Riedls Dax Radar

Für Dax-Anleger stehen die Chancen 60 zu 40

Zwischen 10.800 und 11.600 Punkten im Dax beginnt am deutschen Aktienmarkt der Kampf um den großen Trend. Spekulationen stützten den Börsenindex zwar, aber die Risiken sollten Anleger nicht ausblenden.

Dank Spekulationen um K+S und Griechenland bleibt der Dax stabil Quelle: dpa

In der Frage um Griechenland kommen aus Sicht der Börse mehrere Belastungen zusammen: Weder ist eine politische Versöhnung der Parteien in Sicht noch eine Lösung dafür, wie Griechenland seine Schulden überhaupt jemals bezahlt. Vielmehr läuft es immer mehr darauf hinaus, dass die Gläubiger dieses Geld schlicht und einfach abschreiben dürfen.

So betrachtet ist das für die Gläubiger, also letztlich für Steuerzahler und Anleger hierzulande, die schlechteste aller Lösungen. Und eigentlich müsste der Dax damit völlig zusammenbrechen.

Doch was macht die Börse? Trotz dieser Ausweglosigkeit (und bestenfalls der Aussicht auf einen zweifelhaften, prolongierenden Kompromiss) hält sich der Dax ziemlich gut in der Spanne zwischen 10.800 und 11.600 Punkten. Was würde erst passieren, wenn es – entgegen den Erwartungen – sogar zu einer versöhnlichen Lösung käme?

Griechenland ist nicht das Kernproblem der Märkte

So oder so, die hohe Stabilität im Dax bedeutet zweierlei: Erstens, dass die Griechenlandkrise eben nicht, wie die thematische Hyperpräsenz suggeriert, das ökonomische Kernproblem der Welt ist. Zweitens verweist dies auf den wichtigeren Grund der Stabilisierung: Die wieder schleichende Entspannung an den Zinsmärkten.

Hier ziehen sich die Renditen, nachdem sie (in der Umlaufrendite) bis auf 0,8 Prozent gekommen waren, wieder langsam zurück. Aktuell sind es 0,67 Prozent. Verantwortlich dafür ist nicht nur die vorangegangene hektische Überspekulation auf eine schnelle Zinswende (die braucht, wenn sie kommt, noch viel viel länger); sondern auch die zuletzt wieder moderateren Indikatoren, etwa das Ifo-Geschäftsklima, das ein paar Millimeter nachgegeben hat.

Die Folgen eines „Grexits“
Das Nationalgetränk der Griechen droht für einen normalen Arbeiter zum unbezahlbaren Luxusgut zu werden: Ein Frappé, also eine Nescafé mit Milch, Eiswürfeln und einem Strohhalm kostete kurz vor der Einführung des Euro etwa 100 Drachmen. Das entsprach damals rund 30 Euro-Cent. Als die Griechenland-Krise ausbrach, vor etwa sieben Jahren, kostete ein Frappé bereits zwischen 2,50 und drei Euro. Quelle: dpa
Noch im Laufe des Aprils muss Griechenland zwei Staatsanleihen im Wert von 2,4 Milliarden Euro an seine Gläubiger zurückzahlen. Im Mai werden weitere 2,8 Milliarden Euro fällig, von Juni bis August muss Athen noch einmal mehr als zwölf Milliarden Euro an Schulden zurückzahlen. Woher das Geld kommen soll, ist völlig unklar. Quelle: dpa
Die sozialen Probleme sind groß, die Renten wurden gekürzt, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Regierung Tsipras plant deshalb Steuererleichterungen und die Wiedereinstellung von Beamten. Allein diese Maßnahmen werden im laufenden Jahr nach Berechnungen der griechischen Regierung mindestens zwölf Milliarden Euro zusätzlich kosten. Quelle: dpa
Schon seit Wochen ist von einem „Grexit“ die Rede, dem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, vielleicht sogar verbunden mit einem drastischen Schuldenschnitt. Hinter der öffentlichen Spekulation könnte Absicht stecken. Quelle: ap
Würde eine neu eingeführte Drachme gegenüber dem Euro abwerten, könnte sich die griechische Regierung nach und nach leichter entschulden. Ein Austritt der Griechen aus dem Euro böte auch noch andere Vorteile: So würde die griechische Export-Wirtschaft von einer Abwertung der Landeswährung profitieren. Quelle: dpa
Besonders teuer würde ein „Grexit“ für Menschen mit geringem Einkommen und den Mittelstand mit Sparguthaben auf  griechischen Bankkonten, während das Geld reicher Griechen im Ausland unangetastet bliebe. Quelle: dpa
Die Gläubiger werden so oder so auf Reformen beharren. Für Tsipras kommt es deshalb eigentlich nur darauf an, seinen eigenen Wählern gegenüber eine möglichst gute Figur in den Verhandlungen abzugeben. Das gilt allerdings auch für seine europäischen Partner auf der anderen Seite des Verhandlungstisches. Für alle Beteiligten ist es wichtig, dass eine Lösung der griechischen Haushaltsprobleme möglichst wenige Kollateralschaden verursacht. Quelle: dpa
Die Institutionen, die in den vergangenen Jahren Griechenland immer wieder mit neuen Krediten ausgeholfen haben, haben sich schließlich dafür selbst verschuldet. Ein Beispiel dafür ist der europäische Rettungsschirm EFSF, dem der griechische Staat 131 Milliarden Euro schuldet. Um das Geld aufzutreiben, hat der EFSF Anleihen an Fonds, Banken und Versicherungen verkauft. Diese Anleihen sind mit staatlicher Garantie versehen. Die Euro-Staaten müssten dafür geradestehen, wenn Griechenland seine Schulden nicht mehr tilgt. Deutschland etwa müsste mit 39 Milliarden Euro einspringen, Frankreich mit 29 Milliarden Euro. Quelle: Handelsblatt Online
Dasselbe Prinzip gilt für die 104 Milliarden Euro an griechischen Staatsanleihen, die die Europäische Zentralbank in ihrer Bilanz hält. Sollte es zu einem „Grexit“ kommen und die EZB die Anleihen Griechenlands im Portfolio abschreiben müssen, dann müssten die Staaten der Eurozone nach dem vereinbarten Kapitalschlüssel das Eigenkapital der EZB aufstocken. Deutschland wäre über die Bundesbank mit rund 29 Milliarden Euro dabei. Quelle: dpa
Ein kritischer Posten sind auch die etwa 50 Milliarden Euro, mit denen Griechenland bei seinen eigenen Banken verschuldet hat. Die Institute wären bei einem offiziellen Staatsbankrott sofort pleite. Sparer müssten um ihre Einlagen fürchten. Quelle: REUTERS

Andere Unsicherheiten kommen dazu: An der chinesischen Börse sausen die Kurse weiter nach unten. Das ist nach der vorangegangenen  Hausse wenig verwunderlich und in dieser Schnelligkeit eine Quittung für den bis vor kurzem losgelösten Höhenflug. Ebenso wenig wie die vorangegangene Übertreibung nach oben hat die aktuelle Panik nach unten mit einer Trendwende der chinesischen Konjunktur zu tun.

Weitere Risiken bahnen sich in der Russland-Frage an. Truppenansammlungen auf beiden Seiten führen sicherlich nicht zu einer Versöhnung, sondern erhöhen die Gefahr eines neuen Kalten Kriegs. Dementsprechend gibt auch der Rubel seit seiner Erholungsspitze im April wieder deutlich nach. Derzeit sind 100 Rubel 1,63 Euro. Verwunderlich wäre es nicht, wenn die russische Währung in den nächsten Monaten noch einmal bis in den Bereich 1,40 abdriften würde.

Robuster deutscher Aktienmarkt

Deutsche Aktien halten sich nach wie vor gut. Bei 24 von 30 Dax-Werten verläuft der Kurs derzeit oberhalb der 200-Tage-Linie. Das sind 80 Prozent, und das ist stabiler Hausse-Modus. Zudem sind unter den sechs Fußkranken die beiden Versorger E.On und RWE, die wegen ihrer Sondersituation für Trend-Anleger ohnehin nicht infrage kommen; dazu die derzeit unattraktive Lufthansa (Streiks, Billigkonkurrenz) und die Großbaustelle Siemens. Dass es nun auch die Post erwischt hat, hat mit den Streiks zu tun. Die Bewertung der Aktie und die Gewinnaussichten dagegen sind nicht so schlecht.

Durch seinen jüngsten Sprung auf 11.635 ist der Dax ziemlich genau an den seit April bestehenden Korrektur-Abwärtstrend gekommen. Überwunden hat der Index den Abwärtstrend noch nicht, doch die jüngste Dynamik ist ein gutes Zeichen.

Jetzt kommt es darauf an, dass der Dax in den nächsten Wochen möglichst nicht mehr unter die Zone 10.800 bis 11.000 sinkt. Dann hätte er noch im Sommer eine gute Ausgangsposition für eine neue Phase der Hausse. Ein Kaufsignal wäre ein Anstieg über 11.600.

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