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Riedls Dax-Radar Gefährlicher Mix aus Inflation und wackeligen Bonds

Riedls Dax-Radar Quelle: imago images

Noch ist die Rally an den Aktienmärkten intakt, die Mehrheit der Dax-Unternehmen bietet gute operative Aussichten. Doch viel schlimmer darf es um Lieferengpässe und Preissteigerungen nun nicht mehr werden. 

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Auf 4,5 Prozent ist die Inflation in Deutschland mittlerweile gestiegen, der höchste Stand seit 1993. Bis Jahresende könnten es fünf Prozent werden. Die Preise klettern stärker als von der Europäischen Notenbank bisher erwartet und die Inflation hält sich zäher. An ihrer expansiven Geldpolitik jedoch ändert die EZB nichts. Noch geht die Notenbank davon aus, dass sich die Preissteigerung im Laufe des nächsten Jahres deutlich abschwächt – wenn Lieferengpässe bei Halbleitern überwunden seien und an den Rohstoffmärkten wieder Ruhe einkehre. Im Gegensatz zur amerikanischen Fed kommen von der EZB keine Signale, die Geldpolitik zu straffen. 

Geht es nach den internationalen Anleihemärkten, dann ist die Linie der Fed realistischer als die der EZB. Für amerikanische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit sind die Renditen seit August von 1,2 auf bis zu 1,7 Prozent gestiegen. Für die in Europa maßgeblichen zehnjährigen Bundesanleihen gingen die Renditen von minus 0,5 Prozent auf minus 0,1 Prozent hoch. In beiden Fällen wurden die Renditespitzen vom Frühjahr 2021 exakt wieder erreicht. 

An den Anleihemärkten ist damit eine brisante Situation entstanden: Eine einzige, kurze Schwächephase bei den Festverzinslichen könnte dazu führen, dass es sowohl in Europa wie auch in den USA zu einer neuen, regelrechten Verkaufswelle bei den Bonds kommt. In Europa könnten die Renditen für Bonds dann binnen weniger Tage auf plus 0,25 Prozent hochschnellen; in den USA dürfte es in einem Zug zur Marke von 2,0 Prozent gehen. Beides wären klare Anzeichen dafür, dass aus den gesamten Schwankungen der Anleihemärkte seit 2019 eine große, langfristige Zinswende wird, nach der die Renditen auf Jahre hinaus noch wesentlich höher klettern.  

Den gefährlichen Mix aus Inflation, Geldpolitik und wackligen Bonds verkraften die Aktienmärkte bisher vergleichsweise gut. Der Dow Jones hat mit einem Tagesschlussstand von 35.757 Punkten am 26. Oktober sogar ein neues All-Time-High erreicht. Der Technologieindex Nasdaq 100 ist kurz auf neues Terrain vorgestoßen, konnte das neue Hoch aber bisher nicht halten. Hier drücken vor allem die jüngsten Enttäuschungen der Technologieikonen Amazon und Apple. Ein einheitlich negativer Trend ist das allerdings nicht, das zeigt die positive und dynamische Entwicklung bei Favoritenaktien wie Microsoft und Nvidia

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    BASF angeschlagen, VW stottert, Daimler top

    Ein gemischtes Bild zeigt sich auch im Dax. Angeschlagen unter den großen Werten sind die Deutsche Telekom und BASF. Der Chemiekonzern erhöht zwar seine Gewinnprognose, spürt aber dennoch hohe Kosten für Rohstoffe, Energie und Transporte. Zudem kommen vor allem von den Großkunden aus der Autowirtschaft weniger Bestellungen herein. Bei der Telekom gibt es bisher noch keine besonders negativen Nachrichten; der Quartalsbericht steht für den 12. November an.   

    Zeitweise unter Druck, aber widerstandsfähig entwickeln sich die Allianz, SAP und Siemens. Die drei Index-Schwergewichte stecken in kurzfristigen Schwankungszonen bei insgesamt positivem Grundton. Sowohl Aktienkursverlauf wie auch die aktuelle operative Entwicklung deuten hier eher auf ein positives Szenario als auf einen bevorstehenden Absturz.

    Dynamisch und ungefährdet in ihren Aufwärtstrends sind Linde, Infineon und Daimler. Die operative Entwicklung stimmt ebenfalls. Daimler trat im vergangenen Quartal zwar mit 40 Milliarden Euro Umsatz beim Volumen auf der Stelle. Dafür legte der Nettogewinn um ein Fünftel auf 2,5 Milliarden Euro zu. Die Stuttgarter verdanken das ihrem hohen Anteil an lukrativen Fahrzeugen, für deren Produktion sie noch genug Halbleiter zusammenbekommen. Nachdem Daimler-Aktien vor kurzem ihr Juni-Hoch bei 80 Euro übertroffen haben, rückt nun das Allzeithoch bei 95 Euro aus dem Jahr 2015 ins Visier. Daimler zählt seit Monaten zu den Favoriten im Dax – und daran dürfte sich auf absehbare Zeit nichts ändern. 

    Die schwächste unter den drei Autoaktien im Dax ist derzeit Volkswagen. Ein deutlicher Rückgang der Auslieferungen, Chipmangel und enttäuschende Margen belasten den Kurs genauso wie die Spannungen in der Unternehmensführung. Der einstige Vorsprung, den die Aktie dank Elektrostrategie und möglicher Neustrukturierung um die Konzerntochter Porsche hatte, wurde in den vergangenen Wochen verspielt. Zuletzt ist die Aktie sogar unter die 200-Tagelinie gesunken. Kurzfristig steckt VW zwischen 180 und 210 Euro in einer Konsolidierungszone. Die moderate Bewertung und die Hoffnung auf wieder bessere Verkaufszahlen im nächsten Frühjahr sprechen dafür, dass die Aktie mittelfristig wieder an die Anfang 2021 begonnene Aufwärtsbewegung anschließen kann. Dennoch: Sollten VW-Vorzugsanteile wider Erwarten unter 180 Euro rutschen, wäre das ein gefährliches Warnsignal.

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    Fazit für den Dax: Bei seiner jüngsten Kletterpartie seit Anfang Oktober hat der Dax die Kursspitzen von August und September bei 16.000 Punkten noch nicht wieder erreicht. Ein solcher Anstieg aber wäre notwendig, damit aus den gesamten Kursschwankungen seit April nicht doch noch eine obere Kurswende wird. Deren entscheidende Untergrenze liegt zwischen 14.800 und 15.000 Punkten. Die stärkere Entwicklung der US-Börsen und die Mehrheit der aufwärts gerichteten Einzeltrends im Index sprechen dafür, dass der Dax seinen langfristigen Aufwärtstrend fortsetzt. Fundamental würde dazu passen, dass es zwar jetzt und in den nächsten Wochen immer wieder zu Inflationszahlen um fünf Prozent kommt, danach sich aber eine Entspannung abzeichnet, vor allem durch nicht mehr weiter steigende Rohstoff- und Energiepreise und eine wieder flüssigere Versorgung mit elektronischen Bauteilen. 

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