Riedls Dax-Radar: Geheime Signale von EZB und SAP
Für einen kurzen Moment sah es so aus, als ob die Europäische Notenbank nun mit ungewohntem Nachdruck gegen die Inflation vorgehen wolle – als sie am Donnerstag die Leitzinsen um einen halbes Prozentpunkt statt um die angenommenen 0,25 Prozentpunkte anhob. In gleichem Atemzug aber sprach EZB-Chefin Christine Lagarde nur von einer Vorverlegung und nicht von einer Verstärkung der Zinserhöhungen. Das kam an den Märkten weniger gut an, denn es lässt für die nächsten Monate ein schwieriges Umfeld erwarten:
Erst einmal weiter hohe Inflationsraten, dann aber eine deutlich abflauende Konjunktur. Dass Lagarde diese Schwäche nun auch klarer als bisher ansprach, könnte zudem eine Vorbereitung darauf sein, in der nächsten EZB-Sitzung die Prognosen für die Konjunktur dann wirklich spürbar zurückzunehmen.
Als Reaktion auf die EZB-Entscheidung sind die Renditen der zehnjährigen Bunds zunächst kurz bis auf 1,36 Prozent gestiegen, dem Niveau der Zinsspitzen seit Anfang Juli. Danach ging es dann wieder bis auf 1,20 Prozent runter. Unterm Strich führte der deutliche Zinsschritt der Notenbank an den Anleihemärkten zu einer Fortsetzung des seit Mitte Juni anhaltenden Zinsrückgangs.
Die Bonds in Europa und in Amerika laufen dabei in gleichem Rhythmus. In den USA sind die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen bei ihrem jüngsten Kletterversuch nicht mehr nachhaltig über die Marke von drei Prozent gekommen. Ein Rückgang unter den Bereich von 2,75 bis 2,80 Prozent könnte nun sogar eine längere, mehrwöchige Phase nachgebender Renditen zur Folge haben.
Beide Zinskurven, die der US-Anleihen und die der Bundrenditen, tendieren derzeit nach unten. Das ist ein Vorbote einer bevorstehenden spürbaren wirtschaftlichen Abschwächung.
Auch im Dax macht sich das bemerkbar. Seit dem jüngsten Tiefpunkt am 14. Juli schaffte der Index zwar ein Plus von fast 1000 Punkten. Dahinter aber steckt keine volumenstarke und marktbreite Kaufwelle. Vielmehr sind nun stark gefallene Russlandverlierer wieder gestiegen, vor allem Adidas, Puma, Siemens und BASF; dazu kommen ehemalige Hightech-Favoriten wie Infineon und Pharma- und Biotechwerte wie Merck, Sartorius und Qiagen, die deutlich anziehen.
Die großen Konjunkturwerte Volkswagen und Mercedes-Benz hingegen gerieten nach anfänglichen Gewinnen dann zuletzt wieder deutlicher unter Druck.
SAP enttäuscht mit Prognose
Wieder einmal eine Enttäuschung ist SAP. Sonderkosten wegen des Ukrainekriegs führen bei den Walldorfern zu einer niedrigeren Prognose für das laufende Jahr. Da hilft es wenig, dass die mittelfristigen Aussichten bis 2025 angehoben werden. Zunächst muss der Markt den für dieses Jahr angekündigten Rückgang des bereinigten operativen Ergebnisses von vier bis acht Prozent verkraften. Zudem werde, so SAP, auch noch das Ergebnis im dritten Quartal rückläufig sein.
Genau hier aber kommt es für die Aktie zur Bewährungsprobe. Seit mehreren Quartalen meldet SAP immer wieder Fortschritte beim Übergang vom klassischen Lizenzgeschäft in die Cloud, der Mietsoftware aus dem Netz. Dennoch musste die Erholung der Rendite dabei immer wieder auf der Zeitachse nach hinten verschoben werden.
Die Unsicherheit, ja Verärgerung am Markt darüber ist ein wesentlicher Grund dafür, warum SAP-Aktien binnen zwei Jahren mehr als 60 Milliarden Euro an Börsenwert verloren haben. Aktuell pendeln sie bei Kursen um 88 Euro auf dem Niveau des Coronatiefs. Wäre der Dax so schwach gelaufen wie SAP, stünde er jetzt bei 8500 Punkten.
Gut möglich, dass SAP-Aktien eine der großen Wetten des zweiten Halbjahres werden. Sollten die Walldorfer im dritten Quartal wie geplant ihren operativen Tiefpunkt erreichen, könnte die Aktie noch ein letztes Mal unter Druck geraten – um danach eine lange Aufholjagd zu starten. Die Zahlen zum dritten Quartal, so kündigen die Walldorfer an, sollen am 25. Oktober veröffentlicht werden.
Fazit für den Dax: Sinkende Anleihezinsen und technisch überverkaufte Märkte sind derzeit die wichtigsten Triebkräfte für schnelle Kurserholungen an den Börsen. Die können umso deutlicher ausfallen, je sichtbarer die Inflation ihren Peak erreicht. Bei den Preisen für Industrie- und Edelmetalle hat die Teuerung bereits den Zenit überschritten, sie zeigen seit Wochen steil nach unten. Und der viel beachtete Weizen, der im März und Mai die historischen Preisspitzen aus dem Jahr 2008 punktgenau erreichte, ist mittlerweile wieder auf das Niveau von vor dem Ukrainekrieg zurückgefallen.
Das größte Risiko für den Aktienmarkt ist jetzt die Frage, wie heftig der laufende Wirtschaftsabschwung wird. Geht es nach dem jüngsten Aktionismus der EZB oder der Entwicklung zentraler Unternehmen wie SAP, dürften dem Markt dabei noch einige turbulente Wochen bevorstehen.
Die aktuellen Kurserholungen könnten dabei durchaus ein erster Baustein für eine Bodenbildung werden. Bevor das Ausmaß der Rezession aber nicht in groben Umrissen absehbar ist, dürfte die Gefahr weiterer Kursrückschläge nicht vom Tisch sein. Der aktuellen Erholung des Dax könnte damit noch einmal ein Tiefentest folgen, womöglich in den traditionell schwachen Monaten September oder Oktober.
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