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Riedls Dax-Radar
Quelle: Getty Images

Diesen Unternehmen ist die Inflation (fast) egal

Massive Konjunkturhilfen und steigende Rohstoffpreise heizen die Teuerung an. Dabei gibt es im Dax durchaus Unternehmen, die davon profitieren: etwa die Deutsche Bank und HeidelbergCement.

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Nachdem die Inflation im April in den Vereinigten Staaten mit 4,2 Prozent ein neues, mehrjähriges Hoch erreicht hat, wächst die Angst vor einer Eskalation bei den Preisen. Auch in Deutschland stieg die Inflationsrate im Mai auf 2,5 Prozent und damit so stark wie seit rund neuneinhalb Jahren nicht mehr. Risiken für eine Eskalation der Preise gibt es in der Tat. Die neue, umfangreiche Budgetplanung in den USA etwa macht offensichtlich, dass der Anschub für weiteres Wachstum keineswegs nachlassen wird. In den USA könnte er in diesem Jahr zu einem Konjunkturplus von mehr als fünf Prozent führen.

Damit wird sich nicht nur der Druck auf den Arbeitsmarkt weiter erhöhen, auf dem sich ohnehin Engpässe abzeichnen. Damit bleibt auch der Inflationsdruck auf den Rohstoffmärkten ungebrochen. So dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis der Preis für ein Fass Rohöl der Sorte Brent über sein jüngstes, mittelfristiges Hoch um 70 Dollar getrieben wird. 

Ähnliches spielt sich bei den Industriemetallen ab. Bei Kupfer kam es zwar im Bereich um 10.000 Dollar je Tonne zu heftigen Schwankungen. Dahinter steckt aber keine Schwäche oder Abwärtswende, sondern, ähnlich wie im März, ein klassische Konsolidierung innerhalb einer großen Aufwärtsbewegung. Bei Aluminium, Erz oder Bauholz sieht es ebenso aus. 



Getragen wird der Aufschwung an den Rohstoffmärkten von der wirtschaftlichen Erholung nach Corona, dem physischen Bedarf wegen technologischer Megatrends (Digitalisierung, E-Mobilität, neue Energien) und dem Verfall der Papierwährungen, vor allem des Dollars. Ein Ende der großen Aufwärtsbewegung an den Rohstoffmärkten ist derzeit nicht in Sicht. Das dürfte auch an den Zinsmärkten nicht zu einer Rückkehr zu den letztjährigen Tiefstständen führen.

Für US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit hält sich die Rendite mit 1,58 Prozent am Freitag (28. Mai) abends weiter in der mittelfristigen Bandbreite zwischen 1,50 und 1,75 Prozent. Die Rendite zehnjährigen Bundesanleihen ist mit minus 0,10 Prozent zwischenzeitlich fast wieder an den positiven Bereich gekommen. Dass sie bei ihren jüngsten Schwankungen sämtliche Hochspitzen des Jahres 2020 übertroffen hat, spricht mittelfristig für einen weiteren Anstieg.

Vonovia und Deutsche Wohnen im Fusionsfieber

Der Zinsanstieg trifft eine im Dax vergleichbare junge Branche ganz besonders: die Immobilienkonzerne. Hier spielt sich mit der geplanten Übernahme von Deutsche Wohnen durch Vonovia gerade eine Megatransaktion ab, bei der mit mehr als einer halben Million Wohneinheiten Europas größter Wohnungskonzern entstehen könnte.

Ob die Fusion wirklich über die Bühne geht, ist offen. Vor allem von politischer Seite gibt es Widerstand aus Angst vor zu großer Marktmacht. Für Anleger ist die Lage nicht einfach: Aktien der Deutsche Wohnen sind bis auf das Niveau des Übernahmeangebots gestiegen. Damit besteht erst einmal keine weitere, substanzielle Zugewinnchance, eher das Gegenteil: Sollte die Fusion scheitern, dürfte der Kurs schnell wieder in die bisherige Region unter 50 Euro abrutschen. 

Vonovia-Aktien, die im Zuge der Bekanntgabe des Angebots zunächst unter Druck gekommen sind, könnten im Fall eines Scheiterns ihren Abschlag wieder aufholen. Allerdings ist der mögliche Zugewinn angesichts der Unsicherheiten in der Branche keineswegs besonders hoch. Und wenn es zur Übernahme kommt, wird sie unter anderem durch neue Aktien finanziert werden, das ist wiederum eine Belastung für den Kurs.

Egal, ob und wie die Fusion über die Bühne geht: Steigende Zinsen, hohe Immobilienbewertungen und wachsender politischer Einfluss auf den Wohnungsmarkt sind ein schwieriges Umfeld für die Branche. Ob die Aussicht auf stabile und absehbare Mieterträge diese Hypotheken ausgleichen kann, ist fraglich. Der jüngste Rückgang der Vonovia-Aktie unter das Niveau seiner mittelfristigen Tiefpunkte um 53 Euro ist ein Warnsignal. 

Umstrittenes Comeback der Deutschen Bank 

Im Gegensatz zur Immobilienbranche kommen höhere Zinsen den Banken zugute. Bei der Deutschen Bank kommt hierbei der Turnaround nach langem Niedergang dazu. Maßgeblichen Anteil hat das Investmentbanking, das Geschäft rund um Wertpapiere. Die Deutsche Bank dafür zu kritisieren, ist wenig sinnvoll. Seit ihrer Gründung hatte die Deutsche Bank immer die Aufgabe, weltweit in der ersten Liga zu spielen. Dazu gehört seit dem Siegeszug von Marktwirtschaft und Kapitalismus im 19. Jahrhundert der Umgang mit Investments und Anlagen jeglicher Art – das gilt bis heute. Es gibt weltweit keine Bank ersten Ranges, bei der erfolgreiches, gekonntes Investmentbanking keine Rolle spielt.

Das Problem dabei ist nur, dass dieses Investmentbanking in die Gesamtstrategie der Bank eingebettet und ihr Risikogebaren kontrolliert werden muss. Die Fehler, die bei der Deutschen Bank hier in den vergangenen Jahren durch ein zu eigenmächtiges Investmentbanking gemacht worden sind, haben den Gesamtkonzern schwer unter Druck gebracht.

Aktuell sieht es immer mehr danach aus, dass Chef Christian Sewing erfolgreicher ist als seine Vorgänger. Kosten und Risiken sind zunehmend im Griff, selbst im schwierigen Jahr 2020 blieb ein kleiner Nettogewinn, und das erste Quartal 2021 war mit einem Reingewinn von einer Milliarde Euro das beste seit sieben Jahren. Dass die Märkte eine Großbank mit 1,3 Billionen Euro Bilanzsumme an der Börse nur mit 25 Milliarden Euro bezahlen, zeigt die Skepsis der Investoren. Das lässt Raum für positive Überraschungen – und steigende Kurse.

Am Montag folgte allerdings ein Dämpfer: Medienberichten zufolge hat die US-Notenbank Fed das Geldhaus wegen Mängeln bei Risikomanagement und Compliance erneut ermahnt. „Da drohen neue Sanktionen“, prognostiziert ein Börsianer. Die Deutsche Bank wollte sich dazu nicht äußern. Die Aktien des Instituts verloren ein knappes Prozent.

Negative Überraschungen muss auch ein anderer Turnaround-Kandidat im Dax hinnehmen: Bayer. Wieder machen amerikanische Gerichte bei der Aufarbeitung der Monsanto-Folgen den Leverkusenern einen Strich durch die Rechnung. Zum zweiten Mal scheiterte der Versuch, die Klagewelle in den USA um den Unkrautvernichter Glyphosat mit einem Vergleich zu beenden.



Für den Aktienkurs wäre es ein erheblicher Vorteil gewesen, die Folgerisiken aus der Monsanto-Übernahme einzugrenzen. Auch wenn Bayer seine Rückstellungen für Rechtsrisiken erst einmal auf dem bisherigen Niveau belässt, muss der Aktienmarkt die neue Unsicherheit erst einmal verarbeiten. Das könnte sich, wie in den vergangenen fünf Monaten, in der Bandbreite zwischen 50 und 56 Euro abspielen.

Guter Amerika-Deal für HeidelbergCement 

Der deutsche Beton- und Baustoffkonzern HeidelbergCement wird im Westen der USA zwei Zementwerke sowie einige Terminals und kleinere Betriebe für umgerechnet 1,9 Milliarden Euro verkaufen. Das ist ein guter Deal, denn der Umsatz, den die Heidelberger dabei abgeben, dürfte nur einige hundert Millionen Euro groß sein. Bisher erlösten sie in den USA mit 13 Zementwerken und rund 400 Terminals, kleineren Betrieben und Werken 3,9 Milliarden Euro Jahresumsatz.

Mit dem eingenommenen Geld wird der Schuldenabbau weiter vorangehen und ebenso die Expansion. Auch in den USA, wo die Heidelberger in Mitchell im Bundesstaat Indiana für 600 Millionen Dollar ein riesiges Zementwerk hochziehen. Das wird 1000 Arbeitsplätze in der Region schaffen. Für die Amerikaner ist das derzeit ein wichtiges Argument, wenn es um die Vergabe neuer Aufträge geht. Aktien von HeidelbergCement werden weiterhin von der anziehenden Baukonjunktur in den USA profitieren. Das Unternehmen ist seit Jahrzehnten hier aktiv und ist bei Beton, Zement und Asphalt die Top-Adresse in Nordamerika.

Fazit für die Börsen: Am taktgebenden amerikanischen Aktienmarkt ist auch nach 15 Monaten Hausse seit dem Coronatief keine Schwäche spürbar. Im Dow Jones läuft seit April eine kurzfristige Konsolidierungsphase, in der das US-Aktienbarometer das Niveau um 34.000 Punkten bisher souverän verteidigt. Der Abstand zur steigenden 200-Tagelinie beträgt mehr als zehn Prozent. Darin spiegelt sich einerseits die Stärke des Marktes wider, andererseits besteht darin noch keine Überhitzung. 

Etwas wackliger sieht die Lage an der Technologiebörse Nasdaq aus. Immerhin sind die Kurse bei der jüngsten Korrektur im Mai nicht mehr so weit abgetaucht wie im März; das ist ein klassisches Zeichen, das für eine Fortsetzung des bisherigen Trends spricht und nicht für sein Ende.

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Im Dax spielt sich seit Mitte April eine Konsolidierung zwischen 14.800 und 15.500 Punkten ab. Innerhalb dieser Konsolidierung gibt es wesentlich mehr Notierungen in der oberen Hälfte dieser Bandbreite als in der unteren. Das signalisiert ein Übergewicht der Käufer. Die robuste Verfassung der US-Märkte, vor allem der Klassiker im Dow Jones, und zumindest kurzfristig nicht zu heftig steigende Zinsen machen eine Fortsetzung des Aufwärtstrends an den Börsen wahrscheinlicher als einen Abbruch.

Und sollten sich die Inflationstendenzen weiterhin verfestigen, wird das die Attraktivität von Sachwerten erhöhen – und dazu gehören eben auch Aktien.

Mehr zum Thema: Durch umfangreiche Rettungspakete in der Coronakrise mussten sich Staaten hoch verschulden. Finanziert haben das die Zentralbanken. Ob es ihnen aber gelingt die dadurch drohende Inflation zu bekämpfen, ist fraglich, schreibt unser Kolumnist Andreas Freytag.

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