Riedls Dax-Radar
Zwischen Wackeln und Wende: An der Börse herrscht kräftiger Wellengang, einzelne Aktien scheinen bereit für einen Richtungswechsel. Quelle: Getty Images

Favoriten und Wendeaktien gegen den Abschwung

Kriegsfolgen, Inflation und wacklige Konjunktur setzen der Börse schwer zu. Dennoch gibt es zahlreiche Einzelwerte, die auch jetzt gute Aussicht auf Rendite bieten: Die Chancen und Risiken aller Einzelwerte im Dax.

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An den internationalen Anleihemärkten läuft derzeit die heftigste Verkaufswelle seit mehr als einem Jahrzehnt. In Amerika sind die Renditen für zehnjährige US-Bonds innerhalb eines einzigen Monats von 1,68 Prozent auf bis zu 2,55 Prozent gestiegen. In Deutschland haben sich die Renditen für zehnjährige Bundesanleihen in der gleichen Zeit von minus 0,09 Prozent auf bis zu plus 0,71 Prozent erhöht. Die Kurse öffentlicher Anleihen haben dabei in ganzer Breite ihren seit der Finanzkrise von 2008 bestehenden langfristigen Aufwärtstrend gebrochen und mit hoher Dynamik eine neue Richtung eingeschlagen. Selbst wenn es nach einer so heftigen Marktbewegung eine Gegenreaktion geben dürfte, die neue Grundrichtung am Anleihemarkt lautet: Renditen nach oben, Kurse nach unten. 

Für die Realwirtschaft geben die Anleihemärkte damit ein unmissverständliches Signal: Nach vier Jahrzehnten rückläufiger Zinsen kommen die infolge massiver Preissteigerungen und überbordender Geldmengen eingeleiteten Zinserhöhungen einer Zeitenwende gleich. Dass sich die alten Aufwärtstrends der Anleihekurse fortsetzen, ist auf absehbare Zeit unwahrscheinlich; mehr als kurze Erholungsphasen sind für die Notierungen von Zinspapieren vorläufig nicht in Sicht. Wer Anleihen kauft, muss in weiten Phasen der Laufzeit mit rückläufigen Kursen rechnen. Anlegen bis zur Endfälligkeit wird dabei wieder wichtiger. Mit nicht zu langen Laufzeiten lässt sich flexibel bleiben.

Die Zeitenwende am Anleihemarkt schlägt sich deutlich an den Börsen nieder. Die maßgeblichen Aktienmarktindizes bieten dabei ein unterschiedliches, durchaus ambivalentes Bild. Der amerikanische Dow Jones ist in der Panik Anfang März durch die breite Unterstützungszone zwischen 33.000 und 34.000 Punkten gerauscht, hat sich in der nachfolgenden Märzerholung aber wieder aus der Gefahrenzone befreit und ist vorübergehend sogar wieder über die Marke von 35.000 gekommen. Wie auch an der Technologiebörse Nasdaq wurde dabei bisher noch keine große Trendwende nach unten abgeschlossen. Angesichts der vielfältigen Krisenbelastungen (Inflation, Krieg, Konjunkturrisiken) zeigen die US-Märkte eine bemerkenswerte Resilienz.

Der Deutsche Aktienmarkt ist da spürbar schwerer angeschlagen. Der Dax ist weit unter die zentrale Unterstützungszone um 15.000 Punkte gesackt. Der jüngste Rücklauf bis an dieses Kursniveau, dieses Mal von unten heran, bestätigt die Bedeutung dieses Notierungsbereichs. Im Gegensatz zu den US-Märkten ist es dem Dax bisher noch nicht gelungen, seiner Abwärtszone zu entkommen. 

Dieser relative Schwäche des deutschen Aktienmarktes zeigt deutlich, wie viel mehr Konjunktur und Unternehmen in Deutschland vom Krieg in der Ukraine und dessen Folgen betroffen sind als in Amerika. Überspitzt ausgedrückt: Während die deutsche Börse derzeit drei zentrale Risiken verarbeiten muss (Inflation, Krieg, Konjunkturrückgang), haben die US-Börsen davon nur zwei: Inflation und abkippende Konjunktur.

Zwischenbilanz zu allen Einzelwerten: Der Dax ist stärker als sein Ruf

Die Dreifachbelastung aus den Risiken Inflation, Krieg und Konjunktur verkraften die Unternehmen und Aktien im Dax in unterschiedlicher Weise. Als Investments bieten die einzelnen Werte dementsprechend auch sehr unterschiedliche Perspektiven. Mit Blick auf die langfristige, über fünf Jahre und mehr reichende Entwicklung, lassen sich die Dax-Aktien dabei in fünf Gruppen einteilen:




Erste Gruppe: 
Langjährige Favoriten, die nach wie vor in einer stabilen Aufwärtsentwicklung verlaufen. Dazu zählen Linde, Merck, Qiagen, Deutsche Börse, Hannover Rück, RWE, Siemens Healthineers, Symrise und Sartorius. Die operativen Geschäfte dieser Unternehmen zeichnen sich durch eine langfristige Wachstumstendenz aus. Die Bewertung ist mitunter hoch, weshalb Schwächephasen sich immer wieder zum Nachfassen eignen. 

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Zweite Gruppe: 
Robuste Schwankungsaktien, die zwischenzeitlich durchaus einmal deutlicher nachgeben, deren gesamtes Kursbild aber langfristig gesund ist. Dazu gehören Allianz, Telekom, Siemens, Mercedes-Benz, Daimler Truck, BMW, E.On, Porsche, Airbus, MTU, Münchener Rück, Brenntag, Deutsche Post, Infineon. Im Grunde handelt es sich hier um die Dax-Klassiker aus Industrie und Assekuranz. Die unter langfristigem Blickwinkel stabile Verfassung dieser Aktien ist zugleich die wichtigste Stütze für den deutschen Aktienmarkt als Ganzes. 


Dritte Gruppe: 
Wackelkandidaten, die zum Teil zuletzt zwar kräftige Verluste hinnehmen mussten, langfristig aber noch nicht nach unten zeigen. Dazu gehören: Volkswagen, BASF, SAP, Covestro, Adidas, Puma, Vonovia und HeidelbergCement. Insgesamt ist diese Gruppe überdurchschnittlich stark von den Folgen des Kriegs in der Ukraine betroffen. Kommt es hier zu einer Entspannung, dürften schnelle und dynamische Erholungen möglich sein. 

Vierte Gruppe:
Turnaround-Aktien, die nach langer Abwärtsbewegung dabei sind, die Wende nach oben einzuschlagen. Dazu gehören: Deutsche Bank, Bayer, Fresenius, FMC. Die Reagibilität auf die Russlandfrage ist bei diesen Aktien – mit Ausnahme der Deutschen Bank – praktisch nicht vorhanden. In erster Linie geht es hier darum, wie die Unternehmen nach langer strategischer und operativer Talfahrt sich wieder nachhaltig erholen. Deutsche Bank und Bayer haben hier schon gut vorgelegt, die Fresenius-Gruppe könnte als nächstes am Zug sein. 

Fünfte Gruppe:
Loser und Hoffnungswerte, die sich in einer ungebremsten Abwärtsentwicklung befinden und noch keine Anzeichen einer Wende bieten. Dazu gehören: Continental, Henkel, Hello Fresh, Zalando und Delivery Hero. Bevor es hier nicht sichere Zeichen einer operativen oder strategischen Erholung gibt, eignen sich diese Aktien noch nicht als Investment. Selbst bei den Klassikern Continental und Henkel geht es in einer ersten Phase darum, wo sich Kurstiefen ausloten lassen. In beiden Fällen könnte sich das im weiten Bereich zwischen 50 und 65 Euro abspielen.

Fazit für den Dax: Nach vier Wochen starker Kurserholung ist es wenig wahrscheinlich, dass der Dax nun auch noch in einem Zug das Kursbollwerk um 15.000 Punkte überwindet. Kurzfristig könnte eher ein erneuter Rücksetzer oder zumindest eine Abkühlung stattfinden. Sie könnte bis in den Bereich um 13.800 Punkte nach unten gehen, ohne die vielversprechende Stabilisierung vom März wieder zu zerstören. Je weniger der Dax in seiner nächsten, kurzfristigen Korrektur wieder Boden preisgibt, desto besser sind die mittelfristigen Aussichten danach. 

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Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass der Dax trotz seiner jüngsten Stabilisierung noch einmal weit abrutscht. Auslöser dafür könnten weiterhin horrende Inflationszahlen, eine neue Rezession oder eine Eskalation in Russland sein. Dennoch, die relative Stärke der weltweit dominierenden US-Märkte und unter langfristigem Blick insgesamt robuste Verfassung zahlreicher Einzelwerte im Dax sprechen gegen ein solches Untergangsszenario. Als Investmentstrategie könnte sich eine Mischung aus langjährigen Favoriten und Turnaround-Kandidaten besonders lohnen.

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