Riedls Dax-Radar: Kampf um den großen Trend an den Börsen
Sind die kurzen Anstiege im Dax ein Zeichen für nachhaltig höhere Kurse?
Foto: Getty ImagesMehrmals schon ist der Dax nun wieder über 16.000 Punkte gestiegen. Zuletzt war das im August der Fall. Damals kam es nach kurzen Anstiegen über diese Marke zu mehrwöchigen Korrekturen. Das täte dem Dax auch jetzt gut, denn die jüngste Kletterpartie, der stärkste Anstieg seit der Herbst-Hausse vergangenen Jahres, zeigt Ansätze der Überhitzung.
Wenn Aktienmärkte so impulsive Bewegungen vollziehen, ist das für die Börsen ein wichtiges Signal: Offensichtlich spielt sich an den Märkten etwas ab, das von vielen Investoren, womöglich sogar der Mehrheit, so noch gar nicht bedacht wurde. Ein solcher Shift ist oft ein Zeichen für eine grundlegende Neubewertung des Marktes. Alle längeren Anstiegsphasen an den Börsen, zuletzt Anfang 2023 und davor im Frühjahr 2020, begannen mit ähnlich überraschenden, impulsiven Bewegungen.
Das Tückische dabei: Auch die Aufwärtsphasen im Frühjahr und im Sommer 2022 verliefen impulsiv, dennoch kippten die Kurse danach wieder ab und steuerten neue Tiefen an. Droht auch jetzt wieder eine solche Enttäuschung?
Für mehr Klarheit sorgt ein Blick an die amerikanische Technologiebörse Nasdaq. Die ist mit ihren Überfliegern Apple, Microsoft und Nvidia seit Jahren der Taktgeber für die Weltbörsen – egal, wie direkt der deutsche Aktienmarkt bis in die Verästelungen von M- und S-Dax der US-Tendenz nun folgt oder nicht.
Die impulsiven Anstiege des Nasdaq-Index im Frühjahr 2020 und Anfang 2023, denen in beiden Fällen ausgeprägte Hausse-Bewegungen folgten, hatten im Gegensatz zu den schnellen, nur vorübergehenden Kursgewinnen des Jahres 2022 einen wichtigen Unterschied: Sie spielten sich im Rahmen größerer Aufwärtsbewegungen ab, während die Anstiege 2022 nur Zwischenerholungen im Abwärtstrend waren.
In welche Richtung die große Tendenz an den Börsen gerade zeigt, lässt sich dabei an einem einfachen Kriterium festmachen: Bildet ein Markt höhere Hochspitzen und höhere Tiefspitzen, zeigt er nach oben. Bildet er dagegen tiefere Tiefspitzen und tiefere Hochspitzen, zeigt er nach unten.
Im Nasdaq-Index lag das Tief vom Oktober oberhalb des vorangegangenen Tiefs vom März. Und nun, mit dem jüngsten Anstieg auf 16.027 Punkten, hat der Nasdaq-100-Index das jüngste Hoch vom Juli 2023 schon einmal um ein paar Punkte übertroffen. Für die Nasdaq-Börse bedeutet das: Die Chance, dass die Grundrichtung der führenden Technologieaktien ihre Anfang 2023 begonnene Aufwärtsbewegung fortsetzen, ist deutlich größer als die Gefahr, dass dieser Trend jetzt abbricht.
Natürlich, nachhaltig entfalten werden die Märkte solche Trends nur, wenn das fundamentale Umfeld dazu korrespondiert. Doch auch hier stehen die Chancen nicht schlecht. In den USA könnte sich das Wachstum zwar in den Bereich um zwei Prozent abschwächen, doch das dürfte dazu beitragen, die Inflation in den Griff zu bekommen. Die amerikanische Notenbank könnte dann bei ihrer nächsten Sitzung Mitte Dezember nach immerhin elf Zinserhöhungen eine längere Pause einlegen. Ob und wann es dann im Laufe von 2024 wieder Hinweise auf Zinssenkungen gibt, ist nicht einmal entscheidend. Für die Börsen kommt es darauf an, dass sie nicht mehr mit weiteren Erhöhungen rechnen müssen, sondern die Blickrichtung eindeutig auf früher oder später sinkende Zinsen gerichtet ist.
Starke US-Technologieaktien und eine robuste amerikanische Wirtschaft werden auch die Aktienmärkte in Europa stützen. Mit möglichen Wachstumsraten knapp über der Nulllinie ist hier von der amerikanischen Wirtschaftsdynamik wenig zu spüren. Dazu kommen, vor allem in Deutschland, deutlich rezessive Tendenzen. Immerhin sind dafür auch die Leitzinsen in der EU mit 4,5 Prozent etwas niedriger als in Amerika mit dort 5,25 bis 5,50 Prozent.
Im Gegensatz zum Nasdaq-Index ist es dem Dax bisher noch nicht gelungen, ein neues Hoch zu markieren. Das wäre erst der Fall, wenn deutsche Aktien über das Sommerhoch bei 16.500 Punkten kämen. Der Dax entwickelt sich gedämpfter als die Nasdaq, er geht aber nicht in eine andere Richtung.
Adidas am Start, Porsche am Schleudern, Bayer am Bangen
Zu den Dax-Aktien, die sich derzeit besonders vielversprechend entwickeln, gehört Adidas. Probleme auf dem wichtigen chinesischen Markt, der teure Rückzug aus Russland und der Streit mit dem ehemaligen Partner Kanye West hatten den Sportartikler 2022 abstürzen lassen. Auch die Konkurrenten Puma und Nike gingen in die Knie; die Probleme von Adidas waren keineswegs nur hausgemacht.
Dafür fällt die Erholung von Adidas jetzt stärker aus als bei den Rivalen. Unter dem neuen Chef Björn Gulden kann sich Adidas schneller als erwartet von den Altlasten von Kayne West lösen, das Geschäft um Outdoor und Basketball wächst zweistellig, die Lagerbestände werden abgebaut, neue Produktlinien kommen gut an.
Nach dem Sanierungsjahr 2023, das wegen Sonderbelastungen womöglich mit roten Zahlen abschließt, besteht mit Blick auf 2024 und 2025 die Chance auf Nettogewinne, die ähnlich wie in den guten Jahren bei ein bis zwei Milliarden Euro liegen könnten. Adidas-Aktien müssen deshalb nicht durchstarten, dürften aber zwischen 160 und 185 Euro die Basis bilden für eine Kletterpartie, die dann in den nächsten Jahren in Richtung 300 Euro gehen könnte. Ein Anstieg über 190 Euro wäre dafür ein wichtiges Kaufsignal.
Schwer unter die Räder gekommen ist seit einigen Wochen die Aktie der Porsche AG, die Anteile des Luxuswagenherstellers, die im Herbst vergangenen Jahres neu an die Börse gekommen sind. Auslöser waren die jüngsten Geschäftszahlen, die unterschiedlich aufgenommen wurden. Während etwa die US-Investmentbank Goldman Sachs weiter zuversichtlich für die Stuttgarter ist, gibt sich die Barclays Bank skeptisch. Vor allem monieren die Briten den deutlichen Absatzrückgang im dritten Quartal, in dem mit 75.368 Fahrzeugen 13 Prozent weniger Autos als im direkten Vorquartal verkauft wurden. Zudem dürften teure Investitionen in neue Modelle und die Elektrifizierung die Gewinndynamik in den nächsten Jahren bremsen.
Porsche selbst stellt im jüngsten Bericht nicht die rückläufigen Zahlen des dritten Quartals in den Vordergrund (die müssen sich Anleger selbst errechnen), sondern die Zahlen der ersten neun Monate, die immer noch einen Zuwachs aufweisen: mit 30,1 Milliarden Euro Umsatz 12,6 Prozent Wachstum; mit 3,94 Milliarden Euro 6,5 Prozent mehr Nettogewinn.
Für Porsche kommt es nun darauf an, ob das schwache dritte Quartal nur ein Ausrutscher war oder ob auch der Sportwagenhersteller nun nach Mercedes-Benz und BMW von den Schwierigkeiten des weltweiten Automarkts eingeholt wird.
Immerhin hat der jüngste Kursrückgang die Aktie praktisch bis auf den Euro genau noch einmal auf das Ausgangsniveau des Börsengangs um 82 Euro gedrückt. Schon bei einer moderaten operativen Entwicklung sollte es von diesem Niveau aus die Chance auf eine Erholung geben. Für nachhaltig anziehende Kurse allerdings dürften Porsche-Aktien dann wieder sichtbar steigende Absatzzahlen benötigen.
Die heftigste Entwicklung in Dax spielt sich derzeit bei Bayer ab. Nach erneuten Meldungen über negative Urteile zum Unkrautvernichter Glyphosat und der Enttäuschung um das neu entwickelte Medikament Asundexian hat sich die Aktie bisher noch nicht erholen können. Die extreme Schwäche, die sich seit dem Rutsch unter das Coronatief bei 40 Euro noch verstärkt hat, ist ein Warnsignal. Sie deutet darauf hin, dass der jüngste Abverkauf kaum eine letzte Bereinigung und damit ein möglicher Tiefpunkt nach langer Abwärtsbewegung sein dürfte.
Vielmehr kommt es nun darauf an, wie Bayer strategisch und operativ gegen die neue Bedrohungslage vorgeht. Kurzfristig könnte die Aktie auf dem Niveau der Tiefspitzen von 2006 bis 2011, die zwischen 30 und 37 Euro lagen, Erholungsversuche starten. Für Investoren wieder interessant dürfte die Aktie aber erst wieder werden, wenn Bayer die jüngsten Probleme um Glyphosat und die Pharmapipeline bei seiner anstehenden strategischen Neuorientierung angemessen berücksichtigen kann. Antworten dazu gibt Bayer wahrscheinlich erst Anfang 2024. Bis dahin blüht die Spekulation.
Fazit für den Dax: Mit den impulsiven Kursgewinnen der vergangenen Wochen und dem Anstieg über die Widerstandszone zwischen 15.500 bis 15.700 Punkte hat der Dax wichtige Kaufsignale gegeben. Auch wenn der deutsche Aktienmarkt nicht so dynamisch nach oben drängt wie die amerikanische Leitbörse Nasdaq, haben sich die generellen Perspektiven an der deutschen Börse aufgehellt. Bleibt es konjunkturell bei moderaten Schwächezeichen und geht die Inflation wie zuletzt tendenziell weiter zurück, könnte das für 2024 die Basis für einen freundlichen Börsenverlauf werden.
Allerdings, die Sorglosigkeit der vergangenen Tage, die sich im Tiefstand der Volatilitätsindizes zeigt, ist keine gute Voraussetzung für nachhaltig höhere Kurse. Optimal wäre in den nächsten Wochen erst einmal ein Abdriften des Dax bis in den Bereich 15.700 bis 15.500. Sollte die Fed dann Mitte Dezember eine längere Zinspause signalisieren, könnte es danach noch einmal schnelle Kursgewinne geben. Wie dem Nasdaq-100-Index könnte es dann auch dem Dax gelingen, ein neues Hoch zu markieren – und damit die große Aufwärtstendenz zurückzuerobern.
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