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Riedls Dax-Radar
Der Aufwärtstrend an der Börse ist weiter dynamisch, die Sorge vor steigenden Zinsen hingegen abgeflaut. Quelle: Getty Images

Gegen diesen Aufwärtstrend sollten sich Anleger nicht stemmen

Wirtschaft und US-Währung erholen sich, der Zinsanstieg an den Anleihemärkten ist zunächst zum Stehen gekommen. An den Aktienmärkten wächst die Hoffnung, dass ein zinsbedingter Crash noch vermieden werden könnte. 

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Mit 4,3 Prozent ist die amerikanische Wirtschaft im Herbstquartal stärker gewachsen als bisher angenommen. Nach der ersten, sprunghaften Reaktion auf den Coronaschock ist die US-Konjunktur in eine stabile Erholung übergegangen. Für die Aktienmärkte ist das zunächst ein gutes Szenario, wenn es nicht gleichzeitig zu einem Überschießen der Zinsen kommt. 

Geht es nach der amerikanischen Notenbank Fed, ist damit auf absehbare Zeit nicht zu rechnen. Offiziell weist Fed-Chef Jerome Powell immer wieder darauf hin, dass eine Zinswende vor 2023 nicht geplant sei. Der heftige Renditeanstieg bei Anleihen in den vergangenen Wochen zeigt, dass die Märkte dem nur bedingt glauben – vor allem, weil es bisher starke Inflationstreiber gibt, besonders auf der Rohstoffseite. 

Seit Mitte März hat hier nun eine Korrektur eingesetzt. Brent-Öl zieht sich nach dem Anlaufen der 70er-Marke in Richtung 60 Dollar je Fass zurück. Sollte die 60er-Marke nicht halten, könnte sich die Korrektur sogar ausdehnen und ähnlich wie Mitte vergangenen Jahres mehrere Monate anhalten. Dazu kommt ein Wiederaufflammen der Spannungen unter den Großmächten, vor allem zwischen USA und China, die dazu beitragen, den Dollar als sicheren Hafen wieder interessanter zu machen. Im Gegensatz zu der noch vor kurzem verbreiteten Skepsis hält sich der Greenback seit einigen Wochen erstaunlich gut. Die Stärke stabilisiert auch die Kurse von US-Anleihen, trägt also zu einer möglichen Entspannung auf der Zinsseite bei. 

Erste Anzeichen dafür gibt es. Mit einem Rückgang von 1,75 Prozent auf 1,60 Prozent hat die Rendite der entscheidenden zehnjährigen US-Anleihen ihren jüngsten Hochlauf erst einmal gestoppt. Eine Wende nach unten ist das natürlich noch nicht. Doch schon mehrmals in den vergangenen Jahren kam es im Bereich zwischen 1,40 und 1,90 Prozent zu längeren, monatelangen Schwankungsphasen. Eine solche mittlere Korrektur würde auch jetzt ins Bild einer sich schrittweise erholenden Konjunktur passen. Bleibt es bei einem solchen, phasenweisen Zinsanstieg, ist der große Aktientrend nicht gefährdet. 

Vorschuss für Siemens Energy, Nachholbedarf bei E.On und Henkel

Seinem Geschäft mit erneuerbaren Energien verdankt Neuling Siemens Energy den Aufstieg in den Dax. Windkraftanlagen sind ohne Frage ein Wachstumsmarkt, dazu kommt die besondere Fantasie, die das Thema grüner Wasserstoff bei Investoren weckt. Allerdings, das Geschäft mit erneuerbaren Energien ist eine schwankungsreiche Angelegenheit. Die Tochtergesellschaft Siemens Gamesa, in der die Windanlagenaktivitäten gefasst sind, hat im vergangenen Jahr fast eine Milliarde Euro Verlust gemacht – obwohl das Umfeld für Windkraft eigentlich sehr gut ist. Auch im ersten Quartal war die Windsparte mit 118 Millionen Euro operativem Gewinn vor Umbaukosten alles andere als hochrentabel. Da erzielt das Geschäft mit klassischer Kraftwerkstechnik derzeit auch keine schlechteren Margen. Und das dürfte durch ein umfangreiches Sparprogramm in den nächsten Jahren deutlich rentabler werden

Aktien von Siemens Energy haben durch ihren Anstieg einen großen Teil der guten, erneuerbaren Zukunft vorweggenommen. Jetzt muss das Unternehmen liefern und Nettogewinne im Bereich von einer Milliarde Euro erzielen. Angesichts des laufenden Sparprogramms dürfte das aber wahrscheinlich erst von 2022 an der Fall sein. Im Aktienkurs kann das erst einmal immer wieder zu Rückschlägen führen. Für langfristige Investoren sollten es Einstiegsgelegenheiten geben, womöglich im Bereich um 25 Euro. 

Mit 15 Prozent Kursgewinn allein im März meldet sich E.On zurück. Die Integration von Innogy kommt gut voran, im schwierigen Großbritanniengeschäft rechnet das Unternehmen 2021 nun mit einem steigenden Ergebnis, der Schuldenabbau hat begonnen. Bei einem Abflauen der Coronapandemie dürfte sich auch die Stromnachfrage beleben und damit das für E.On zentrale Netzgeschäft. Die Ausgleichszahlungen für den Ausstieg aus der Atomkraft sind ansehnlich, der Umbau in der Chefetage schürt die Fantasie der Investoren zusätzlich. 

Der jüngste Kursanstieg von E.On ist dynamisch ausgefallen, weil sich die Erwartungen an E.On in den vergangenen Monaten immer weiter verdüstert hatten. Spätestens um 10 Euro könnte die aktuelle Anstiegsphase ins Stocken geraten, im Bereich um 9,00 Euro bleibt die Aktie für Käufer interessant. Die Bewertung ist nicht überzogen, die Dividende sollte angesichts der sich aufhellenden Geschäftsperspektiven gehalten werden. Dass derzeit weltweit Energieaktien wieder entdeckt werden – auch RWE hat sich um 30 Euro stabilisiert – kommt E.On zugute. 

Aktien von Henkel haben auf der wichtigen Unterstützung um 80 Euro gedreht. Schon 2020 ist für den Konsumchemiker besser als befürchtet gelaufen, 2021 rechnen die Düsseldorfer dank der weltweiten Erholung der Chemiekonjunktur, der stabilen Konsumnachfrage und des ungebrochenen Bedarfs an Industrieklebern (etwa in der Bauwirtschaft und der Autoindustrie) mit einem Gewinnanstieg von bis zu 15 Prozent. Mit einer 20fachen Gewinnbewertung ist Henkel kein Sonderangebot mehr, aber eben auch nicht überspekuliert. Kurse zwischen 90 und 94 Euro sollten sich zum Einstieg lohnen. 

Fazit für den Gesamtmarkt: Der Dax notiert deutlich über seinem jüngsten, vorangegangenen Hoch bei 14.100 Punkten, oberhalb mittelfristiger Trends, die zwischen 13.800 und 14.200 liegen und weit oberhalb der 200-Tage-Linie, die derzeit bei 13.216 verläuft. Die Aufwärtsbewegung im Dax ist damit ungebrochen und es ist wenig sinnvoll für Investoren, sich gegen einen so starken Trend zu stellen. 

Theoretisch lassen sich aus dem Verlauf des Dax durchaus Kursziele ableiten. Aus der Höhe der Januar-Schwankungen etwa ergäbe sich eine Zielzone um 14.800 Punkte, die der Dax am 18. März praktisch schon erreicht hat. Sollte die seit März besonders dynamisch laufende Anstiegsphase ein ähnliches Ausmaß wie die Kletterpartie im November vergangenen Jahres erreichen, ergäbe sich eine Projektion bis gut 15.500 Punkte. 

Im Dow Jones hat der Aufwärtstrend eine ähnliche Struktur wie im Dax. Auch hier besteht ein dynamische, stabile, aber schon fortgeschrittene Entwicklung. Die mittelfristig weiteste Projektion, die sich ergibt, wenn die Konsolidierung von Herbst 2020 als Mitte der gesamten Aufwärtsbewegung eingestuft wird, läge etwa bei 38.000 Punkten. 

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Angeschlagener sind die Technologieaktien. Grund dafür ist der massive Renditeanstieg der vergangenen Monate, der die von zukünftigen Gewinnen besonders abhängigen Wachstumswerte besonders belastet. Positiv gesehen hat der Nasdaq-100-Index aber durch seine jüngste Schwächephase die mittelfristige Überhitzung abgebaut und er wäre reif für eine erneute Rallyphase – aber eben nur, wenn die Zinsmärkte nicht verrückt spielen. 

Mehr zum Thema: Was Deutschlands erfolgreichste Geldmanager jetzt empfehlen - und wie sie ihre Fonds gegen Inflation und Crashrisiken absichern.

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