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Riedls Dax-Radar
Klassische Unternehmen stehen gerade schwer unter Druck. Daimler verdient im ersten Quartal operativ 80 Prozent weniger. Quelle: REUTERS

Die Krise an den Börsen ist noch nicht ausgestanden

Die großen Technologietrends sind die wichtigste eigene Stütze des Aktienmarkts. Dennoch dürften auch sie nicht verhindern, dass die Börse Monate für eine Stabilisierung braucht. Der Dax selbst gibt neue Warnsignale.

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Intel, der größte Chiphersteller weltweit, liefert Anlegern starke Zahlen. Der Umsatz stieg im ersten Quartal um mehr als 20 Prozent, der Gewinn um mehr als 50 Prozent. Obwohl Investoren irritiert sind, weil Apple seine Computer in Zukunft mit eigenen Chips ausstatten will und Intel angesichts der Coronakrise auf eine Gewinnprognose für 2020 verzichtet, ist die Entwicklung des Halbleiterkonzerns ein wichtiger Baustein für die Stabilität der großen Technologietrends: Gerade der in den vergangenen Wochen massiv gestiegene Datenverkehr erhöht die Nachfrage nach leistungsfähigen Chips für Rechenzentren. Notebooks sind in Zeiten des Home Office wieder gefragt; dazu kommt ein enormer Nachfrageschub von den großen Streaminganbietern.

So stark wie bei Intel sind die Geschäfte bei der deutschen Technologieikone SAP nicht. Das Cloudgeschäft ist zwar ausgesprochen stabil und wird zudem immer rentabler. Das klassische Lizenzgeschäft aber ist im März schwer eingebrochen und es kann, je nach weiterer Entwicklung der Coronakrise, im Jahresverlauf zum Bremsklotz werden. Dazu wirft das überraschende Ende der mit reichlich Vorschuss gestarteten Doppelspitze kein gutes Licht auf die strategische Führungsplanung des Unternehmens. SAP-Aktien gehören zwar nach wie vor zu den stärksten Titeln im Dax und bleiben ein Langfristfavorit. Kurzfristig jedoch ist eine weitere Kurskonsolidierung um das Niveau von 100 Euro sehr wahrscheinlich.

Im Gegensatz zur Technologiebranche stehen klassische Unternehmen schwer unter Druck. Daimler verdient im ersten Quartal operativ 80 Prozent weniger. Dass 2020 bei Umsatz und Gewinn die 2019er-Rekordzahlen aller Voraussicht nach bei weitem nicht erreicht werden, dürfte niemanden verwundern. Die Nettoliquidität im Industriegeschäft ist mit 9,3 Milliarden Euro ein wichtiges Polster, ist aber schon etwas geringer als der üppige Vorjahreswert von 11,0 Milliarden Euro.

Daimler-Aktien haben sich seit dem Coronacrash von 21 Euro auf rund 30 Euro erholt. Mit einem Börsenwert, der nur noch bei knapp 30 Milliarden Euro liegt, hat der Markt die geschäftlichen Folgen der Pandemie sicherlich zu einem großen Maß eingepreist. Was allerdings immer noch fehlt, ist ein tragfähiger Boden im Kursbild der Daimler-Aktie.

So wie in der Finanzkrise. Hier kam es zunächst von 2007 bis 2008 zu einem Kursverlust von 77 Prozent, bevor die Aktie dann zwischen 17 und 28 Euro einen Boden bildete. Der Prozess der Bodenbildung aber dauerte insgesamt neun Monate. Übertragen auf die aktuelle Situation bedeutet dies: Selbst wenn Daimler-Aktien nicht mehr auf ein neues Tief fallen müssen, reichen die vergangenen fünf Wochen Kurserholung kaum aus, den großen Abwärtstrend zu drehen.

Düsterer als bei Daimler sieht es bei Lufthansa aus. Im ersten Quartal rutschte das Unternehmen vor Zinsen und Steuern mit 1,2 Milliarden Euro in die roten Zahlen. Für das zweite Quartal rechnet das Unternehmen mit noch höheren Belastungen durch die Coronakrise. Angesichts der angespannten Barmittel dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Lufthansa Hilfe braucht. Für das systemrelevante Unternehmen rückt ein Staatseinstieg immer näher.

Für Lufthansa-Aktionäre wird das ein Flug ins Ungewisse. Ob die Aktie die wichtige Unterstützungszone bei sechs und bis acht Euro langfristig halten kann, ist fraglich. Die Gefahr ist groß, dass eine Staatsbeteiligung zu einer Verwässerung bei den Altaktionären führt, also bei den bisherigen Anlegern. Das Beispiel der Commerzbank, die in der Finanzkrise vom Staat gerettet wurde, zeigt, wie bitter dies für Anleger ausgehen kann. Insgesamt verlor der Commerzbankkurs damals in der Spitze 97 Prozent. Für Anleiheinvestoren dagegen ist es ein Vorteil, wenn ein angeschlagenes Unternehmen ein staatliches Auffangnetz bekommt.

Vergleichsweise gut ist bisher Wohnungskonzern Vonovia durch die Krise gekommen. Die bisher erwarteten Mietstundungen von 40 Millionen Euro sind verkraftbar; zudem baut Vonovia wohl darauf, dass Mieter notfalls staatlich unterstützt werden. An seiner Dividende hält Vonovia fest. Vom Coronacrash haben sich Vonovia-Aktie in typischer Weise erholt: Erst ging es 16 Euro nach unten, dann 8 Euro nach oben. In den nächsten Wochen könnte sich die Aktie im Bereich zwischen 38 und 46 Euro stabilisieren. Unter 38 Euro sollte sie aber nicht fallen, das wäre ein Verkaufssignal.

Fazit für die aktuelle Dax-Entwicklung: Die bisherigen Zahlen bestätigen, dass Unternehmen aus klassischen Branchen substanziell von der Krise getroffen sind. Dagegen setzen sich die großen Technologietrends ungebrochen, ja sogar verstärkt, fort. Branchen mit eigener Entwicklung wie im Fall der Immobilien sind augenscheinlich noch stabil. Aller Voraussicht nach sollten, das legen die bisherigen Ergebnisse europäischer und amerikanischer Pharma- und Biotechunternehmen nahe, die Gesundheitswerte relativ resistent bleiben. Kurstechnisch gehören Merck und FMC im Dax derzeit zu den stabilsten Aktien.

Insgesamt verläuft von den 30 Dax-Werten bei 26 der aktuelle Kurs unterhalb der Durchschnittslinie der vergangenen 200 Börsentage. Das ist eine hohe Baisse-Quote von 87 Prozent und ein klares Signal für einen mittelfristig nach unten gerichteten Trend. Dass im Dax selbst die 200-Tagelinie deutlich sinkt und vor kurzem von der schnelleren 100-Tagelinie nach unten geschnitten wurde, ist eine weitere Warnung. Letztmals kam es im Mai 2018 zu einem solchen klassischen Baisse-Signal – und dem folgten dann sieben Monate mit rückläufigen Kursen.

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