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Riedls Dax Radar
Den Umbau des Daimler-Konzerns geht Ola Källenius, der neue Chef, mit Bedacht an. An der Börse indes kommt dies weniger gut an. Quelle: dpa

Keine Angst vor kurzen Rückschlägen an der Börse

Die Signale für eine Kurskorrektur im Dax verdichten sich. Gleichzeitig werden defensive Aktien interessanter. Daimlers Aktionäre bleiben skeptisch, was symptomatisch für die Industrieaktien ist. Mit einer Ausnahme.

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Ein Draufgänger ist Ola Källenius offensichtlich nicht. Den Umbau des Daimler-Konzerns geht der neue Chef mit Bedacht an. Es reicht von der Straffung der Modellpalette, geht über Senkung der Materialkosten bis hin zu einem allgemeinen Stellenabbau.

An der Börse indes kommt dies weniger gut an. Investoren hätten sich mehr zu den Zukunftsthemen Elektromobilität und autonomes Fahren gewünscht. Hier ist Daimler weit entfernt vom Enthusiasmus, der sich bei Volkswagen breit macht – als entschiedene Antwort auf den Dieselskandal. Bei Daimler sieht es sogar so aus, als ob bei Investitionen in die großen Trendthemen wie autonomes Fahren auf die Bremse getreten wird. Zudem geht bei Anlegern die Angst um, dass auf Daimler wegen Rechtrisiken und Stellenabbau hohe Kosten zukommen.

Daimler ist noch nicht so weit wie VW. Die Rückstellungen für Rechtsrisiken wurden in den vergangenen Monaten deutlich erhöht; sie sind der eigentliche Grund, warum die Gewinne in diesem Jahr schwächer ausfallen werden. Dafür sehen die Verkaufszahlen nicht schlecht aus, sie liegen praktisch auf Rekordniveau. Auch die erzielten Preise sind in Ordnung. Daimler hat damit eine starke Basis für die nächsten Jahre.

Die spannendsten Aktien der Woche

Dafür brauchen Anleger Geduld. Während Volkswagen-Aktien schon wieder das Hoch von Anfang 2018 erreicht haben und derzeit der Top-Wert der deutschen Fahrzeugbranche sind (der mit Abschlag auch über Porsche-Aktien zu haben ist), notieren Daimler-Aktien ein Drittel unter den Kursspitzen von Anfang 2018.

Die Bodenbildung hat erst begonnen. Die erste Phase war der starke Anstieg von Ende August bis Ende Oktober. Nun könnte eine Konsolidierung folgen, bei der sich die Kurse oberhalb von 47 bis 48 Euro einpendeln sollten. Für langfristige Investoren könnte es an schwachen Tagen hier interessante Gelegenheiten geben.

Wie lange trägt die Hoffnung auf Konjunkturerholung und niedrige Zinsen?

Das zähe Ringen bei Daimler um die Verarbeitung der Altlasten und die neue Unternehmensstrategie zeigt, dass die Wende der großen Industrieaktien zwar begonnen hat, dieser Prozess sich aber nicht in einem Zug abspielt, sondern in mehreren Phasen.

In den vergangenen sechs Wochen hat der Dax um mehr als zehn Prozent zugelegt, weil Anleger auf eine wirtschaftliche Stabilisierung setzten bei weiterhin sehr niedrigen Zinsen. Insgesamt verträgliche Zahlen und Prognosen von den Unternehmen sowie moderatere Töne von der politischen Front um die Handelsauseinandersetzung zwischen den USA und China kamen dazu. Wie lange kann dieser vorteilhafte Mix die Kurse noch nach oben treiben?

Kurzfristig stoßen neben Daimler auch andere Schwergewichte im Dax an Grenzen. SAP erreicht zwischen 120 und 125 Euro sein Allzeithoch. Nachdem die Aktie in sechs Wochen rund 20 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung zugelegt hat, dürfte die Dynamik im Cloud-Geschäft erst einmal gut bezahlt sein, eine Kurskorrektur liegt in der Luft.

Erst recht gilt das für einen Überflieger im Dax, den die wenigsten Anleger auf der Rechnung hatten: Den mit der amerikanischen Praxair fusionierten Linde-Konzern, der mit 105 Milliarden Euro Marktkapitalisierung an der Börse mittlerweile sogar Siemens überholt hat – obwohl Siemens bei Umsatz und Gewinn um ein Vielfaches größer ist. Der starke Kurstrend bei Linde (der vom erfolgreichen Geschäftsmodell langfristiger Lieferverträge beflügelt wird) ist ungebrochen – insofern können langfristige Investoren am Ball bleiben. Allerdings wird die Aktie mittlerweile von der Bewertung fast schon wie eine Pharmaaktie eingestuft. Wer Aktien neu kaufen will, muss solche Apothekenpreise ja nicht unbedingt bezahlen.

Dass der Dax wegen Stockungen bei Industrieaktien und hohen Bewertungen bei Dauerläufern kräftig nachgibt, ist dennoch wenig wahrscheinlich. Denn gleichzeitig rücken nun wieder einige Defensivwerte nach vorne:

Die Deutsche Post profitiert von der Aussicht einer moderaten Wirtschaftserholung und Entspannung im Handelskrieg, interne Probleme bekommt sie zunehmend in den Griff. Nachdem die Aktie die Hürde bei 31 Euro überwunden hat, liegen die mittelfristigen Ziele zwischen 35 und 41 Euro.

Fresenius und Ableger Fresenius Medical Care proben nach langer Talfahrt das Comeback. Unsicherheiten um Dialyse-Entgelte im wichtigen US-Markt und das schwierige Krankenhausgeschäft haben die Aktie in den vergangenen Monaten schwer belastet. Die jüngsten Zahlen signalisieren nun ein Ende der Talfahrt. Vor allem Fresenius dürfte auf dem Niveau 40 bis 50 Euro für langfristige Investoren wieder interessant werden.

Fazit für den Dax: Nach sechs Wochen Kursrally bis in die Zone der bisherigen Tops von Ende 2017 bis Anfang 2018 wird eine mehrwöchige Korrektur immer wahrscheinlicher. Dabei kann der Dax in einer hektischen Querbewegung durchaus sogar noch einmal sein altes Hoch um 13.560 Punkte erreichen. Die 200-Tage-Linie indes verläuft derzeit erst bei 12.075 Punkten. Der Abstand zu diesem Barometer des mittelfristigen Trends ist derzeit größer als im Herbst 2017, aber noch nicht ganz so extrem wie im Frühjahr 2015. In beiden Fällen kam es im Anschluss an die gute Stimmung zu einer mehrmonatigen, schwachen Börsenphase.

Ein solcher Rückschlag muss dem Dax jetzt nicht automatisch bevorstehen. Ähnlich wie im Dax signalisieren die großen Indexkurven in Amerika und Europa bis auf weiteres nur eine kurzfristige Überhitzung, aber keinen grundlegenden Trendbruch. Die Aktienhausse läuft weiterhin – und es ist für Anleger wenig sinnvoll, sich gegen diesen großen Trend zu stellen.

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