Riedls Dax-Radar: Lieber defensiv mit Telekom als riskant mit BASF oder Fresenius
Ob der Dax weitere Rückschläge, die nun vor allem im Dow Jones und im S&P 500 möglicher sind, noch so gut wegstecken kann, ist offen.
Foto: imago imagesZu den Aktien, die angesichts geopolitischer Krisen derzeit besonders unter Druck stehen, gehört BASF. Zwar halten die Ludwigshafener ihre Dividende – ein zentrales Argument für ihre Aktie – weiter stabil, doch die Aussichten des Geschäfts sind nicht einfach. Für BASF ist es zunehmend schwierig, Kosten für Rohstoffe und Energie an Kunden weiterzugeben. Jetzt folgen Einschnitte und Stilllegungen am zentralen Standort in Ludwigshafen.
Ein besonders schwerwiegendes Problem ist die bisher intensive Geschäftsbeziehung zu Russland. Sie hat den Ludwigshafenern schon im vergangenen Jahr eine Milliardenbelastung beschert. Politisch ist die Verabschiedung aus Russland konsequent, die wirtschaftlichen Folgen aber dürften tiefgreifend sein. BASF ist seit 1877 in Russland und hatte bei Moskau seine erste ausländische Produktionsanlage. Sibirisches Gas, das BASF seit mehr als drei Jahrzehnten in enger Zusammenarbeit mit Gazprom bezieht, war eine wesentliche Voraussetzung für die Erfolgsgeschichte der Ludwigshafener. BASF ist der größte industrielle Gasverbraucher in Deutschland. Ob und wie BASF seinen gigantischen Bedarf ohne russische Energie auf Dauer wirklich decken kann, ist eine der größten Herausforderungen für die nächsten Jahre – und zugleich der zentrale Risikofaktor für die Aktie.
Dazu kommt das China-Risiko. China ist der größte und wachstumsstärkste Chemiemarkt weltweit. Und BASF ist in China der größte internationale Chemieinvestor, erwirtschaftet dort 15 Prozent seines Geschäftsvolumens und errichtet zu seinen bisher schon umfangreichen Anlagen und Vertretungen bis 2030 eine weitere milliardenschwere Produktion. Offensichtlich, einen Rückzug aus China plant BASF nicht – und damit dürfte auch das geopolitische China-Risiko weiter auf die Aktie durchschlagen.
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Bei Kursen um 52 Euro notieren BASF-Aktien nur noch etwa halb so hoch wie zu Rekordzeiten von 2015 bis 2018. Auch die Kursspitzen von 2019 bis 2021 lagen mit etwas mehr als 70 Euro deutlich höher als die aktuellen Notierungen. Diese ausgeprägte Schwäche der BASF-Aktie ist für Investoren ein deutliches Warnsignal dafür, dass mit der grundlegenden strategischen Ausrichtung und der operativen Verfassung des Unternehmens etwas nicht stimmt.
Kurzfristig war es für die Aktie zwar ein wichtiger Erfolg, als sie bei 47 Euro über die 200-Tagelinie kam, doch schon im Bereich der mittelfristigen Kursspitzen um 53 läuft sich seitdem der Anstieg fest. Sollte es in den nächsten Wochen zu einer Korrektur des Gesamtmarktes kommen, wäre es gut, wenn BASF nicht wieder unter das Niveau um 45 bis 48 Euro fällt. Wenn doch, wäre der Erholungsansatz der vergangenen Wochen zunichte gemacht.
Fresenius langwieriger Weg aus den Kurstiefen
Wie dramatisch sich eine Aktie entwickeln kann wenn sie über Jahre hinweg schlechter läuft als der Gesamtmarkt zeigt sich im Fall von Fresenius und seinem Ableger Fresenius Medical Care (FMC). Schon von 2015 bis 2018 vollzog sich im Kurs von Fresenius eine riesige, klassische Topbildung. Die ging einher mit der strategischen Expansion, mit der Fresenius nicht den gewünschten operativen Erfolg hatte, dafür die Verschuldung aber massiv ausdehnte. Dazu kamen Rückschläge im FMC-Kerngeschäft Dialyse, dessen Rentabilität im Zuge geringerer Erstattungen (vor allem auf dem wichtigen US-Markt) immer weiter zurückging. Die Übersterblichkeit von Patienten in der Coronakrise und die damit verbundenen aufwendigen Sicherheitsvorkehrungen verstärkten die Abwärtsentwicklung.
Nun ringt Fresenius um die komplette Neustrukturierung des Konzerns. Dabei geht es zunächst darum, den formal hohen Anteil des FMC-Geschäfts, der die Freseniuszahlen derzeit besonders drückt, zu reduzieren. Dieser Schritt lässt sich mit einer Umfirmierung und einer Entflechtung von FMC noch vergleichsweise leicht vollziehen, wahrscheinlich noch im Laufe dieses Jahres.
Viel schwieriger und für die Entwicklung der Aktienkurse entscheidend aber ist, wie die neue Fresenius dann eines Tages wirklich aussieht? Konzernchef Michael Sen hat dazu bisher nicht allzu viel gesagt. Vor allem ist er nicht auf die entscheidende Frage eingegangen, wie sich Fresenius einerseits von seinem Kerngeschäft FMC entledigt, aber andererseits dennoch langfristig als großer Gesundheitskonzern mit einem eigenen Profil stabile Renditen und stabiles Wachstum erzielen will.
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Eine Kombination aus dem Krankenhausgeschäft der Tochter Helios und der Medikamenten- und Ernährungssparte Kabi mag kurzfristig eine Erleichterung darstellen. Dazu könnten Verkäufe, etwa des spanischen Krankenhausgeschäfts, Geld in die Kasse bringen und helfen, den Schuldenberg abzubauen. Doch ob Fresenius damit eines Tages wieder an seine einstmalige Bedeutung als Weltmarktführer auf einem so zentralen Gebiet wie der Blutwäsche anknüpfen kann, ist fraglich.
Aktien von Fresenius und FMC sind nach dem tiefen Fall durchaus für schnelle, kurzfristige Erholungen gut. Für eine nachhaltige Aufwärtsentwicklung allerdings müssten zumindest die Grundzüge eines neuen Freseniuskonzerns absehbar und nachvollziehbar sein. Bis es soweit ist dürften die schnellen Kursbewegungen bestenfalls zu einer großen Bodenbildung beitragen. Die könnte sich – über den Daumen gepeilt – bei beiden Aktien im Bereich zwischen 20 und 40 Euro abspielen. Und sollte diese Bodenbildung des Kurses so lange dauern wie die vorangegangene Topbildung, käme es erst 2027 zu einer neuen, nachhaltigen Aufwärtsentwicklung.
Nun doch eine Volksaktie: die Deutsche Telekom
Während BASF und Fresenius gegen langfristige Abwärtstrends kämpfen, gelingt einer der wichtigsten Aktien des deutschen Kurszettels ein neues Hoch: der Deutschen Telekom. Mit Kursen von über 21 Euro notiert die Deutsche Telekom so hoch wie seit September 2001 nicht mehr. Davor, in der Jahrhunderthausse der Techwerte, hatte sie Notierungen von bis zu 104 Euro erreicht.
Die Telekom ist seit Jahren ein klassisches Defensivpapier im Dax. Die Bewertung ist moderat, die Dividende ist gut, der Geschäftsverlauf stabil. Mit 114,4 Milliarden Euro Umsatz (plus 6,1 Prozent) und 8,0 Milliarden Euro Nettogewinn (plus 91,6 Prozent) war 2022 das bisher beste Jahr der Telekom. Bei mehr als 40 Milliarden Euro operativem Gewinn vor Zinsen, Steuern und Wertveränderungen lässt sich auch der gewaltige Schuldenberg von 142 Milliarden Euro noch verkraften – obgleich dies gerade in Zeiten steigender Zinsen das größte Risiko der Telekom sein dürfte.
Die Zunahme der Kunden am Heimatmarkt Deutschland, die ungebrochen dynamische Entwicklung der Erfolgstochter T-Mobile US und die Fortschritte beim Konzernumbau (zuletzt der Teilverkauf des Funkturmgeschäfts) sprechen für eine weiterhin stabile Entwicklung. Kurstechnisch hat die Aktie mit ihrem Anstieg über die Zone um 20 Euro wieder ein Kaufsignal gegeben. Mittelfristig liegen die nächsten Ziele um 24 Euro. Seit der großen Bodenbildung in den Jahren 2008 bis 2013 wäre das dann sogar eine Verdreifachung, die Dividenden nicht mitgerechnet. So gesehen erfüllt die Deutsche Telekom seit dieser großen Wende sogar die Rolle einer Volksaktie.
Fazit für den Dax: Mit Notierungen um 15.400 Punkten verteidigt der Dax unverdrossen die Gewinne, die er in den vergangenen Monaten erzielt hat. Von einer Korrektur oder sogar einem neuen Rückschlag ist hierzulande nichts zu spüren. Diese Stärke des Dax ist umso bemerkenswerter, da in den USA nicht nur der Technologieindex Nasdaq ein Viertel unter seinem Allzeithoch notiert, sondern seit kurzem auch der Dow Jones Schwächesignale zeigt.
Der Grund dieser Auseinanderentwicklung dürfte vor allem in der Geldpolitik liegen. Zwar hat sich die EZB mittlerweile deutlicher als erwartet zur Inflationsbekämpfung bekannt, der Abbau der Notenbankbilanz und die Reduktion der Geldmengen vollziehen sich in den USA aber wesentlich konsequenter. Und daran dürfte sich angesichts der politischen Rücksichtnahme auf schwächere Länder in Europa vorerst nichts ändern.
Ob der Dax weitere Rückschläge, die nun vor allem im Dow Jones und im S&P 500 möglicher sind, noch so gut wegstecken kann, ist offen. Zwar dreht die 200-Tagelinie seit Februar dynamisch nach oben – ein Signal für ein mittel- bis langfristig starkes Marktmomentum. Dennoch verläuft dieser Durchschnitt derzeit erst bei 13.755 Punkten, der Markt ist also derzeit deutlich überhitzt.
Der Dax muss deshalb nicht zwangsläufig gleich abstürzen. Dennoch ist es für Aufwärtsbewegungen typisch, dass es alle zwei bis drei Monate zu einer Annäherung des aktuellen Kursverlaufs an den 200er-Durchschnitt kommt. Im vergangenen Jahr etwa war das (im Abwärtstrend spiegelbildlich von unten) inklusive Schnittpunkt fünfmal der Fall. Die letzte Annäherung zwischen Dax und 200er-Linie fand im Dezember und Januar statt. So gesehen könnte es im März durchaus wieder soweit sein.
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