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Riedls Dax-RadarGefährlicher Krisenmix an den Weltbörsen

Steigende Zinsen, teures Rohöl, wacklige Konjunkturaussichten und geopolitische Risiken drücken die Kurse. Im Dax könnte dies kurzfristig zu neuen Turbulenzen führen.Anton Riedl 20.10.2023 - 14:05 Uhr

Weltweite Krisen, steigende Rohöl-Preise und Zinsen drücken den Dax. Adidas und SAP geben Lichtblicke.

Foto: imago images, Collage: Marcel Reyle

Der Run auf Staatsanleihen nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober dauerte nur drei Tage. Die Renditen zehnjähriger amerikanischer Staatspapiere gingen dabei von 4,8 auf 4,5 Prozent nach unten, weil US-Bonds in der Regel als sicherer Hafen gelten und zugleich Hoffnungen aufkamen, die Notenbank Fed könnte angesichts der neuen Risiken mit weiteren Zinsstraffungen zurückhaltender sein. Den Aktienbörsen, die schon kurz zuvor wieder Tritt gefasst hatten, verhalf dies zu einer kleinen Zwischenerholung. Doch schneller als erwartet hat sich der Wind gedreht – und an den Märkten ist ein gefährlicher Krisenmix entstanden. 

Vor allem hat sich die Hoffnung auf ein Ende der Zinserhöhungen in Luft aufgelöst. Die Radikalität des Konflikts im Nahen Osten birgt dabei gleich mehrere Risiken: Steigende Ölpreise, neue finanzielle Belastungen durch notwendige Unterstützungen der Amerikaner, geopolitische Reibungen für die internationale Staatenwelt, die durch den Krieg in der Ukraine und dem schwierigen Verhältnis westlicher Industrieländer zu China ohnehin angespannt ist.

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Dabei sind die aktuellen Inflationsraten – darauf hat gerade wieder die amerikanische Notenbank hingewiesen – nach wie vor weit von den angestrebten zwei Prozent entfernt. Auch wenn Fed-Chef Jerome Powell die Geldpolitik von der aktuellen Datenlage abhängig macht, hält er die Tür für weitere Zinserhöhungen offen. Dazu läuft die Bilanzreduzierung der Fed, mit der die Notenbank derzeit monatlich 95 Milliarden Dollar aus dem Markt nimmt. 

Geldpolitik

Fed will mit weiteren Stresstest-Szenarien Schwächen bei Banken erkennen

Kein Wunder, dass für Anleihen der Pessimismus wächst. Das alte Verhältnis, bei dem die Fed strenger als die Erwartungen der Märkte war, hat sich umgekehrt: Obwohl Powell bei der nächsten Notenbanksitzung im November mit den Erhöhungen zum zweiten Mal hintereinander pausieren könnte, regiert unter Bondinvestoren die Angst: Mit bis zu 4,998 Prozent touchierte die zehnjährige US-Rendite, das wichtigste Barometer der weltweiten Kapitalmärkte, am 19. Oktober im späten Handel zum ersten Mal seit Juni 2007 praktisch wieder die Marke von fünf Prozent. Für zehnjährige Bundesanleihen, Benchmark der europäischen Bondmärkte, ging es am 19. Oktober im frühen Handel bis auf 2,957 Prozent nach oben. 

Und so schnell dürfte die Stimmung der Investoren nicht drehen. Sorgen bereitet vor allem der Ölpreis. Der hat zwar in den ersten Tagen nach dem Hamas-Überfall kaum reagiert, ist aber seit 12. Oktober dann von 85 auf 94 Dollar für die Nordseesorte Brent gestiegen. Die Entspannung an den Ölmärkten, die von Ende September bis Anfang Oktober eingesetzt hatte, ist damit fast wieder komplett dahin. Bei einer Verschärfung der Krise im Nahen Osten könnten die Ölnotierungen, ähnlich wie im Herbst 2022, schnell in Richtung 100 Dollar klettern. 

Adidas kommt, SAP läuft, Sartorius enttäuscht

Dabei kommen derzeit von den Unternehmen selbst durchaus Lichtblicke. Sportartikler Adidas etwa, der in den vergangenen Jahren wegen zäher Geschäfte in China, dem teuren Rückzug aus Russland sowie Problemen mit seinem ehemaligen Partner Kanye West schwer unter Druck geraten war, kann sich schrittweise von seinen finanziellen Altlasten lösen. Die operative Erholung kommt voran, die Prognosen werden ein Stück heraufgesetzt. Für die Aktie ist es nun wichtig, kurzfristig den Kursbereich 160 bis 170 Euro zu verteidigen. Wenn das in den nächsten Wochen gelingt, könnte es dann bis Jahresende in Richtung 200 Euro gehen. 

Positive Nachrichten auch von Technikkonzern SAP, mit 146 Milliarden Euro Börsenwert schwerste Aktie im Dax. Die Wachstumsraten im Cloudgeschäft sind zweistellig, die Gewinnmargen nachhaltig. Dank eines wahrscheinlich guten Geschäfts im vierten Quartal könnte der Cloudumsatz in diesem Jahr um 22 bis 23 Prozent zulegen. Insgesamt, inklusive klassischem Softwaregeschäft, wäre in diesem Jahr dann ein organisches Wachstum von sechs bis acht Prozent realistisch.

Mit einem schnellen Kursanstieg honorieren die Märkte die guten Meldungen von SAP. Mehrmals schon seit Mai konnte die Aktie damit die wichtige Untergrenze um 120 Euro verteidigen; aktuell verläuft hier auch die 200-Tagelinie, die den Notierungen zusätzlichen Rückhalt gibt. SAP gehört zu den wenigen Aktien im Dax, bei denen die seit Herbst 2022 anhaltende Aufwärtsbewegung noch intakt ist.

In einer allgemeinen Schwankungsphase des Marktes sollte sich SAP erst einmal weiterhin zwischen 120 und 130 Euro halten. Ein nachhaltiges Überschreiten der 130er-Marke wäre ein starkes Kaufsignal – auf diesem Niveau lagen 2020 und 2021 wichtige Hochpunkte. Ein Rutsch unter 120 Euro dagegen wäre ein negatives Signal, das eigentlich nicht zum vorgelegten guten Jahresausblick passen würde.

Eine herbe Enttäuschung gab es abermals bei Labor- und Pharmazulieferer Sartorius. In den ersten neun Monaten brach der Nettogewinn um 45 Prozent auf 274 Millionen Euro ein. Die Erholung des Biopharmamarktes kommt nicht wie geplant voran, vor allem in China ist die Nachfrage ungewöhnlich schwach. Angesichts der kurz- bis mittelfristig trüben Aussichten hilft es der Aktie wenig, dass Sartorius an seinen langfristigen Zielen festhält. 

Sartorius ist mit seiner schwachen Entwicklung derzeit nicht allein. Im Dax hat die Aktie des Biotechzulieferers Qiagen schon Anfang September mit dem Absacken unter die 40-Euro-Marke ein Verkaufssignal gegeben. Ob die Quartalszahlen von Qiagen, die für den 30. Oktober angesetzt sind, die Stimmung aufhellen können, bleibt abzuwarten. Breit aufgestellte Unternehmen der Branche wie die Schweizer Beteiligungsgesellschaft BB Biotech entwickeln sich seit Monaten enttäuschend an der Börse, der weltweit wichtige Branchenindex Nyse Arca Biotech hat gefährlich nach unten gedreht; beides signalisiert nichts Gutes. 

Coronagewinner angeschlagen

Besonders auffällig ist, dass alle ehemaligen Coronagewinner – zu denen Sartorius und Qiagen ebenfalls gehören – kurstechnisch angeschlagen sind: Das gilt für die Impfstoffprotagonisten Biontech, Curevac oder Moderna genauso wie für den größten Coronagewinner überhaupt, den US-Biopharmakonzern Pfizer. Überdurchschnittlich stark unter den weltweiten Pharmaaktien ist derzeit ausgerechnet die Schweizer Novartis, die in Sachen Coronageschäfte sehr zurückhaltend war. 

Fazit für den Dax: Bei seiner Zwischenerholung kam der Dax wie befürchtet nur bis in den Bereich um 15.500 Punkte voran und drehte hier wieder nach unten ab. Das ist ein negatives Szenario, das mit dem jüngsten Rutsch unter die Marke von 15.000 bestätigt wird. 

Dem Dax gelingt es derzeit nicht mehr, die vielfältigen Belastungen wegzustecken: die weiter drückenden Inflationsgefahren und Preissteigerungen, die restriktiven Maßnahmen der Notenbanken, das Risiko der wackligen Konjunktur, sowie möglichen Folgen der geopolitischen Konflikte. 

Börsengang: Fakten und Begriffe
IPO steht für „Initial Public Offering“, was so viel wie „erstmaliges öffentliches Angebot“. Im Angelsächsischen spricht man bei einem Börsengang auch von „going public“. Es geht also um den Börsengang, der Anlegern erstmals öffentlich Teile des Unternehmens in Form vom Aktien anbietet. Die Aktien sind dabei ein – meist winziger – verbriefter Anteil am Eigenkapital eines Unternehmens.
Eine Neuemission ist ein Angebot neu geschaffener Wertpapiere. Das können Aktien, Anleihen, Zertifikate oder sonstige Wertpapiere sein. Kommen etwa bei einem Börsengang neue Aktien aus einer Kapitalerhöhung auf den Markt, spricht man von einer Neuemission.
Sie legt den Zeitraum fest, innerhalb dessen ein Anleger neu emittierte Wertpapiere zeichnen kann, also sich durch schriftliche Erklärung die Übernahme eines bestimmten Betrags zusichern kann. Nur wenn die Nachfrage schwach ist, wird eine Zeichnungsfrist auch mal verlängert.
Vor Beginn der Zeichnungsfrist nennt das Unternehmen eine Preisspanne, zum Beispiel von 20 bis 25 Euro. Die Investoren teilen dann mit, wie viele Aktien sie zu übernehmen bereit sind und nennen dafür einen Preis innerhalb der Preisspanne. Kommen nicht genug Anfragen zusammen, kann das Unternehmen – der Emittent – die Preisspanne auch senken. Aus den Zeichnungsaufträgen ermittelt der Emittent dann den Ausgabepreis, zu dem es die Aktien den Investoren überlässt.
Bei vielen Börsengängen können über das genannte Emissionsvolumen hinaus in den Tagen nach der Erstnotiz an der Börse weitere Aktien ausgegeben werden. Diese Mehrzuteilung wird auch Greenshoe genannt. Sie kommt bei hoher Nachfrage nach den Wertpapier zum Einsatz. Wie groß der Greenshoe ist, muss im Börsenprospekt stehen.
Nachdem die Aktien zum Ausgabepreis an die Anleger verteilt worden sind, wird es ernst: Die Aktien werden zum ersten Mal an der Börse gehandelt. Aus Kauf- und Verkaufsangebot wird der erste Kurs im Handel ermittelt – die Aktie notiert zum ersten mal an der Börse. Die Erstnotiz erfolgt zum angekündigten Datum, der erste Handelskurs sollte über dem Ausgabepreis liegen.
Wertpapiere, die an einer Börse gehandelt werden, unterliegen bestimmten Spielregeln. An einem regulierten Markt sind diese besonders umfassend und verlangen zum Beispiel Banken, die den Handel betreuen und Berichtspflichten, wie die Veröffentlichung von Quartalsberichten nach bestimmten Vorschriften. Am unregulierten Markt sind die Vorschriften lascher und die eine Überwachung des Handels – etwa bei der Kursbestimmung - greift nicht.
Beim Börsengang kommt eine zuvor festgelegt Zahl an Aktien in den Börsenhandel. Der Wert all dieser Aktien zusammen entspricht dem Platzierungsvolumen. Dabei kann es sich um neue Aktien aus einer Kapitalerhöhung (Neuemission) oder um Aktien der bisherigen Eigentümer und vorbörslichen Investoren handeln.
Multipliziert man den Aktienkurs mit der Zahl aller frei handelbaren Aktien eines Unternehmens, erhält man den Börsenwert eines Unternehmens. Dieser entspricht der Marktkapitalisierung gleichgesetzt. Die Aktien, die nicht zum Handel an der Börse zugelassen sind, – also im Bestand des Unternehmens verbleiben – sind dabei unberücksichtigt.
Unternehmen lassen selten alle Aktien an der Börse zum freien Handel zu, sondern lediglich einen Teil. Liegt etwa der Streubesitz bei 30 Prozent, sind auch nur 30 Prozent der Eigenkapitalanteile an der Börse handelbar. Je höher der Streubesitz, umso liquider ist der Handel und umso geringer die Kursschwankungen, die sich aus Kauf- und Verkaufsorders ergeben.
In der Regel verbleibt bei einem Börsengang ein großer Teil der Aktien in Besitz von den bisherigen Eigentümern. Während der Haltefrist – auch Lock-up-Periode genannt – dürfen sie aus diesem Bestand keine Aktien verkaufen. Eine lange Haltefrist gilt als Bekenntnis zu einem Unternehmen.
Die Konsortialbanken begleiten den Börsengang und anschließenden Aktienhandel für ein Unternehmen. Das lassen sich die Banken natürlich vom Unternehmen bezahlen. Eine besondere Aufgabe fällt den Konsortialbanken zu, die sich als Designated Sponsor engagieren. Sie sorgen dafür, dass der Handel liquide bleibt, auch wenn zum Beispiel Käufer keinen Verkäufer der Papiere finden. Dann übernehmen sie den Part des Verkäufers, damit immer ein Kurs gestellt werden kann.
Darunter versteht man das Verfahren, mit dem der Preis für neu an die Börse zu bringende Aktien festgelegt wird. Da vor der Emission von neuen Aktien kein Börsenhandel mit diesen Papieren stattfindet, kann dieser Preis nicht durch Angebot und Nachfrage an der Börse bestimmt werden. Beim angelsächsischen Auktionsverfahren geben die Banken, die das Unternehmen an die Börse bringen, eine Preisspanne vor. Innerhalb dieser können Investoren ihre Gebote abgeben. Auf Grund der vorliegenden Orderlage wird der tatsächliche Emissionskurs letztlich aus dem Gebots-Durchschnitt gebildet. Früher wurde das heute kaum noch gebräuchliche Festpreisverfahren angewandt, bei dem sich die beratenden Banken und die AG schon vor Verkaufsangebot auf einen Preis einigten, den Anleger dann akzeptieren mussten.
Die Roadshow ist eine Werbetour eines Unternehmens bei möglichen Investoren. Dabei wird versucht, möglichst viele Investoren zu gewinnen, die den angestrebten Preis für die Aktien zu zahlen bereit sind. Die Roadshow ist daher wichtig, um die richtige Preisspanne auszuloten.

Nur neun Dax-Aktien oberhalb der 200-Tagelinie

Nur noch bei neun der 40 Dax-Aktien (vice versa sind 78 Prozent angeschlagen) verlaufen die aktuellen Notierungen noch oberhalb der 200-Tagelinie. Neben SAP und Adidas sind das:

  • die Versicherer Allianz, Münchener und Hannover Rück, die angesichts wachsender allgemeiner Risiken von der Nachfrage nach Absicherung profitieren;
  • Konsumchemiker Beiersdorf, seit Jahrzehnten defensiver Klassiker mit stabilem Geschäft und stocksolider Bilanz;
  • Waffenhersteller Rheinmetall, der angesichts der weltweiten Aufrüstung deutlich zweistellige Wachstumsraten erzielt;
  • Zement- und Baustoffkonzern HeidelbergMaterials, der von der staatlich angeschobenen Nachfrage nach Infrastrukturprojekten profitiert und sich in einer vielversprechenden Transformation in Richtung Nachhaltigkeit befindet;
  • sowie Kunststoffchemiker Covestro, der in Übernahmegesprächen mit dem Öl- und Energiekonzern Adnoc aus Abu Dhabi steht.

Der Dax selbst hat nach klassischer Interpretation von April bis September 2023 eine obere Wendeformation abgeschlossen und im September mit einem Rutsch unter die wichtige Zone bei 15.500 Punkten mit einem Verkaufssignal bestätigt. Theoretisch könnte das nächste Ziel damit im Bereich um 14.700 liegen, dem Niveau des Tiefs vom März 2023. Ob sich hier dann eine Gelegenheit zum antizyklischen Einstieg ergibt, ist angesichts des mehrschichtigen Krisenmix eine heikle Frage; im Zweifel dürfte bis auf weiteres eher Vorsicht angebracht sein. Entscheidend wird dabei sein, ob die Anleihemärkte bis dahin tief genug gesunken sind, um im Zuge einer Erholung dann auch bei den Zinsen wieder grünes Licht zu geben. 

Dass derzeit selbst die Aktie der Deutschen Börse AG, die im dritten Quartal abermals gut verdient hat, die Prognosen heraufsetzt und normalerweise in wackligen Zeiten für Werterhalt steht, zuletzt auf das tiefste Niveau seit neun Monaten abgerutscht ist, stimmt nicht gerade optimistisch. 

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