wiederanstieg des Ölpreises in den Bereich 80 bis 90 Dollar mittelfristig keine Überraschung. Dass Frachtraten für Container derzeit durch die Decke gehen, mahnt jedenfalls zur Vorsicht.
Ebenfalls noch weit vom Wunschziel zwei Prozent Preissteigerung entfernt ist die Entwicklung in der EU. In den führenden Ländern Frankreich und Deutschland ist die Inflation zuletzt wieder auf 3,7 Prozent gestiegen; ein Trend, der sich im Januar wegen zahlreicher Steuer- und Abgabenerhöhungen verstetigen dürfte. Dazu kommt ein hartnäckiger Lohndruck, der ebenfalls dazu beitragen sollte, die Teuerung in diesem Jahr über drei Prozent zu halten. Zinssenkungen in Europa sind damit wesentlich unwahrscheinlicher als in den USA.
Infineon: Erst auspendeln lassen, dann nachfassen
Die jüngste Ernüchterung an der Zinsfront bringt an den Börsen zuallererst die Aktien unter Druck, die in den vergangenen Monaten besonders heftig zugelegt haben: von Smartphonehersteller Apple über Onlinehändler Amazon bis zu den Halbleiterwerten Applied Materials oder ASML. Im Dax erwischte es Infineon. Schon im Herbst hatten verhaltene Aussichten auf das neue Geschäftsjahr (bis Ende September 2024) zu einem Kurssturz geführt, der dann allerdings durch die nachfolgende Zinshoffnungsrally mehr als ausgeglichen wurde.
Operativ entwickelt sich Infineon keineswegs schlecht. Der Absatz im Geschäft mit der Autoindustrie, der wichtigsten Abnehmerbranche, ist weiterhin vielversprechend – auch wenn der zuletzt tristere Ausblick des amerikanischen Konkurrenten Mobileye kurzfristig auf flauere Geschäfte deutet. Zäher ist die Nachfrage aus der Verbraucherelektronik und bei Kommunikationsanwendungen, der Bedarf an Halbleitern für die Energiewende ist ungebrochen.
Infineon könnte im laufenden Geschäftsjahr auf rund 17 Milliarden Euro Umsatz kommen. Bei 45 Milliarden Euro Börsenwert (das 2,6-Fache) ist die Aktie zwar kein Schnäppchen, aber deutlich billiger als die Chiphersteller Intel (3,2), Texas Instruments (8,4) oder Nvidia (13,0). Nachdem Infineon in den vergangenen Monaten von 28 auf 38 Euro gestiegen sind, könnte die Aktie in den nächsten Wochen womöglich zwischen 34 und 30 Euro Boden finden.
Sartorius: Hohe Bewertung bremst nachhaltige Kurserholung
Schwer nach unten ging es in den vergangenen Tagen mit Pharma- und Laborzulieferer Sartorius. Schon im Herbst nach den Neunmonatszahlen sorgte ein enttäuschender Geschäftsausblick für Kursdruck. Bei der Jahresendrally dann war Sartorius voll dabei, weil sich die weltweiten Biotechmärkte seit einiger Zeit stabilisieren.
Damit aber wird das alte Problem von Sartorius wieder virulent: die enorm hohe Bewertung der Aktie. So liegt etwa nach den Prognosen der Deutschen Bank die Gewinnbewertung für 2025 bei fast 50 – und dabei liegen bis jetzt nicht einmal die Geschäftszahlen für 2023 vor. Zum Vergleich: Die amerikanische Amgen kommt nur auf ein KGV um 20, obwohl der Biotech-Primus Nettomargen erzielt, die dreimal so hoch sind wie die von Sartorius. Kurzfristig wäre es gut, wenn Sartorius-Aktien die zuletzt überwundene Kursschwelle bei 300 Euro halten würden.
Bayer: Heiße Spekulation an schwachen Tagen
Knapp oberhalb von 30 Euro, den tiefsten Kursen seit 2006, gelang Bayer zuletzt eine Kurserholung. Beigetragen dazu haben Fortschritte in der Entwicklung von Gentherapien gegen Parkinson sowie partielle Erfolge in Rechtsstreitigkeiten um den Unkrautvernichter Glyphosat. Dass Bayer-Chef Bill Anderson in den vergangenen Monaten selbst Bayer-Aktien für mehr als eine Million Euro gekauft hat, ist auch kein Nachteil. Von Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann jedenfalls erhält Anderson bei der anstehenden Sanierung und Umstrukturierung volle Rückendeckung. Womöglich kommt es dabei sogar zur Ausgliederung eines großen Bereichs wie dem der rezeptfreien Medikamente, der immerhin mit zehn bis zwanzig Milliarden Euro bewertet wird.
Bayer-Aktien haben seit dem hoffnungsvollen Antritt des neuen Chefs Bill Anderson bisher nicht positiv reagiert. Das hat auch damit zu tun, dass Bayer wegen umfangreicher Wertberichtigungen in der Agrarchemie für 2023 wahrscheinlich einen Nettoverlust in Milliardenhöhe vorlegen wird. Zudem ist es weiterhin offen, ob 2024 dann die von Banken erwartete Erholung auf drei bis vier Milliarden Euro Reinertrag auch wirklich gelingt. Und selbst dann wäre Bayer mit einem KGV im 10er-Bereich nicht auffallend billig. Bayer-Aktien sind immer noch weit von einer echten Bodenbildung entfernt. Wer dennoch eine antizyklische Wette auf die Leverkusener wagen will, sollte sich dafür auf besonders schwache Tage konzentrieren.
Rheinmetall: Robuster Trend mit Luft nach oben
Erstmals in ihrer Geschichte sind Aktien von Rheinmetall über die Marke von 300 Euro geklettert. Seit Ausbruch des Ukrainekriegs haben sie die Anteile des Düsseldorfer Rüstungskonzerns mehr als verdreifacht. Hinter diesem Anstieg steht die weltweite Wiederaufrüstung, für Rheinmetall die größte Chance seit Jahrzehnten.
Angesichts üppiger Aufträge ist in diesem Jahr abermals ein zweistelliges Wachstum und ein Umsatz erstmals im Bereich um zehn Milliarden Euro möglich. Die Margen sollten dank der überwiegend staatlichen Auftraggeber stabil bleiben; 2024 wären damit an die 800 Millionen Euro Nettogewinn möglich. Bei 13 Milliarden Euro Marktkapitalisierung ergäbe dies eine Umsatzbewertung von 1,3 und ein KGV um 16. Rheinmetall ist damit sogar noch einen Tick günstiger als die britische BAE Systems (Umsatz 1,3; KGV 18) oder die französische Thales (1,4; 19).
Rheinmetall-Aktien sollten den starken Aufwärtstrend der vergangenen zwei Jahre weiter verteidigen. Zwischenzeitliche Rücksetzer sind einzukalkulieren, dürften aber spätestens im Bereich der vergangenen Tops um 280 bis 290 Euro wieder aufgefangen werden.
Einen kräftigen Dämpfer bekäme die Rüstungs-Rally wohl erst, wenn sich im Ukrainekrieg ein Waffenstillstand abzeichnen würde. Doch selbst dann dürfte angesichts der säkularen Rivalität zwischen den USA und China der globale Aufrüstungstrend, der schon Jahre vor dem Ukrainekrieg begann, nicht plötzlich über Nacht zu Ende sein.
Fazit für den Dax: Nach 2100 Punkten Kursgewinn in 31 Tagen ist der deutsche Aktienmarkt nach einem kurzen Absacker um 500 Punkte nicht einfach bereinigt. In einer klassischen Reaktion könnte er in einem Zeitraum von vier bis sechs Wochen mehr als 1000 Punkte vom Hoch abgeben. Dass Stimmungsindikatoren wie der Fear- and Greedindex des Fernsehsenders CNBC immer noch auf Gier-Niveau stehen, zeigt ebenfalls, dass eine echte Bereinigung an den Aktienmärkten bisher noch nicht stattgefunden hat.
Das dürfte wahrscheinlich erst dann der Fall sein, wenn sich die überspannten Erwartungen der Märkte an die neue Zinspolitik weiter abgekühlt haben. Dieser Erkenntnisprozess könnte durchaus bis ins Frühjahr hinein dauern – womöglich sogar bis zum 20. März, wenn die amerikanischen Notenbank Fed dann vielleicht sogar ihre erste Zinssenkung vornehmen sollte.
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