Riedls Dax-Radar
Wackelige Geschäftszahlen bei Schlüsselbranchen lassen den DAX zittern. Quelle: dpa Picture-Alliance

Immer mehr Banken-, Chemie- und Autoaktien auf der Kippe

Die wackligen Geschäftszahlen von immer mehr Unternehmen sind ein Warnsignal für die nächsten Monate. Dass die EZB deshalb aber bei ihrer Zinspolitik so zaghaft bleibt, hilft den Börsen angesichts dramatischer Inflation auch nicht.

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Der Leitzins bleibt bei null Prozent, der Einlagenzins bei minus 0,5 Prozent, und die Anleihekaufprogramme werden wie bisher angekündigt weiter heruntergefahren und dürften im Sommer beendet sein. Trotz historisch hoher Inflationsraten von 7,5 Prozent und einem Inflationsdruck, der in den nächsten Monaten nach Einschätzung der Notenbank hoch bleiben wird, kann sich die EZB nicht zu einem entschiedeneren Kampf gegen die Teuerung durchringen.

Am Anleihemarkt, der auf das Zinsumfeld besonders sensibel reagiert, gibt es als Reaktion auf die EZB keine neue Tendenz. Die Tagesschwankungen der Renditen für zehnjährige Bundesanleihen setzen sich in der ersten Reaktion zwischen 0,75 und 0,83 Prozent fort. Anzeichen dafür, dass sich an dem seit Anfang März bestehenden Aufwärtstrend der Renditen etwas ändert, kommen nicht auf. Geht es in diesem Tempo weiter, dürfte am Anleihemarkt spätestens im Mai die Marke von 1,00 Prozent erreicht sein. Das wären dann Zinsen deutlich über den mittelfristigen Hochpunkten aus dem Januar 2018 und dem Juni 2015 – letztlich eine Bestätigung für die grundlegende Zinswende.

Der Aktienmarkt geht nach den jüngsten EZB-Statements wieder zur Tagesordnung über – doch die hat es zunehmend in sich. Bisher wurde immer nur vermutet, auf welche Weise die Risiken Inflation, Lieferengpässe und Ukrainekrieg auf die Geschäfte der Unternehmen durchschlagen. Nun zeigen die aktuellen Zahlen zum ersten Quartal, dass die Rückwirkungen erheblich sind. Das betrifft sogar die erfolgsverwöhnten amerikanischen Banken.

JP Morgan hat im ersten Quartal 42 Prozent weniger verdient als im Vorjahr. Grund für diesen Einbruch sind vor allem Belastungen durch den Ukrainekrieg, die heftiger ausfallen als erwartet. Erhöhte Finanzierungen, Wertberichtigungen wegen hoher Rohstoffpreise und Ausfälle von Geschäftspartnern mit Russlandbezug schlugen allein mit einer halben Milliarde Dollar zu Buche. Dazu läuft auch das klassische Geschäft nach Ende der Aktienhausse und dem Abklingen des Neuemissionsbooms deutlich zäher.

Auch wenn das Vergleichsquartal des Vorjahres durch die Auflösung von Rückstellungen besonders gut ausgefallen war und jetzt wieder neue Rückstellungen gegen Kreditrisiken vorgenommen werden, signalisiert das Zahlenwerk für die nächsten Monate einen schwierigen Geschäftsverlauf. Inflation, Lieferprobleme und Ukrainekrieg bleiben die zentralen Risiken. Seitdem die Aktie von JP Morgan unter das Niveau um 150 Dollar gerutscht ist, steckt der Kurs in einem Abwärtstrend. Diese Schwäche ist umso bedenklicher, da Banken normalerweise von steigenden Zinsen profitieren. Dass dies aktuell nicht der Fall ist, dürfte ein Zeichen stagflationärer Tendenzen sein: hartnäckige Inflation und dennoch abkippende Wirtschaft.

Deutsche Bank schwankt, VW unter Druck, BASF schreibt ab

Für die einzige noch im Dax verbliebene Großbank, die Deutsche Bank, ist das kein gutes Umfeld. Zudem kommen hier noch zwei weitere Risiken hinzu: Das eigene Engagement der Deutschen Bank in Russland und die stärkeren Auswirkungen, die der Ukrainekrieg auf Unternehmen hierzulande hat. Die hohe Volatilität der Aktie, die allein in den vergangenen Wochen zwischen 8,70 und 14,35 Euro schwankte, ist kein gutes Zeichen; der weitere Rückzug von Großaktionären ebenfalls.



Besser als erwartet hat BASF im ersten Quartal abgeschnitten. Der Umsatz des Großchemikers stieg um ein Fünftel auf 23 Milliarden Euro, der operative Gewinn vor Zinsen und Steuern in gleichem Ausmaß auf 2,8 Milliarden Euro. Netto allerdings sieht es nicht so gut aus, da blieb mit 1,2 Milliarden Euro fast ein Drittel weniger als im Vorjahr. Grund sind die Folgen des Kriegs in der Ukraine, die unter anderem zu 1,1 Milliarden Euro Abschreibungen bei der Öl- und Gastochter Wintershall führte, für Darlehen an der gestoppten Pipeline Nord Stream 2. Ausdrücklich weist BASF-Chef Martin Brudermüller auf die hohen Risiken, die bei einer weiteren, deutlichen Reduzierung der Erdgasversorgung bestehen: BASF müsse dann sogar am größten Standort in Ludwigshafen seine Betriebstätigkeit einstellen.

Die Risiken, die für BASF derzeit bestehen, dürfte die Aktie durch ihren schwachen Verlauf seit Kriegsbeginn zwar schon zu einem wesentlichen Teil verarbeitet haben. Dennoch ist in einer nochmals schwachen allgemeinen Marktphase ein weiteres Abtauchen in den Bereich 50 bis 40 Euro nicht ausgeschlossen. Andererseits müssten BASF-Aktien sogar über 70 Euro steigen, um aus der akuten Gefahrenzone zu kommen. Ein vertrauenserweckendes Chance-Risiko-Verhältnis für die Aktie ist das noch nicht.

Unter Druck bleibt Volkswagen. Dabei sind die jüngsten Zahlen auf den ersten Blick nicht einmal schlecht. Der operative Gewinn kletterte im ersten Quartal kräftig von 4,8 Milliarden auf 8,5 Milliarden Euro. Grund sind geschickte Absicherungsgeschäfte gegen hohe Rohstoffkosten, die den VW-Gewinn deutlich aufgebläht haben.

Es ist keineswegs ein Nachteil, wenn ein international vernetzter Konzern wie VW mit Risiken wie hohen Rohstoffpreisen so erfolgreich umgeht. Hätten die Wolfsburger hier die Märkte falsch eingeschätzt und Verluste gemacht, wäre das als Desaster gebrandmarkt worden. Dennoch sind die jüngsten Zahlen eine Hypothek für den Kurs, weil sie einen substanziellen Absatzrückgang von etwa 20 Prozent dokumentieren, vor allem auch im Hauptmarkt China. Selbst die erfolgsverwöhnte Konzernmarke Porsche verkaufte im ersten Halbjahr fünf Prozent weniger Autos. Und welche Abschreibungen VW eventuell durch seine russischen Werke drohen, bleibt weiter offen.

Der Widerspruch zwischen der auffallend niedrigen Gewinnbewertung, mit denen VW-Aktien mittlerweile gehandelt werden, und den abdriftenden Kursen dürfte sich indessen früher oder später auflösen: Entweder sind die aktuellen Gewinnprognosen schlichtweg zu optimistisch – oder VW kommt wider Erwarten mit einem blauen Auge durch die Krise. Noch überwiegt die Unsicherheit. Sogar ein Ausverkauf bis auf Kurse unter 140 Euro wäre deshalb noch einmal möglich. Immerhin, spätestens dann sollte die Aktie für antizyklische Käufer wieder interessant werden.

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Fazit für den Dax: Nach 2000 Punkten Kletterpartie auf bis zu 14.800 läuft seit Anfang April nun eine kurze Korrektur. Noch ist die jüngste Abwärtsdynamik dabei deutlich geringer ausgeprägt als die Aufwärtsdynamik im März. Das spricht dafür, dass der Dax bald noch einmal einen Anlauf in Richtung 15.000 Punkte starten könnte. Allerdings, substanziell unterfüttert wird eine breite Erholung von den Zahlen der Unternehmen bisher nicht. Im Gegenteil: Bisher überwiegen die Anzeichen dafür, dass die nächsten Monate operativ ziemlich wacklig bleiben. So gesehen hätte womöglich sogar eine beherztere Zinspolitik der EZB den Märkten neue Impulse geben können. Doch zu einem solchen Kraftakt aufraffen können sich die europäischen Notenbanker offensichtlich nicht.

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