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Riedls Dax-Radar
Einfacher und kostengünstiger Börsenhandel via Smartphone boomt, die smarten Trader sorgen aber auch für viel Unruhe an der Börse. Quelle: imago images

Euphorie zwischen Coronafrust und smarten Tradern

Die Enttäuschung über den Fortgang der Impfpolitik lässt Aktien taumeln, auf der anderen Seite kommt es bei Börsenneulingen und hochgejubelten Spezialwerten zu extremen Kursausschlägen. Dem Dax dürften turbulente Wochen bevorstehen – zwischen dem bisherigen Top um 14.000 und einem möglichen Korrekturtief um 13.000 Punkten. 

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Um fast 50 Prozent ist Qualtrics, der junge börsennotierte Ableger von SAP, am ersten Handelstag gestiegen. Dabei war das Angebot der neuen Aktie schon vorher kein Schnäppchen. Nun wird das Datenabfrage- und Analyseunternehmen Qualtrics mit 21 Milliarden Dollar oder umgerechnet 17 Milliarden Euro bewertet. Das ist ein enorm hoher Preis. 

Qualtrics dürfte in diesem Jahr, wenn sich das bisherige Wachstum fortsetzt, etwa eine Milliarde Dollar Umsatz erzielen und womöglich wieder in die Gewinnzone kommen. Dass die Börse dafür eine 21fache Umsatzbewertung zahlt, ist ein klares Zeichen von Euphorie. Kämen SAP-Aktien auf die gleiche Bewertung, ergäbe das einen Börsenwert von mehr als einer halbe Billion Euro. Kein Wunder, dass die Walldorfer nun von einem Shift in ihrer Bewertung träumen. 

Immerhin zeigen SAP-Aktien seit einigen Wochen relative Stärke, laufen also besser als der Durchschnitt. Damit könnten sie sich in den nächsten Monaten wieder schrittweise an das Niveau heranpirschen, das vor dem Oktoberschock bestand, als SAP seine Prognosen unerwartet deutlich zurücknahm. 

Auch ein weiteres, technisch orientiertes Schwergewicht im Dax erweist sich als Stütze für den Index: Siemens. Mit Kursen von bis zu 133 Euro ist die Aktie wieder in die Spitzenregion von 2017 vorgedrungen. Anleger honorieren den Konzernumbau weg vom Kraftwerksgeschäft hin zu digitalen Sparten und aussichtsreichen Beteiligungen sowie die Tatsache, dass Siemens vergleichsweise gut durch die Coronakrise gekommen ist. Zudem liegt die Bewertung der Aktie im Gegensatz zu vielen jungen Papieren noch im klassischen, überschaubaren Bereich. Siemens-Aktien müssen deshalb nicht gleich in neue Höhen vordringen. Dieser Kraftakt wird wahrscheinlich erst dann gelingen, wenn der gesamte deutsche Aktienmarkt wieder in Bewegung kommt. 

Corona gibt den Börsen die Richtung vor 

Bisher ist es dem Dax nicht gelungen, den Bereich um 14.000 Punkte nachhaltig zu übertreffen. Im Gegenteil: Vor allem die neue, enttäuschende Entwicklung in der Coronakrise hält die Märkte wieder schwer in Atem. 

Seit fast genau einem Jahr ist die Entwicklung um Corona der entscheidende Richtungsgeber für die Börse. Im Februar 2020 führte der Wirtschaftseinbruch wegen Corona zu einem schockartigen Rückschlag an den Aktienmärkten. Dem folgte, vor allem untermauert von einer extrem expansiven Hilfe der Notenbanken, zunächst eine schrittweise Erholung. 

Als im Herbst dann die Aussicht auf neue Impfstoffe aufkam, war es wieder die Entwicklung um Corona, von der die Märkte in neue Höhen katapultiert wurden. Nun, als drittes Coronasignal, ist es der Frust über die zähe Umsetzung der Impfstrategie, die den Börsen wieder schwer zusetzt. 

Dass die Hoffnung auf ein schnelles Ende der Coronakrise verfliegt, muss die Märkte nicht automatisch in einen neuen Crash stürzen. Denn auf der anderen Seite besteht genau deshalb die Aussicht auf dauerhafte Hilfen durch Notenbanken und Konjunkturpolitik. Die jüngste, wieder leichte Entspannung in der für Börsianer so wichtigen Zinstendenz am US-Anleihemarkt deutet das schon an: Nach einer kurzen Spitze um 1,14 Prozent sind die Renditen für zehnjährige US-Bonds wieder auf knapp über ein Prozent zurückgekommen. Angesichts der weltweit sehr hohen Verschuldung dürften die Notenbanken auch weiterhin alle Hebel in Bewegung setzen, einen schnellen Anstieg der Renditen und damit einen gefährlichen Crash am Anleihemarkt zu verhindern. 

Der Dax ist im Zuge der Coronaenttäuschung bisher in den Bereich um 13.500 zurückgekommen. Zugleich hat die Volatilität – das sind die von professionellen Marktteilnehmern erwarteten Kursschwankungen - wieder deutlich zugenommen. Ein solcher Anstieg der Nervosität ist ein typisches Zeichen für eine Korrektur. Das Niveau um 13.500 Punkte sollte der Dax indes noch einige Zeit verteidigen, im September und Dezember vergangenen Jahres lagen hier wichtige Hochspitzen des Marktes. Ein weiterer Rückgang bis in die Zone um 13.000 Punkte wäre ebenfalls kein Problem. Hier dürfte in einigen Wochen die Durchschnittslinie der vergangenen 200 Tage verlaufen. Seit Ende Dezember zieht dieser Richtungsanzeiger der mittel- bis langfristigen Tendenz dynamisch nach oben, ein klassisches Zeichen für einen intakten Aufwärtstrend. 

Warum Smartphone-Trader den Dax beflügeln können

Zu den Effekten, die derzeit zu besonders heftigen Ausschlägen an den Börsen führen, gehören bisher nicht gesehene Aktionen von Smartphone-Tradern. Dahinter stecken kleine bis durchaus mittelgroße Orders, die aus drei Gründen an den Börsen eine dramatische Wirkung entfalten: Erstens konzentrieren sie sich auf sehr kleine Aktien, von denen es nur wenige Stücke gibt; zweitens wird daraus via soziale Netzwerke gleichsam eine Massenbewegung; drittens potenzieren sich die Kursausschläge zusätzlich aus technischen Gründen – wenn die Aktien dabei vorher von Hedgefonds und anderen professionellen Spielern im Zuge von Baisse-Spekulationen leerverkauft wurden und wegen der unerwarteten Kurssteigerungen dann wieder hektisch zurückgekauft werden müssen. 

Im Dax war es bei Volkswagen im Zuge der Finanzkrise und bei dem Skandalunternehmen Wirecard in den vergangenen Jahren zu solchen Effekten gekommen. Mit Evotec, Encavis oder Varta sind derzeit eher kleine deutsche Aktienwerte weit unterhalb des Dax-Niveaus von solchen Aktionen betroffen.

Der Fall Volkswagen hat gezeigt, dass für eine massive Beeinflussung des Kurses über viele Monate hinweg große Shortpositionen aufgebaut werden müssen. Deren Auflösung über Rückkäufe - bei einer unerwarteten Kurssteigerung - führt dann zu den gesehenen, atemberaubenden Ausschlägen. 

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Ungewöhnlich hohe Short-Positionen, die zu solchen Kursausschlägen führen könnten, sind derzeit bei großen Dax-Werten nicht bekannt. Indirekt dürfte sich aber dennoch diese neue Entwicklung an den Börsen auswirken: Weil nun offensichtlich immer mehr Hedgefonds, die vor allem als große Shortseller unterwegs sind, kalte Füße bekommen, könnten sie zumindest in den nächsten Wochen mit Baissespekulationen zurückhaltender sein. Für den Gesamtmarkt ergäbe sich daraus sogar eine zusätzliche Stimulierung.

Mehr zum Thema: Die größten Shortsqueezes aller Zeiten.

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