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Riedls Dax-Radar
Börsenhändler im Handelssaal der Frankfurter Börse: Von mehr als 16.000 Punkten ausgehend hat der Dax noch gute Chancen auf steigende Kurse bis Jahresende. Quelle: dpa

Diese Dax-Werte haben noch Luft nach oben

Große Dax-Unternehmen wie Siemens, Allianz und die Deutsche Telekom stehen operativ unter Volldampf. Wenn die Inflationsraten nicht völlig eskalieren, sollte der Dax trotz Rekord bis Jahresende noch ein Stück zulegen. 

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Siemens ist ein Erfolgsmodell. Jahrzehntelang wurde dem deutschen Industriekonzern vorgehalten, er spiele hinter dem großen Vorbild General Electric nur die zweite Geige. Jetzt kehrt sich das Verhältnis um: Nun versuchen die Amerikaner, den herben Niedergang der vergangenen Jahre durch eine Aufspaltung abzufangen – so wie es Siemens seit Jahren vormacht. Und das Rezept funktioniert offensichtlich: Siemens-Aktien sind in den vergangenen Jahren nicht nur besser gelaufen als der Kursdax, der Dax ohne Dividenden. Sie haben dabei neben General Electric auch den Schweizer Rivalen ABB an der Börse hinter sich gelassen. 

Das Entscheidende am Erfolgsmodell Siemens ist ein Dreischritt: Vielversprechende Geschäftsfelder wie die Gesundheitssparte Healthineers werden zwar abgespalten um über eigene Börsennotizen Marktwerte zu heben, die Muttergesellschaft bleibt aber beteiligt, um einen Substanzabfluss zu verhindern. Zweitens werden weniger interessante Geschäftsfelder hingegen, etwa die Leuchten von Osram, komplett abgegeben. Und dann kann sich - drittens - der Hauptkonzern auf neue, attraktive Geschäftsfelder wie Digitalisierung und Automatisierung konzentrieren. Dies führt dazu, dass nicht nur das Geschäftsvolumen zunimmt und die Margen steigen, sondern auch die Bewertungen an der Börsen höher ausfallen. 

Nachholbedarf besteht allerdings beim Ableger Siemens Energy. Hier fallen immer noch Verluste an. Die Sanierung kommt zwar voran, aber letztlich doch zäher, als von Marktteilnehmern erhofft. Die Aktie steckt zwischen 22 und 26 Euro in einer Bodenbildung. Die Marktposition des Unternehmens ist gut, das Umfeld durch die Energiewende vielversprechend, die Aktienbewertung, gemessen am Umsatz, nicht überzogen. Jetzt müssten nur noch die Gewinne kommen. Banken erwarten für das neue Geschäftsjahr 2021/22 etwas mehr als 300 Millionen Euro netto. Das sollte, das muss Siemens Energy nun aber auch schaffen. 

Siemens selbst ist gut in der Spur. Mit 6,7 Milliarden Euro Nettogewinn hat das Unternehmen seine führende Rolle auf seinen neuen Märkten um digitale Dienste und Automatisierung bewiesen, und der neue Chef zugleich einen starken Einstand geliefert. Dass der Umsatz im nächsten Geschäftsjahr womöglich etwas langsamer wächst, ist angesichts anziehender Margen zu verschmerzen. Mit Kursen über 150 Euro notieren Siemens-Aktien am Allzeithoch. Im Dax schaffen das derzeit nur Linde, Merck, Puma und Sartorius – alles Top-Performer der deutschen Börse. Es wäre kein Wunder, wenn Siemens angesichts dieser Dynamik bis Jahresende in den Bereich 160 bis 170 Euro vordringen würde. 

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    Einen deutlichen Schub könnte auch ein anderer Dax-Klassiker gebrauchen, die Deutsche Telekom. Nach einer kurzen Sommerhausse ist die Aktie im Herbst von 19 auf 16 Euro abgerutscht. Weltweit glitten Kommunikationsaktien ab, in Amerika erwies sich die Integration von Sprint in T-Mobile als aufwendig. Nun aber steigt das operative Ergebnis der Telekom stärker als erwartet, die Perspektiven werden heraufgesetzt, die Dividende erhöht. Die günstige Bewertung der Aktie sollte dazu beitragen, den Kurs bis Jahresende wieder in den Bereich um 18 Euro klettern zu lassen. Langfristig kommt es darauf an, ob die große Hürde bei 19 Euro übersprungen wird; ein solches Signal könnte sich als Befreiung aus einer zwanzigjährigen Schwankungszone erweisen. 

    Mit der Allianz kommt ein weiteres Schwergewicht im Dax gut voran. In den ersten neun Monaten 38 Prozent mehr Nettogewinn, alle Geschäftsbereiche legen zu; die Solvenzquote ist mit 207 Prozent solide, aber nicht überbordend, das verwaltete Vermögen auf dem höchsten Stand aller Zeiten. Vor allem angesichts immenser Schäden aus Naturkatastrophen ist das ein gutes Ergebnis. Wäre da nicht der Rechtsstreit mit Hedgefonds in den USA, hätte die Aktie darauf positiver reagiert. So allerdings bleibt die Unsicherheit und die Angst vor milliardenschweren Sonderbelastungen. Wahrscheinlich wird die Allianz im vierten Quartal dafür Rückstellungen bilden. 

    Die Aktie der Allianz ist bei ihrer Erholung in den vergangenen Wochen bis an die 200-Tagelinie herangekommen. Die Umsätze waren dabei gering, darin spiegelt sich die Unsicherheit wegen möglicher Klagefolgen wider. Einen nachhaltigen Anstieg der Aktie dürfte es ohne eine Lösung der US-Probleme nicht geben. Andererseits, selbst wenn es hier zu einem für die Allianz ungünstigen Ergebnis kommt und die Aktie deshalb noch einmal abtaucht, sollte der Bereich 180 bis 200 Euro eine breite Einstiegszone darstellen. Mit einer Gewinnbewertung unter zehn und einer Dividendenrendite von mehr als fünf Prozent hat die Allianz dafür einfach zu attraktive Kennzahlen. 

    Gefährlicher Mix aus Corona, China und eskalierenden Preisen 

    Mit Siemens, der Telekom und der Allianz präsentieren drei zentrale Unternehmen der deutschen Wirtschaft und des Dax einen starken operativen Verlauf und gute Geschäftsaussichten. Das ist bemerkenswert in einem Umfeld, das durch steigende Coronazahlen, Ängsten vor einer Abschwächung des chinesischen Wachstums und heftigen Inflationszahlen geprägt ist. Vor allem die Preissteigerungen werden immer mehr zum Risiko. In Deutschland steuert die Teuerung auf die kritische Marke von fünf Prozent zu, in den USA wurden nun sogar sechs Prozent übertroffen. Entspannung an den Rohstoffmärkten ist nicht in Sicht: Rohöl der Sorte Brent hält sich hartnäckig über der Marke von 80 Dollar. Die zentralen Industriemetalle Kupfer und Aluminium sind zwar von der Spitze etwas zurückgekommen, deuten aber aktuell schon wieder den nächsten Preisschub an. Der weltweite Bedarf bleibt hoch, die Nachfrage dynamisch. Lithium, der Wunderstoff der Elektromobilität, ist mittlerweile sogar teurer als in der ersten, frühen Rallyphase 2017. Sogar Gold und Silber sind nach monatelanger Lethargie angesprungen und haben wichtige Chartmarken überwunden. 

    Für die Anlagemärkte ist entscheidend, dass es trotz Inflationsdruck bei den echten Renditen für Anleihen noch keine Eskalation gibt. Zwar sind die Renditen für zehnjährige US-Staatspapiere als Reaktion auf die jüngsten, hohen Inflationszahlen von 1,42 auf 1,58 Prozent hochgeschnellt, aber sie liegen immerhin noch ein gutes Stück unter den mittelfristigen Spitzen um 1,7 Prozent. Ein Anstieg darüber hinaus wäre ein ernstes Signal von den Anleihemärkten, das dann auch die Aktienbörsen beeinträchtigen dürfte. 



    Fazit für den Dax: Trotz neuer Coronawellen und beunruhigender Inflationszahlen hält sich der Dax über 16.000 Punkten. Diese Marktstärke verdankt der Dax den substanziell guten Geschäften seiner meisten Unternehmen und der Hoffnung, dass die Inflationszahlen im Laufe der nächsten Wochen sich doch langsam wieder abschwächen. Zumindest bis Mitte Dezember, der nächsten Sitzung der amerikanischen Notenbank, sollte sich an diesem latent positiven Szenario nichts ändern. Ob die Fed dann angesichts der kritischen Gemengelage – Inflationsgefahr versus Konjunkturrisiken – dann doch die Zinszügel stärker anzieht? Geht es nach ihrer bisherigen Linie, wird sie sich im Zweifel wahrscheinlich eher pro Konjunktur entscheiden – und damit auch für die Aktienmärkte. 

    Mehr zum Thema: Die Biontech-Aktie verlor in drei Monaten gut 40 Prozent. Während die Covid-Fallzahlen steigen, beunruhigen Aktionäre starke Studienergebnisse potenzieller Medikamente. Gelingt Biontech ein Comeback oder ist der Hype vorbei?

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