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Riedls Dax-Radar
Anleger fürchten Signale vom Notenbanker-Treffen in Jackson Hole, die auf eine Anhebung der Zinsen hindeuten. Das würde die Börse bremsen. Quelle: imago images

Jetzt bloß keine geldpolitische Verschärfung!

Die Konjunktur wankt, die Pandemie bleibt präsent, neue internationale Spannungen verunsichern zusätzlich. Sollte es nun zu einer Verschärfung der Geldpolitik kommen, wäre das eine gefährliche Mischung für die Börsen.

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Im Vorfeld des jährlichen Treffens der amerikanischen Notenbanker in Jackson Hole tendieren die Renditen amerikanischer Staatsanleihen etwas höher. Mit 1,34 Prozent liegen sie am Freitag (27. August) vormittags ein gutes Stück über dem Tief bei 1,17 Prozent von Anfang August. Die Renditen der zehnjährigen Bonds verlaufen in einem Konsolidierungsmuster, das Unsicherheit widerspiegelt, mit leichtem Überhang in Richtung steigende Zinsen. Müssen Anleger jetzt Kursverluste fürchten?

Einiges spricht dagegen. Beispielsweise ist der Euro gegenüber dem Dollar relativ stabil. Während die europäische Währung noch vor knapp zwei Wochen bis auf 1,166 abgerutscht ist, erholt sie sich nun wieder in Richtung 1,18 Dollar. An der seit drei Monaten vorherrschenden Tendenz eines nachgebenden Euro und eines stärkeren Dollars ändert das bisher aber nichts. Insgesamt gehen die Währungsmärkte davon aus, dass sich die US-Wirtschaft weiterhin stärker als Europa entwickelt und die Fed beim Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik an der Spitze stehen wird. 

Eine weitere Indikation spricht dafür, dass die Fed dabei behutsam vorgehen dürfte: Technologieaktien, die als besonders zinssensitiv gelten (weil vor allem junge, aufsteigende Unternehmen erheblich auf Finanzierungen angewiesen sind), entwickeln sich relativ stark. Während der allgemeine Dow Jones zuletzt unter seinem Hoch von Mitte August geblieben ist, hat der Technologieindex Nasdaq vor zwei Tagen ein neues Top erreicht. 

Hinter der relativen Stärke der Hightechs steht noch ein anderer Grund, der die weitere Geldpolitik der Fed beeinflussen wird: Die Entwicklung der Pandemie. Zwar kommen in Amerika wie in anderen Ländern die Impfungen voran, im Griff aber ist das Virus offensichtlich noch nicht. Dazu kommen vermehrt internationale Spannungen zwischen den USA und China sowie die Verschärfung der Lage in Afghanistan. 

Dass die Fed in so einem brisanten Umfeld ihre geldpolitische Straffung forciert, ist unwahrscheinlich. Vielmehr dürfte es weiterhin beim bisher angenommenen Zeitrahmen bleiben: langsames Rückführen der Anleihekäufe in den nächsten Monaten, und möglicherweise dann 2023 die erste, echte Zinserhöhung. 

Für die Aktienmärkte ist es entscheidend, dass der Ausstieg aus der extremen Geldpolitik weder überraschend kommt noch heftig ausfällt. Bisher deutet alles darauf hin, dass die Fed dabei durchaus mit Fingerspitzengefühl vorgeht. 

Angeschlagene Zykliker gegen starke Dauerläufer 

Der Dax übersteht das Hin und Her um die weitere Geldpolitik bisher vergleichsweise gut. Allerdings gibt es doch einige Aktien, die seit Wochen merklich an Dynamik verlieren. Zuallererst die Autowerte. Volkswagen und Daimler sind im Zuge mittlerer Korrekturen auf ihre 200-Tagelinie zurückgefallen, BMW ist sogar unter diesen Durchschnitt gerutscht. Markttechnisch steckt darin zunächst eine durchaus gesunde Konsolidierung der erheblichen Kursaufschläge, die Autoaktien seit dem Coronatief erzielt haben. 

Darüber hinaus zeichnen sich aber neue Probleme ab: Die Chipengpässe könnten sich länger hinziehen als erwartet, der große Hoffnungsmarkt China bekommt zunehmend wieder eine unberechenbare, politische Dimension, das Fortdauern der Pandemie könnte in den nächsten Monaten die Verkaufszahlen belasten. 

Auch von der zweiten konjunktursensiblen Branche im Dax, der Chemie, kommen vermehrt Schwächesignale: BASF-Aktien halten sich seit mehreren Wochen nur noch mühsam über der wichtigen Untergrenze um 65 Euro. Henkel ist mittlerweile fast 20 Prozent unter das Frühjahrshoch gesunken und muss sich nun im unteren 80er-Bereich erst wieder stabilisieren. Covestro hält sich noch vergleichsweise gut, sollte aber in den nächsten Wochen nicht unter die Marke von 53 Euro sinken. Bayer, belastet durch endlose Folgeprobleme der Monsanto-Übernahme, hat durch den Rutsch unter 50 Euro die Hoffnung auf eine Erholung wieder einmal zerstört. 

Dem Dax zugute kommt derzeit die Stärke seiner defensiven Werte: E.On und RWE haben die Schwächephase der vergangenen Monate ausgebügelt, sind günstig bewertet, rentabel und bekommen Rückenwind durch die Wende zu neuen Energien. Die Deutsche Telekom, beflügelt durch starke Kommunikationsmärkte und den 5G-Boom, arbeitet sich an das Kursniveau von 20 Euro heran; die Deutsche Post – der große Logistik-Gewinner – ist auch beim neuen Hoch um 60 Euro nicht zu bremsen; ebenso wenig die Dauerläufer Linde und Merck, obwohl beide mittlerweile fortgeschritten bewertet sind. Robust, im Fahrwasser der internationalen Technologieaktien, entwickeln sich Infineon, SAP und Siemens

Fazit für den Dax: Bisher deutet alles darauf hin, dass es von den Notenbanken keine bösen Überraschungen gibt. Internationale Spannungen, mögliche weitere Wellen der Pandemie und eine abflauende Konjunkturdynamik sollten nur zu einer sehr vorsichtigen Rücknahme der expansiven Geldpolitik führen. Dennoch, Schwächen bei konjunktursensiblen Branchen im Dax sind unübersehbar. 

Noch hält sich der Index gut oberhalb der Schiebezone des Sommers, die sich vor allem zwischen 15.400 und 15.700 Punkten abspielte. Zur 200-Tagelinie bei 14.700 Punkte hat der Dax einen mittelgroßen Abstand, der typisch ist für eine fortgeschrittene, aber noch nicht überhitzte Aufwärtsbewegung. So gesehen ist derzeit noch keine Gefahr in Verzug, obwohl mit September und Oktober nun zwei statistisch gefährliche Monate bevorstehen. Kurzfristig, für die nächste Woche, wäre es gut, wenn der Dax per Schlusskurs nicht unter 15.700 Punkte rutscht. 

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