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Riedls Dax-Radar
Grinsender Bulle vor der Frankfurter Börse Quelle: imago images

Die Zinswende ist doch nichts anderes als die Rückkehr zur Normalität

Immer mehr Unternehmensergebnisse stützen die Rally im Dax. Vorübergehende Rückschläge liegen in der Luft, sollten aber nicht zu tief gehen – auch wenn in Amerika die Vorbereitung auf die Zinswende läuft. 

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Für einen kurzen Schockmoment an den Börsen sorgte die amerikanische Finanzministerin und ehemalige Fed-Chefin Janet Yellen. Sie wies darauf hin, dass die Zinsen eines Tages sehr moderat steigen könnten, um eine Überhitzung der Wirtschaft zu verhindern. Und immerhin verdichten sich dafür die Anzeichen: Im März ist die Inflation in den USA auf 2,5 Prozent gestiegen, also über die Zielmarke der Fed von rund zwei Prozent hinaus.

Auch Jerome Powell, der als Fed-Chef offiziell die amerikanische Notenbankpolitik verantwortet und hier derzeit keinerlei Änderungen signalisiert, hat sich vor Kurzem ähnlich geäußert: Wenn sich die Wirtschaft eindeutig in Richtung Vollbeschäftigung bewege und die Inflation längere Zeit über zwei Prozent verharre, werde es die erste Zinserhöhung geben.

Äußerungen dieser Art rufen, vor allem bei zinsorientierten Anlegern, stets Unruhe hervor. Dabei sind sie doch nichts anderes als die Rückkehr zur Normalität: In der Krise wurden die Zinsen auf null heruntergefahren. Seit die wirtschaftliche Erholung läuft, ist es nur eine Frage der Zeit und des Ausmaßes, wann sie wieder hochgesetzt werden. Dahinter steht keine geldpolitische Keule, sondern ein Grundprinzip des marktwirtschaftlich organisierten Kapital- und Wertpapiergeschäfts.

Die Herausforderung für die führenden Akteure wie Yellen und Powell (und sicherlich auch Präsident Joe Biden im Hintergrund) besteht darin, dass sie dies so feinfühlig und marktschonend wie möglich umsetzen und darstellen. Yellen als ehemalige Fed-Chefin hat schon einmal bewiesen, dass sie eine Zinswende hinbekommt, ohne die Grundtendenz der Aktien- und Anleihemärkte zu kippen.

Auch Powell dürfte in den nächsten Wochen und Monaten vermehrt Äußerungen einstreuen, in denen von möglichen Zinserhöhungen die Rede ist. Das wird, wenn er es behutsam macht, unter Investoren Schritt für Schritt zu einem Gewöhnungseffekt führen. Dass die Zinsen am langen Ende des Kapitalmarkts nach ihrem Tief Anfang August 2020 schon im zehnten Monat in einer Aufwärtsbewegung verlaufen, ist so gesehen sogar ein Vorteil: Immerhin ist das wichtigste Aktienbarometer weltweit, der Dow Jones, in der gleichen Zeit von 26.000 auf 34.000 Punkte gestiegen. Die Aktienmärkte haben sich also längst auf das Umfeld steigender Zinsen eingestellt. Sie honorieren dafür im Gegenzug zunehmend die Fortschritte der konjunkturellen Entwicklung und der Unternehmensergebnisse.

Damit dieses Szenario weiter aufgeht, sind drei Dinge essenziell: Die Konjunkturerholung muss vorankommen, ohne zu schnell zu überhitzen; die Bondzinsen können durchaus weiter steigen, sollten aber (wie seit April) immer wieder Konsolidierungsphasen einlegen; und die Notenbanken dürfen durchaus die Zinswende vorbereiten, sollten dabei aber in kleinen Schritten vorgehen und dies rechtzeitig kundtun – und genau das machen Powell und Yellen bisher nicht einmal so schlecht.

Powerhaus Siemens, Dauerläufer Adidas, Hoffnungswert Merck

Wie real die Wirtschaftserholung ist und wie Börsenanleger dies honorieren, zeigt hierzulande derzeit eine der wichtigsten Aktien im Dax, Indexschwergewicht Siemens. Das Unternehmen profitiert von der lebhaften Nachfrage aus großen Abnehmerbranchen wie der Autoindustrie und dem Maschinenbau, dem lebhaften Geschäft in China und den Fortschritten seiner immer umfangreicheren Digitalsparte.



Mit 14,7 Milliarden Euro stieg der jüngste Quartalsumsatz um sechs Prozent, der Nettogewinn ging dank operativer Erholung und Verkaufserlös der Antriebstochter Flender von 0,7 Milliarden auf 2,4 Milliarden Euro nach oben. Für das Gesamtjahr peilt Siemens ein Umsatzwachstum von rund zehn Prozent auf etwa 63 Milliarden Euro an, netto sollen an die sechs Milliarden Euro bleiben. Bei 114 Milliarden Euro Börsenwert wäre dies eine 1,8-fache Umsatzbewertung und ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 19.

Beides ist für einen Industrieklassiker mit zunehmend stärkerem Digitalgeschäft keineswegs übertrieben. Nachdem die Siemens-Aktie im Bereich um 120 bis 130 Euro ihre langjährigen Hochpunkte überschritten hat, läuft eine neue Phase der Aufwärtsbewegung. Nächstes Ziel sollte die Marke um 150 Euro sein. Siemens hätte dann seit Herbst einen ähnlichen Kursgewinn erzielt wie in der ersten Erholungsphase von März bis August 2020.

Wie lebenswichtig für eine Aktie gute Ergebnisse sind, zeigt sich aktuell an Adidas. In den vergangenen Wochen neigte die Aktie zunehmend zur Schwäche und rutschte jüngst sogar unter die vorangegangenen Tiefpunkte bei 260 Euro. Nun befreite sich der Kurs nach den jüngsten, guten Zahlen mit einem Satz aus der Gefahrenzone. In der Tat sind 20 Prozent währungsbereinigtes Wachstum, angefeuert vor allem durch lebhaftes China-Geschäft, eine starke Leistung. Zudem ziehen die Renditen wieder an, die Prognosen werden heraufgesetzt. Die jüngsten Ergebnisse zeigen, dass Adidas den Coronarückschlag verarbeitet hat und wieder an seinen langfristigen Wachstumstrend anknüpft. Analytisch ist die Aktie hoch bewertet, mit der neuen Prognose sollte aber zumindest ein Anlauf bis zu den alten Topkursen um 300 Euro möglich sein.

Eine der besten Aktien im Dax war in den vergangenen zwölf Monaten Merck. Immer offensichtlicher zeichnet es sich ab, dass die Übernahmen der letzten Jahre strategisch stimmig waren – die Expansion in Richtung Biotechnologie und Halbleitermaterialien. Allerdings, durch den massiven Kursanstieg ist Merck hoch bewertet. Mit 61 Milliarden Euro Marktkapitalisierung wird das jährliche Geschäftsvolumen mit mehr als dem Dreifachen bezahlt. Dabei ist die Nettorendite mit 12 Prozent zwar gut, reicht aber nicht an die der führenden Pharmawerte heran. Zudem hat gerade dieses Kerngeschäft bei Merck Nachholbedarf. Im Grunde wäre für Merck eine zweieinhalbfache Umsatzbewertung ein günstiger Einstieg. Das wären Notierungen zwischen 110 und 120 Euro. Wahrscheinlich ist es das Beste, erst einmal abzuwarten, wie die neue Chefin Belén Garijo das Traditionsunternehmen auf Vordermann bringt. Eine Halteposition ist Merck allemal.



Fazit für die Börse: Im Dax haben die Zinsbefürchtungen zu einem kurzen Rückschlag unter 15.000 geführt. Fast punktgenau wurde dabei der seit dem Coronatief bestehende Aufwärtstrend touchiert – doch sogleich kamen die Käufer zurück und zogen die Indexkurve wieder hoch, bis in die Spitzenregion um 15.300 Punkte. Gute Ergebnisse und stabile Prognosen von Indexschwergewichten wie Siemens stützen den Markt dabei genauso wie das Comeback eines Freizeit-, Sport- und Konsumwerts wie Adidas. Bei 24 von 29 Dax-Aktien (Siemens Energy hat noch zu wenig Kurshistorie) verlaufen die aktuellen Notierungen oberhalb der jeweiligen 200-Tagelinie. Das ist eine stabile Hausse-Quote von 83 Prozent. Der Aufwärtstrend im Dax wird also von zahlreichen Werten getragen, das ist ein Zeichen für die Marktstärke. Die Gefahr, dass der Dax den – seit Corona laufenden – Aufwärtstrend doch bricht, ist zwar nicht vom Tisch. Selbst wenn es dazu käme, hätte der Markt in den nächsten Monaten bis auf etwa 14.000 Punkte Spielraum, ohne die große Aufwärtstendenz zu verletzen. Irritationen von der US-Zinspolitik sollten sich bis dahin in Grenzen halten.

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