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Riedls Dax-Radar
Von einzelnen Dax-Werten kommen derzeit vielversprechende Meldungen. BMW hebt die Ergebnisprognose für das laufende Jahr an. Ebenfalls günstig sind Daimler-Aktien. Quelle: REUTERS

Foto-Finish um den Trend – mit hauchdünner Hoffnung

Teures Öl, Gas und Strom treiben die Preise; Lieferengpässe bremsen die Produktion; an den Anleihemärkten steigen die Renditen. Für den Dax wird es immer schwieriger, das Niveau um 15.000 Punkte zu verteidigen.

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Die Entscheidung, wer Deutschland regiert, die größte Volkswirtschaft in Europa, hat an der Börse bisher kaum Spuren hinterlassen. Ein Problem war und ist das Wahlergebnis für die Anlagemärkte nicht, da das in den Augen der Börse schlimmste Szenario einer Regierungsbeteiligung der Linken nicht mehr real ist. Das schwache Abschneiden der Union mag aus wirtschaftlicher Sicht ein Nachteil sein, das starke Abschneiden der FDP wiederum kann dies kompensieren. Und die Einbindung grüner Gedankenwelt ist über Nachhaltigkeitskriterien an den Börsen nicht nur längst salonfähig. Umwelt- und Klimatechnik, neue Energien, neue Antriebe sind vielmehr seit Jahren ein Motor der Hausse. 

Eine politische Dimension hat die Börse dabei sehr wohl. So hat im Dax etwa die vor zehn Jahren einsetzende Energiewende bei den Versorgern zusammengenommen zu Wertverlusten um die 100 Milliarden Euro geführt. Beide Hauptbetroffenen, RWE und E.On, haben lange Jahre für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle gebraucht. Immerhin, nun zählt E.On mit dem Schwerpunkt Netzgeschäft und RWE mit neuen Energien wieder zu den Favoriten im Dax. 

Politische Probleme sind es derzeit auch in den USA, die sich für den Markt zum Risiko entwickeln können. Zwar haben nun beide US-Kammern durch einen Übergangshaushalt einen Shutdown verhindert, in dem hunderttausende Staatsbedienstete in Zwangsurlaub geschickt worden wären. Der Streit um die Obergrenze der Staatsschulden allerdings schwelt weiter und muss bis zum 18. Oktober entschieden werden. Auch wenn beide Auseinandersetzungen nicht neu sind für die Börse, so steckt dahinter doch ein politischer Streit um große wirtschaftliche Vorhaben wie die Infrastrukturprogramme von Joe Biden. Die wiederum sind für die weiteren Konjunkturaussichten genauso wichtig wie für die Auftragsbücher großer Unternehmen. Im Dax ist davon besonders HeidelbergCement betroffen. 



Politische Spannungen können die Börsen derzeit eigentlich gar nicht gebrauchen. Durch die Angst vor dem Ende der expansiven Geldpolitik sind die großen Aktienmärkte derzeit in einer nervösen Verfassung. Größte Sorge sind massive Preissteigerungen: mehr als fünf Prozent Inflation in den USA, nun mehr als vier Prozent in Deutschland. Preistreiber mit der größten Breitenwirkung sind Öl, Gas und Strom; die heftigsten Aufschläge gibt es in der Spitze bei Halbleitern und speziellen elektronischen Bauteilen. 

Bisher sprachen die Notenbanken immer wieder von vorübergehenden Preiserhöhungen, die sich mittelfristig wieder abschwächen sollten. Zu einem solchen Szenario würde der langsame Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik nach wie vor gut passen. Doch wie lange können die Notenbanken die Füße stillhalten, wenn ihnen die Preise mit Steigerungsraten von vier, fünf oder mehr Prozent nun doch davonlaufen?

Eine Schlüsselstellung kommt dem Ölpreis zu. Hier handelt es sich nicht nur um den mit Abstand größten Rohstoffmarkt; Rohöl ist als Energieträger, Grundstoff und führender Indikator für andere Energiekurven noch immer von zentraler Bedeutung. Dabei entwickelt sich hier sogar ein brisantes Paradoxon: Einerseits sollte Öl in einer Zeit der beginnenden Elektromobilität, des Klimaschutzes und von nachhaltigen statt fossilen Grundstoffen an Bedeutung verlieren. Andererseits orientieren sich aber sowohl Strompreise als auch Preise für alternative Konkurrenzprodukte wesentlich am Ölpreis. Mit anderen Worten: Wenn altes Rohöl teuer wird, gibt es auch neue Energien und neue, nicht fossile Grundstoffe eben nicht zum Discountpreis.

Ein Ende der Inflationsspirale ist derzeit nicht in Sicht – es sei denn, die Konjunktur bräche wiederum massiv ein und die Nachfrage auf den Energie- und Produktmärkten ginge schwer zurück. Beide Entwicklungen wären für die Börsen alles andere als vorteilhaft. 

Dow Jones bekommt immer mehr Schlagseite 

Die weltweit wichtigste Börsenkurve, der amerikanische Dow Jones, läuft in eine Entwicklung, die immer knapper wird. Schon am 20. September kam es zu einem scharfen Kursrückgang, der fast bis auf 33.600 Punkte ging. Danach kam es zwar zu einer Erholung, doch die scheiterte an der wichtigen Marke um 35.000 Punkte. Seitdem geht es mit hoher Dynamik wieder nach unten. Am Freitagvormittag sind die Futures im Dow wieder bis auf das Septembertief gefallen. Für den Wochenschluss wäre es sehr wichtig, dass der Dow von hier aus doch noch eine deutliche Erholung zustandebringt. 

Der Dax ist im Fahrwasser dieser Entwicklung wieder bis auf die entscheidende Untergrenze um 15.000 Zähler abgestürzt. Seitdem läuft eine Erholung. Auch hier wäre es sehr wichtig, dass der Dax zum Wochenschluss Notierungen deutlich oberhalb der 15.000er-Marke schafft. Seit April ist es in diesem Kursbereich mehrmals zur Bildung mittelfristiger Tiefpunkte gekommen; zudem verläuft hier etwa die 200-Tagelinie. Sollte der Markt dieses Niveau nicht mehr verteidigen, könnte dies noch erheblich schwerere Verluste nach sich ziehen. 

Immerhin, von einzelnen Dax-Werten kommen derzeit vielversprechende Meldungen. BMW hebt die Ergebnisprognose für das laufende Jahr an. Im Kerngeschäft Automobile steigen die Margen stärker als erwartet. Gemessen am Gewinn vor Zinsen und Steuern sollen sie nun um rund zehn Prozent zulegen statt wie bisher um etwa acht Prozent. BMW-Aktien sind fundamental günstig, analytisch aussichtsreich und sollten auch weiterhin das wichtige Kursniveau zwischen 75 und 80 Euro verteidigen. Noch günstiger als die im Dax gehandelten Stammanteile sind die selteneren Vorzüge. 

Ebenfalls günstig sind Daimler-Aktien. Hier kommt die Aufspaltung in eine Autosparte und das Lastwagengeschäft weiter voran. Sollte es Daimler gelingen, für Mercedes-Benz eine der Marke angemessene Premiumbewertung an der Börse zu erzielen und auch das Lastwagengeschäft nachhaltig gute, schwarze Zahlen liefern, dürfte der gesamte Marktwert der neuen Gesellschaften langfristig weit über dem aktuellen Wert der Daimler-Aktien liegen. 

Bei Airbus verbessert sich die Auftragslage weiterhin spürbar, neu dazu kommt gerade eine Order für 28 Maschinen der Alitalia-Nachfolgerin Ita. Seit Monaten zeichnet sich ab, dass die Erholung nach dem Coronaschock besser vorankommt als ursprünglich befürchtet. Airbus-Aktien sind zwar nicht mehr billig, doch die deutliche Gewinnwende dieses Jahres sollte mittelfristig einen Anstieg bis zu den alten Kurshöhen möglich machen. 

Fazit für den Dax: Die Zitterpartie darüber, wie schnell die Notenbanken die Geldzügel wieder anziehen, wird die Börsen in den nächsten Wochen weiterhin belasten. Der jüngste Anstieg der Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen, die binnen weniger Tage von 1,28 auf 1,56 Prozent gestiegen sind, ist ein Warnsignal. Noch kann der Dax das wichtige Niveau um 15.000 Punkte verteidigen, im Dow Jones geht es um den Bereich 33.000 bis 33.500 Zähler. 

Derzeit verlaufen bei 23 von 40 Dax-Werten die aktuellen Kurse oberhalb der jeweiligen 200-Tagelinie. In dieser positiven Quote von 58 Prozent zeigt sich noch ein leichtes Überwiegen der Käuferseite. Von den acht schwersten Dax-Aktien, die jeweils mehr als 80 Milliarden Euro Börsenwert auf die Waage bringen, zeigen fünf mittelfristig eine stabile Tendenz (Linde, Siemens, Airbus, Deutsche Telekom, Daimler), zwei (Allianz und Volkswagen) sind zwar angeschlagen, aber analytisch günstig. Indexschwergewicht SAP ist in den vergangenen Tagen zwar abermals ins Rutschen gekommen, könnte aber spätestens im Bereich um 110 Euro wieder Tritt fassen. Der Kampf um den großen Trend an den Börsen, der mit dem Rückschlag in der zweiten Septemberhälfte begonnen hat, ist weiterhin offen – mit einer gefühlten Chance von 60 zu 40 Prozent, dass der Dax vielleicht doch wieder rechtzeitig die Kurve kratzt. 

Hinweis: Der nächste Dax-Radar erscheint erst wieder Mitte Oktober.

Mehr zum Thema: Kaum ein anderer Ökonom hat sich so tief mit dem langfristigen Erfolg von Unternehmen befasst wie Warwick-Professor Christian Stadler. Konsequent aus Fehlern zu lernen ist ein Teil des Rezepts für dauerhaften Erfolg.

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