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Riedls Dax-Radar Kurskorrektur zwischen Viren-Angst und Klima-Appeal

Das sich ausbreitende Coronavirus und dessen Wirkung auf die Weltwirtschaft sorgt auch an der Börse für eine Zitterpartie Quelle: imago images

Die Zitterpartie im Dax geht weiter. Erfolgsaktien wie Allianz, Linde oder die Münchner Rückversicherung dürften dafür sorgen, dass die Rückschläge nicht zu groß ausfallen. Spekulative Chancen kommen hinzu – etwa bei Siemens oder der Deutschen Bank.

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Würde man nur auf die Kurve des Dax blicken und die Nachrichtenlage komplett ausblenden, könnte man als Anleger eigentlich beruhigt sein. Nur an acht Tagen Ende Januar kam es bisher zu empfindlichen Rückschlägen, die zudem in der Zone der bisherigen Tiefpunkte um 12.900 Punkte aufgefangen wurden. Seitdem zieht der Dax wieder an und hat zwischenzeitlich fast das alte Top um 13.600 erreicht. Leben Börsianer mit ihrem Dax in einer Parallelwelt, oder blenden sie die vielfachen Risiken einfach aus – von den Gefahren einer Rezession bis hin zu einer möglichen Pandemie?

Um diese Frage zu beantworten (die letztlich darüber entscheidet, ob Aktien derzeit aussichtsreich sind oder nicht), muss man sich vor Augen halten, wie die Dax-Kurve eigentlich entsteht. Der Dax ist das Ergebnis einer nüchternen, ziemlich komplizierten Rechnung, in der die Kurse, Dividenden und Kapitalmaßnahmen der 30 wichtigsten deutschen Aktien einfließen.

Jede einzelne Aktie im Dax hat dabei einen völlig unterschiedlichen Verlauf, genau wie sich jedes Unternehmen individuell entwickelt. Der Kurs der Allianz etwa ist gerade auf ein neues, fast zwanzigjähriges Hoch gestiegen, weil die operative Entwicklung des Versicherungsriesen im vergangenen Jahr ziemlich gut war und Anleger jetzt schon hoffen, dass die Zahlen, die am 21. Februar veröffentlicht werden, auch entsprechend gut ausfallen.

Die Allianz als Nummer Eins der Branche profitiert von der Aufbruchsstimmung in der Versicherungswirtschaft. Das beginnt bei der Renovierung der umfangreichen IT-Ausstattungen, geht über die zunehmende Bedeutung großer Versicherer in Zeiten wackliger Banken, und reicht hin bis zur Renaissance der Lebensversicherungen. Die sind derzeit wieder begehrt, weil Anleger angesichts niedriger oder negativer Zinsen immer weniger lukrative Anlagemöglichkeiten haben. Zudem haben es die großen Versicherer in den vergangenen Jahren geschafft, sich durch die Beteiligung an Wind- und Solarparks oder Infrastrukturunternehmen neue, ansehnliche Einnahmequellen zu erschließen.

Ihren Aktionären bieten die Versicherer nicht nur gute Gewinne (womit die Aktien nicht überbewertet sind), sondern auch hohe Dividenden und durch Aktienrückkäufe untermauerte Kurse. Auch Versicherer wie die Münchner Rück und – unterhalb des Dax – Talanx oder Hannover Rück zeigen diese starken Trends. Dank eines Börsenwerts von 95 Milliarden Euro hat die Allianz im Dax ein Gewicht von fast neun Prozent.

Sogar auf zehn Prozent Dax-Gewicht kommt mittlerweile eine Aktie, die nur bei wenigen Anlegern auf der Rechnung steht: der Industriegasespezialist Linde. Die Fusion mit dem amerikanischen Konkurrenten Praxair erweist sich als wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Beide zusammen bilden nun auf dem aussichtsreichen Markt für Industriegase die weltweite Nummer eins. Dieser Markt ist nicht nur deshalb so interessant, weil er durch langjährige Verträge ein hohes und kontinuierliches Wachstum verspricht. Ein besonderer Motor dabei ist das Mega-Thema Wasserstoff, ein Kernprodukt von Linde.

Kraftwerks-Malus bei Siemens, Wasserstoff-Antrieb für Linde

Natürlich ist ein Börsenwert von mittlerweile 106 Milliarden Euro bei nur 26 Milliarden Euro Geschäftsjahresumsatz, der 2020 möglich sein sollte, ein stolzer Preis für Linde. Vor allem gilt das im Vergleich zu dem viel größeren Industriekonzern Siemens, der bei 89 Milliarden Euro Geschäftsumsatz nur auf 92 Milliarden Euro Börsenwert kommt.

Die spannendsten Dax-Werte der Woche

Diese unterschiedliche Bewertung entsteht, weil Investoren das stabile, aussichtsreiche Geschäft von Linde, das durch den begehrten Wasserstoff auch noch Klima-Appeal hat, wesentlich höher einstufen als die Geschäfte von Siemens, die derzeit besonders unter der umstrittenen Energiesparte leiden. Dass die Rentabilität von Linde mehr als doppelt so hoch ist wie die von Siemens, lässt die formal höhere Bewertung von Linde in einem milden Licht erscheinen. Mit knapp 15 Prozent Nettorendite (Reingewinn vom Umsatz) verdient Linde fast schon so gut wie ein Pharmaunternehmen – und da sind vierfache Umsatzbewertungen gang und gäbe.

Die unterschiedliche Bewertung von Siemens und Linde zeigt, dass Anleger geschäftliche Erfolge und strategische Aussichten einzelner Unternehmen keineswegs über einen Kamm scheren. Sollte Siemens mit seinem angestrebten Konzernumbau (Digitalgeschäft und Infrastruktur als Schwerpunkte, Ausgliederung der Energiesparte, Medizintechnik und Windkraft als Satelliten) Erfolg haben, kann sich der Siemens-Börsenwert durchaus wieder erhöhen. Im Augenblick spiegelt er allerdings die Zweifel der Aktionäre wider – und das dürfte die Aktie vorerst im Bereich 100 bis 115 Euro halten.

Deutsche Bank mal als Überflieger

Eine Sonderentwicklung spielt sich derzeit am anderen Ende der Gewichtungsskala ab, bei der Deutschen Bank, die nur noch zwei Prozent zum Dax-Index beiträgt. Mit mehr als 50 Prozent Kursanstieg binnen sechs Monaten ist die Aktie derzeit ein echter Überflieger. Auslöser der jüngsten Rally waren zum einen die aktuellen Jahreszahlen. Die fielen mit 5,3 Milliarden Euro Nettoverlust zwar sehr schlecht aus, doch gerade deshalb hoffen viele Börsianer, damit könnte das Schlimmste überstanden sein.

Dazu kommt der medienwirksame Einstieg des kalifornischen Finanzinvestors Capital Group. Beides trifft auf einen Markt, der nach 13 Jahren Baisse bei der Deutschen-Bank-Aktie regelrecht ausgetrocknet ist. Die zuletzt sprunghaften Kursgewinne sind ein Zeichen dafür, dass Short-Positionen eingedeckt wurden, Baissiers also vorher abgestoßene Aktien wieder zurückkaufen mussten.

Ob die Deutsche Bank nun die Wende schon geschafft hat, ist offen. Schon einmal, 2016, gab es eine ähnlich dynamische Erholung, die aber nach wenigen Monaten wieder in sich zusammensackte. Das Umfeld für die Bank ist unverändert schwierig, die operativen Fortschritte sind mager. Der Charme der Aktie liegt weniger in einem aussichtsreichen Geschäftsverlauf als in dem mit 19 Milliarden Euro niedrigen Börsenwert für eine Bank, die eine Bilanzsumme von 1,3 Billionen Euro hat und vor nicht allzu langer Zeit das erste Geldhaus der stärksten europäischen Volkswirtschaft war. So gesehen steckt für den Dax darin sogar die Chance auf einige Zusatzpunkte, sollte der Deutschen Bank das Comeback gelingen.

Fazit für die aktuelle Dax-Entwicklung: Generell ist das aktuelle Dax-Niveau durch die Entwicklung der Einzelaktien gut untermauert. Der Dax führt kein Eigenleben, vielmehr spiegeln sich in ihm Zins- und Konjunkturerwartungen genauso wider wie die Entwicklung erfolgreicher Unternehmen (Allianz, Münchener Rückversicherung, Linde), Konglomeraten im Umbruch (Siemens) oder Hoffnungskandidaten (Deutsche Bank).

Die jüngste Belastung durch das Coronavirus steckte der Dax bisher besser weg als befürchtet. Die Zitterpartie ist deshalb nicht einfach vorbei, doch die aktuelle Marktstabilität deutet darauf hin, dass aus dem viralen Rückschlag wahrscheinlich auch nur eine typische Marktkorrektur werden dürfte.

In den USA ist der Nasdaq-100-Index schon wieder auf ein neues Hoch vorgedrungen. Diese Stärke kommt dem Dax zugute, da auch er von den technologischen Megatrends getragen wird. Die Chancen stehen gut, dass der Dax weiterhin die wichtige Untergrenze um 12.900 Punkte verteidigt. Sie könnte in einigen Wochen die Basis für eine Frühjahrsrally werden.

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