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Riedls Dax-Radar
Wegen der Coronapandemie ist zum ersten Mal in 228 Jahren das Börsenparkett der New Yorker am 31. März 2020 Börse menschenleer. Quelle: AP

Jetzt hängt alles von der Wall Street ab

Trotz dramatischer Meldungen kommt es bisher nicht zu neuen Tiefschlägen an den Börsen. Das ist ein gutes Zeichen im Vorfeld der anstehenden Unternehmenszahlen. Wichtige Hilfe für die Börsen zeichnet sich am Ölmarkt ab.

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Mehr als eine Millionen Menschen hat sich bisher mit dem Coronavirus infiziert, mehr als 50.000 sind daran gestorben. Und diese Zahlen dürften in den nächsten Wochen noch deutlich steigen, vor allem in den USA.

Zugleich spielt sich, wiederum in den USA, ein konjunkturelles Drama ab. Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, die normalerweise im Bereich um 100.000 schwankt, hat sich binnen zwei Wochen auf zehn Millionen erhöht. Selbst Pessimisten hatten nicht damit gerechnet, dass die US-Wirtschaft infolge der Pandemie so schlagartig abstürzt.

Nach den Daten zur Pandemie und den Daten zur allgemeinen Wirtschaft fehlen als dritte Komponente des ganzen Desasters noch die Daten der Unternehmen. In den USA beginnen die großen Finanzhäuser Goldman Sachs, Morgan Stanley und JP Morgan Mitte April die Zahlensaison, dazu Pharma- und Gesundheitsunternehmen. Im Dax geht es am 21. April mit SAP los.

Kein Festhalten an Gewinnprognosen

Auch wenn es im einzelnen hier differenzierte Ergebnisse und womöglich auch Überraschungen geben kann, dürfte der Tenor – vor allem angesichts der hohen Unsicherheit für das zweite Quartal – sehr zurückhaltend und sehr vorsichtig ausfallen. Dass die bisherigen Gewinnhochrechnungen für 2020 auch nur einigermaßen aufrechterhalten werden, ist unwahrscheinlich.

In der Entwicklung der Pandemie, der Konjunktur und der Unternehmen findet jetzt das statt, das sich an den Aktienmärkten seit dem 24. Februar abgespielt hat: der größte Crash seit Jahrzehnten.

Das aber heißt auch: So panisch der Kursabschlag an den Börsen im einzelnen ausfiel, so war er doch nicht einfach eine Eigenentwicklung losgelöster Märkte, sondern eine sehr schnelle und konsequente Einpreisung der dramatischen Lageverschlechterung.

Selbst in den schwärzesten Stunden bis Mitte März fiel der Crash differenziert aus: Während im Dax etwa Triebwerksspezialist MTU Aero Engines bis zu zwei Drittel seines Werts verlor, weil Anleger nun das Ende des langjährigen Luftfahrtaufschwungs befürchten, kamen SAP-Anleger mit einem Minus von etwa 30 Prozent vergleichsweise glimpflich davon. Die Bedrohung durch die Virenpandemie wird den Bedarf an Clouddienstleistungen, die von SAP angeboten werden, aller Voraussicht nach weiter erhöhen.

Seit der zweiten Märzhälfte weicht die Angst aus dem Markt. Auf die jüngsten, desaströsen US-Arbeitsmarktdaten reagierten die Börsen nur noch mit einem kurzen Rückschlag, dann setzte sich die Seitwärtsbewegung fort, die sich im Dax seit acht Tagen zwischen 9.300 und 10.140 Punkten abspielt – immerhin nach einer vorangegangenen schnellen Erholung vom bisherigen Tief bei rund 8.200 Punkte aus.

Bodenbildung beginnt, neue Tiefs nicht ausgeschlossen

Da die Märkte von den jüngsten, düsteren Nachrichten nicht mehr geschockt worden sind, dürften sie nun auch gegen weitere, schlechte Meldungen eine gewisse Immunität entwickelt haben. Technisch gesprochen ist das nichts anderes als der erste Versuch einer Bodenbildung der Kurse.

Nach vier extrem schwachen Wochen mit bis zu 41 Prozent Verlust im Dax (gemessen an Tagesverlaufskursen) braucht eine solche Bodenbildung mehrere Wochen, wenn nicht sogar Monate. Und solange diese Bodenbildung nicht abgeschlossen ist, handelt es sich genau genommen auch erst einmal nur um eine Korrektur, eine Reaktion auf den vorangegangenen dramatischen Verfall. Wer jetzt von Bodenbildung spricht, lässt also die Hoffnung mitschwingen, dass es nicht noch einmal tiefer gehen könnte. Das aber ist keineswegs ausgeschlossen.

Vor allem unter Analysten, Börsenstrategen und großen Investoren in Amerika herrscht weiterhin eine tiefe Verunsicherung. Von einer Trotzhaltung in Krisen, wie das etwa im September 2001 beim Anschlag auf das World Trade Centre der Fall war, sind die US-Börsenkommentatoren derzeit weit entfernt. Für den marktbreiten S&P-500-Index, in dem die 500 wichtigsten amerikanischen Aktien stecken und der aktuell um 2500 Punkte schwankt, rechnen viele Beobachter mit einem Rückgang bis in die Zone 1800 bis 2100 Punkte. Das wäre dann der Bereich, in dem die Aktienhausse seit dem Amtsantritt von Donald Trump ihren Anfang genommen hatte. Die gesamte Trump-Hausse wäre somit durch die Corona-Baisse komplett ausgelöscht.

Rückschlagpotenzial bis 6600 Punkte im Dax

In einem solchen Szenario, in dem US-Aktien noch einmal um bis zu 30 Prozent abrutschen, käme auch der Dax erneut unter Druck. Da bisher die Ausschläge am deutschen Aktienmarkt ähnlich ausfielen wie die im S&P, ergäbe das für den Dax rechnerisch ein Rückschlagpotenzial auf 6600 Punkte.

Kurzfristig ist eine so schwache Entwicklung wenig wahrscheinlich. Im Zuge der anstehenden Quartals- und Dividendensaison sollte sich der Dax erst einmal im weiten Band zwischen 8200 Punkten und 10.400 Punkten halten. Ein positives Signal wäre es, wenn der Dax sogar nicht unter 9200 rutscht, hier lagen die Hochspitzen der Ausverkaufsphase vom 16. bis 23. März. Eine solche Stärke könnte den Dax davor bewahren, abermals in den Ausverkaufsmodus zu fallen, in dessen Verlauf schließlich auch die zentrale Untergrenze um 8200 Punkte gefährdet wäre.

Hoffen auf die großen Öl-Förderländer

Eine bemerkenswerte Unterstützung bekommen die Märkte aktuell von einer anderen Seite, die direkt mit der US-Entwicklung und Trump zusammenhängt. Am Ölmarkt hat sich in den vergangenen Wochen durch den Machtkampf um Förderquoten ein Preissturz historischen Ausmaßes abgespielt. Für die Börsen ist das eine zusätzliche Belastung, weil damit neben den klassischen Rohstoffproduzenten im arabischen Raum und Russland auch die USA schwer getroffen ist, die über die Frackingindustrie zu den größten Ölproduzenten weltweit zählt.

Zudem braucht Trump im Wahlkampf angesichts des Corona-Dramas dringend gute Nachrichten. Eine Stabilisierung des Ölpreises durch eine Verständigung zwischen Saudi Arabien, Russland und den USA käme da wie gerufen.

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