Riedls Dax-Radar: Kursziele für den Dax und neue Favoriten für den Einstieg
Continental, Henkel und Adidas bieten Chancen.
Foto: Getty Images, PR, imago imagesDer Start in das Börsenjahr 2024 wird tricky. Rückläufige Inflation, die Aussicht auf mehrere Zinssenkungen der amerikanischen Notenbank, eine alles in allem in vielen Ländern robuste Wirtschaft und reichlich anlagesuchende Mittel, die derzeit vor allem in Geldmarktfonds parken, machen Aktien interessant.
Dazu kommen die großen Technologietrends Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Elektromobilität. Der Philadelphia Semiconductor Index, die weltweit führende Kurve der Chipaktien, ist mit 4200 Zählern auf ein neues Hoch vorgestoßen. Wenn Halbleiter als das zentrale Schlüsselprodukt und mittlerweile eine Art Rohstoff der modernen Wirtschaft so ungebrochen stark sind, ist dies ein Signal dafür, dass die große Party an den Börsen noch nicht zu Ende ist.
Auf der anderen Seite sind gerade wegen dieser guten Aussichten an den Börsen die Kurse seit November stark gestiegen. Dow Jones, Nasdaq 100, Euro Stoxx und Dax haben in einem Zug nicht nur die komplette Herbst-Korrektur ausgebügelt, sondern sind gleich in neue Höhen vorgedrungen. Der vielbeachtete Stimmungsindikator Fear and Greed des Fernsehsenders CNBC hat mit einem Stand von bis zu 80 Punkten „extreme Gier“ erreicht. Als dies zuletzt Anfang und Mitte 2023 der Fall war, kam es danach zu mehrmonatigen, scharfen Kurseinbrüchen. Spiegelbildlich sind die Angstbarometer Vix, V-Stoxx und V-Dax bis zu den Tiefen der vergangenen fünf Jahre abgerutscht; ein Zeichen großer Sorglosigkeit, ähnlich wie vor den Kursabstürzen Anfang 2020 und Anfang 2022.
Allerdings: So ungestüm, wie der Blick auf die Indizes nahelegt, ist die reale Entwicklung der Aktien keineswegs. Obwohl der Dax am 11. Dezember 2023 bei 16.794 Punkten seinen bisher höchsten Tagesschlusstand markiert hat, sind nur vier der 40 Einzelaktien im Dax nachhaltig in neue Höhen vorgedrungen:
- Rüster Rheinmetall, für den der Ukrainekrieg und der Paradigmenwechsel hin zur Wiederaufrüstung zu einem Jahrhundertgeschäft geworden ist
- Konsumchemiker Beiersdorf, der seit den Neunzigerjahren in einer kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung steckt und dem es gelungen ist, seine klassische Kernmarke Nivea in die Moderne zu transferieren
- Die Assekuranzen Münchener Rück und Hannover Rück, die in einer zunehmend unsicheren Welt nicht nur vom steigenden Bedarf an Absicherung profitieren, sondern zugleich eine Blaupause dafür sind, welches Wachstumspotenzial in Finanzkonzernen immer noch steckt – im Gegensatz zur Schrumpfkur, die sich zahlreiche Banken verordnen
Weitere drei Aktien im Dax kämpfen derzeit knapp um neue Höhen:
- Flugzeugbauer Airbus, der neben der Hoffnung auf ein Comeback der Luftfahrt von der Rüstungskonjunktur profitiert
- Industrieklassiker Siemens, der in der Metamorphose zum Technologiekonzern steckt und deshalb an der Börse zunehmend höher eingestuft wird
- Programmschreiber SAP, dessen Wandel zum Cloudunternehmen von den Märkten nach langer Zitterpartie nun honoriert wird
Bemerkenswert dabei: Hinter allen Aktien, die neue Höhen erreichen, stehen nachhaltige und substanzielle Erfolgsgeschichten und nicht nur Luftgebilde einer Überspekulation. Für den Aufschwung im Dax ist das eine wichtige Stütze, die den Aktienmarkt spätestens nach einer vorübergehenden Abkühlung für Käufer wieder interessant machen sollte.
Wahrscheinlich geraten dann auch einige Mittelgewichte des Index vermehrt ins Visier der Investoren. Im Dax gibt es eine Reihe führender Unternehmen, die in den vergangenen Jahren wegen strategischer Fehler und schwieriger Branchenverhältnisse in schweres Fahrwasser geraten sind. Nach mehrjährigen Kursrückgängen zeichnen sich hier interessante Einstiegsmöglichkeiten ab.
Diese drei Aktien bieten besondere Chancen:
Continental: Mittelfristige Gewinnchance von 60 Prozent
Zu den vielversprechendsten Wendewerten im Dax zählt Continental. Nach mehr als fünf Jahren Baisse ist der Autozulieferer nun in einer Turnaround-Situation. Entgegen radikaler Pläne von Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle will die Eigentümerfamilie Schaeffler, der 46 Prozent von Conti gehören, den Konzern in seiner bisherigen Struktur erhalten. Das mag kurzfristig die Renditeerwartungen enttäuschen, weil das umfangreiche Automotivegeschäft hierbei hinterherhinkt. Doch mit seinen Schwerpunkten Fahrwerke, Sicherheitstechnik, Bremsen und Fahrsysteme ist Conti damit mittelfristig gut für die großen Trends autonomes Fahren, Elektromobilität und Digitalisierung positioniert.
Zudem hat der Verbleib des Kerngeschäfts Automotive für die Börse den Vorteil, dass Conti auch in Zukunft ein Umsatzvolumen erzielen wird, mit dem die Niedersachsen zur Spitzenklasse der internationalen Autozulieferer gehören. Mögliche kleinere Abspaltungen wie etwa das interessante Display-Geschäft sind dabei nicht ausgeschlossen.
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Das Beispiel der mittlerweile erfolgreichen Antriebssparte Vitesco, die derzeit von Schaeffler übernommen wird, zeigt, dass es nicht immer opportun ist, sich vorschnell von scheinbar schwächeren Sparten zu trennen. Und an den hohen Margen des stabilen Reifengeschäfts und der führenden Position im Industriegeschäft (Schläuche, Dichtungen, Bänder) ändert die Konzentration auf Automotive nichts.
Insgesamt hat Continental in der Dreierstruktur aus Automotive, Reifen und Industriegeschäft mittelfristig ein beachtliches Umsatzpotenzial. Wenn Automotive in den nächsten Jahren auf rund 25 Milliarden Euro Jahresvolumen kommt, Reifen auf 17 Milliarden und die Industriesparte auf 8 Milliarden wären das 50 Milliarden Euro Umsatz. Sollten sich die Renditen dabei etwa so erholen, wie Conti dies plant, wäre eine 0,5-fache Umsatzbewertung an der Börse durchaus angemessen.
Mittelfristig ergäbe dies für Conti eine mögliche Marktkapitalisierung im Bereich um 25 Milliarden Euro. Gegenüber den aktuellen 15 Milliarden wäre das eine Chance von gut 60 Prozent. Dass Wolfgang Reitzle wahrscheinlich noch bis 2026 Aufsichtsratschef bleibt, ist angesichts seiner strategischen Erfahrung und dem Bemühen, bei Conti das Steuer herumzureißen, kein Nachteil. Kurzfristig wäre ein Anstieg über 78 bis 80 Euro ein wichtiges Kaufsignal.
Henkel: Zurück zu Ergebnissen wie in guten Zeiten
Die Aktien des Konsumchemikers Henkel stehen seit Jahren im Schatten des erfolgreichen Konkurrenten Beiersdorf. Das hat vor allem mit fehlenden Wachstumsraten, schwächeren Margen und dem langwierigen Ausstieg aus dem Russlandgeschäft zu tun. Doch auf allen drei Gebieten ist Entwarnung angesagt. Für Henkel-Aktien erschließt das Nachholbedarf.
Noch vor einem Jahr war von einem Gewinnrückgang die Rede; nun dürfte Henkel 2023 besser als erwartet abgeschnitten haben. Im konsumnahen Geschäft geht zwar die Absatzmenge zurück, doch zweistellige Preissteigerungen gleichen das aus. Zudem profitiert Henkel von der Zusammenlegung seiner Sparten Wasch- und Reinigungsmittel mit Pflegeprodukten und dem Abbau weniger lukrativer Marken. Im internationalen Geschäft konzentrieren sich die Düsseldorfer stärker auf gute Absatzregionen.
Das Klebstoffgeschäft, das den größten Teil des Umsatzes einbringt, tritt derzeit zwar auf der Stelle. Dank der führenden Marktposition der Düsseldorfer fährt es aber gute Margen ein. Dazu kommen vermehrt positive Impulse: So werden etwa in der Produktion eines Elektroautos im Durchschnitt mehr als doppelt so viel Klebstoffe eingesetzt wie bei konventionellen Fahrzeugen. In den USA verstärkt sich Henkel mit einem Spezialisten für die Infrastruktur von Öl-, Gas- und Wassertransporten. Dazu kommen Innovationen wie gerade die Vorstellung eines wasserbasierten Dichtstoffs für Dosen in der Lebensmittelindustrie, bei dem sich der Einsatz von Additiven erübrigt und die Emission von Treibhausgasen um ein Drittel sinkt.
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Dank höherer Preise, Sparmaßnahmen und wahrscheinlich nicht mehr ganz so stark steigender Kosten für Material und Energie dürfte Henkel 2023 mit bis zu 1,5 Milliarden Euro die Gewinnwende geschafft haben. In den nächsten Jahren sollten wieder Nettoerträge im Bereich um zwei Milliarden Euro möglich sein; das wären Ergebnisse, wie sie Henkel in den guten Jahren 2016 bis 2019 erzielte. Damals standen die im Dax notierten Henkel-Vorzugsaktien zwischen 100 und 130 Euro. Kurzfristig wäre es gut, wenn sich die Aktie in einer allgemeinen Marktkorrektur über 65 bis 68 Euro hält. Ein Anstieg über 78 Euro könnte dann einen längeren Aufwärtstrend einleiten.
Adidas: Comeback-Spekulation läuft
Der schwache Geschäftsausblick von Nike schockt die weltweite Sportartikelbranche. Das Jahresendquartal des amerikanischen Marktführers war rückläufig; Anfang 2024 soll das Geschäft wieder leicht anziehen, allerdings nur mit einer niedrigen, einstelligen Wachstumsrate. Vor allem der wichtige chinesische Markt liegt derzeit unter den Erwartungen.
Die eingetrübte Perspektive von Nike drückt auch Adidas-Aktien wieder unter die Kursmarke von 190 Euro. An den mittelfristigen Aussichten für Adidas ändert dies aber nichts. Auf den meisten Absatzmärkten haben sich die Umsätze zuletzt erholt. Kosten für Fracht sinken, Vorräte werden abgebaut, Rabatte gehen zurück, die Bestellungen im Fachhandel ziehen an.
Zudem dürfte Adidas das kostspielige Kapitel um den Skandalrapper Kanye West wahrscheinlich früher als erwartet abhaken. Dazu tragen nicht nur die erfolgreichen Verkäufe der Restbestände der von West designten Yeezy-Schuhe bei, sondern vor allem die Rückbesinnung auf eigene Stärken: das Geschäft mit qualitativ hochwertigen Schuhen für klassische Sportarten. Eine wichtige Rolle spielen dabei Neuentwicklungen wie etwa der Laufschuh, mit dem die äthiopische Langstreckenläuferin Tigist Assefa beim jüngsten Berlin-Marathon einen neuen Weltrekord aufgestellt hat sowie neue Retro-Schuhe, die sich auf eigene, historische Erfolgsmodelle von Adidas beziehen. Für 2024 ist das Umfeld vielversprechend: In Deutschland findet die Fußball-Europameisterschaft statt, in Frankreich die olympischen Spiele und in den USA der Copa América, bei dem Fußball-Superstar Lionel Messi in Adidas-Schuhen antritt.
Natürlich muss Adidas auch beim nüchternen Zahlenwerk nachholen. Doch wenn das Übergangsjahr 2023, in dem netto wahrscheinlich kaum etwas bleibt, durchgestanden ist und 2024 dank Einsparungen und robuster Nachfrage die Gewinnwende gelingt, könnte Adidas dann 2025 wieder an Margen wie in den guten Jahren 2019 bis 2021 anknüpfen. Adidas-Aktien notierten damals bei 300 Euro und höher. Gemessen an diesen Aussichten ist Adidas bei Kursen zwischen 160 bis 180 Euro eine sicherlich etwas riskante, aber vielversprechende Comeback-Spekulation.
Fazit für den Dax
Obwohl die großen Indexkurven weltweit nach zwei Monaten Dauerhausse ziemlich überhitzt sind, ist es bisher noch nicht zu einer größeren Kurskorrektur gekommen. Das hat im Wesentlichen drei Gründe:
Zum einen ist der jüngste Paradigmenwechsel der Notenbankpolitik (vor allem der Fed) nach eineinhalb Jahren massiver Zinserhöhungen so überraschend und grundlegend, dass dies zu dem massiven positiven Shift im Markt geführt hat. Der steile Kursanstieg ist damit nicht einfach eine Überhitzung, sondern vor allem ein Beleg für das neue, grundlegend bessere Umfeld für die Märkte.
Zweiter Grund ist die immense Anlageliquidität, die derzeit vor allem in kurzfristigen Vehikeln parkt. Dieser Effekt wird sich umso stärker bemerkbar machen, je mehr die kurzfristigen Zinsen als Folge der Notenbank-Volte in den nächsten Wochen unter Druck geraten.
Dritter Grund ist das Comeback der Anleihemärkte. Hierzulande etwa ist es dem Anleiheindex Rex gelungen, durch die jüngste, kräftige Kurserholung den seit 1981 bestehenden säkularen Aufwärtstrend zu verteidigen. Darin steckt nicht nur ein bedeutender Vermögenseffekt und eine Entspannung für die Finanzbranche; das nimmt auch der großen Angst vor nachhaltig steigenden Zinsen den Wind aus den Segeln.
Eine taktische Korrektur im Dax würde zu diesem Umfeld durchaus passen. Ein Rückgang auf das alte Hoch um 16.500 Punkte wäre ein klassischer Pull-Back und damit die Bestätigung der laufenden Aufwärtstendenz. Allerdings, nach mehr als 2000 Punkten Kursplus wäre dies keine echte Bereinigung.
Das wäre eher bei einem Rückgang bis in den Bereich um 16.000 der Fall. Auf diesem Niveau gab es seit gut einem Jahr zahlreiche Wendepunkte im Markt, zudem dürfte die 200-Tagelinie (aktuell 15.797 Punkte) in den nächsten Wochen bis in hierhin vordringen. Und dass bei einem Rutsch unter das alte Hoch von 16.500 dann wieder grundsätzliche Zweifel am Bestand der Hausse aufkommen, wäre eine durchaus willkommene Abkühlung des derzeitigen Optimismus.
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