WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Riedls Dax-Radar
Mit Aktien auf der Flucht vor Inflationsgefahren. Quelle: Getty Images

Mit Aktien auf der Flucht vor Inflationsgefahren

Die Inflation ist da und der Dax notiert am Allzeithoch. Industrieaktien wie Continental sind immer noch günstig, Chiphersteller Infineon steht mitten im Boom – und sogar SAP ist nach den letztjährigen Enttäuschungen wieder im Kommen. 

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Mit einer Jahresrate von 5,0 Prozent hat die Inflation im Mai in den USA einen neuen Höchststand erreicht. Die lebhafte Nachfrage in der durch Konjunkturhilfen und Geldpolitik angefeuerten Wirtschaft, Engpässe bei Arbeitskräften, Rohstoffen und Schlüsselmaterialien treiben die Preise. In Europa sind die Inflationsraten zwar bisher erst halb so hoch wie in den USA; doch die Dynamik, mit der sie sich nun auch hier nach oben schrauben, ist so stark wie seit gut zehn Jahren nicht mehr. 

Ein Treibsatz dafür sind die Rohstoffmärkte. Öl der Sorte Brent kostet mittlerweile mehr als 70 Dollar je Fass. Das ist doppelt soviel wie vor einem Jahr. Bei Erdgas und Ethanol sind die Aufschläge ähnlich. Kupfer, das wichtigste Industriemetall, hat sich seit Anfang Mai bei Preisen um 10.000 Dollar je Tonne festgefahren. Nach einer Wende nach unten sehen die kurzfristigen Korrekturen aber nicht aus. Der Bedarf an Kupfer für den Ausbau von Infrastruktur, neue Energien und Elektromobilität dürfte das rote Metall bald deutlich über den bisherigen Höchstpreis befördern. Wie schnell es nach einer kurzen Verschnaufpause wieder nach oben gehen kann, zeigt die Preiskurve von Eisenerz, die kurz vor einem neuen, langfristigen Hoch steht. 

Dass in diesem Umfeld auch die Notierungen für Silber und Gold wieder ins Laufen kommen, verwundert nicht. Eher ist bemerkenswert, dass beide Edelmetalle angesichts des hohen Inflationsdrucks und – im Fall Silbers – der steigenden industriellen Nachfrage die Preise nicht schon jetzt deutlich höher stehen. 

Trotz Inflation bleiben die Notenbanken expansiv – bis auf weiteres jedenfalls 

Anzeichen dafür, dass sich an der bisher großzügigen Geldpolitik der Notenbanken etwas ändert, gibt es bei der EZB derzeit überhaupt nicht. Präsidentin Christine Lagarde erwartet in den nächsten Monaten zwar eine Beschleunigung der Konjunktur, die aktuelle Inflationsdynamik aber hält sie für vorübergehend. Für 2021 liegen die Inflationserwartungen bei 1,9 Prozent, für 2022 bei 1,5 Prozent – bei jährlichen Wachstumsraten der Wirtschaft von 4,6 bis 4,7 Prozent. 

Die amerikanische Fed ist einen Schritt weiter. Hier wird immerhin über ein mögliches Ende der Anleihekaufprogramme diskutiert, ohne an den Zinsen selbst zu drehen. Mittel- bis langfristig deutet sich zumindest langsam ein möglicher Ausstieg aus der extrem expansiven Geldpolitik an. Da allerdings auch die Fed die aktuelle Inflationsdynamik als vorübergehend einstuft, dürften die Korrekturen am bisherigen Notenbankkurs nur marginal ausfallen. 

An den Anleihemärkten haben die jüngsten Inflationsdaten zu keinem weiteren Renditeanstieg geführt – im Gegenteil: Die Rendite für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen, die wichtigste Kurve der weltweiten Bondmärkte, hat sich binnen einer Woche von 1,63 Prozent auf 1,43 Prozent verringert. Damit ist die Rendite sogar unter die bisherigen Tiefpunkte seit März gerutscht. Ähnlich ist die Entwicklung bei Bundesanleihen, der zentralen Marktzinskurve in Europa. Hier haben sich die Renditen seit Mitte Mai von minus 0,11 auf minus 0,27 Prozent abgebaut. 

Für die Börsen stecken im Renditeverlauf der Marktzinsen vor allem zwei Botschaften: Erstens haben die Anleihemärkte schon frühzeitig, vor allem mit dem Renditeschub im Februar und März dieses Jahres, die nun auch in der Wirtschaft angekommene Inflationstendenz vorweggenommen. Zweitens, wenn die Anleihemärkte weiter so treffsicher funktionieren, deutet die jüngste Entspannung bei den Marktzinsen auf ein Abflauen der Inflationsraten im späteren Jahresverlauf. So gesehen wäre die Entwicklung an den Anleihemärkten sogar eine Bestätigung für die geldpolitische Linie der Notenbanken. 

Technologieaktien nehmen langsam wieder Fahrt auf 

Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq. Sie reagiert besonders empfindlich auf die Zinstendenz, weil viele Technologieunternehmen auf teure Finanzierungen angewiesen sind. Kapitalstarke Protagonisten wie Apple und Microsoft werden dann in Sippenhaft genommen. Im Zuge der jüngsten Zinsentspannung konnten sich die Notierungen an der Nasdaq wieder erholen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn der Nasdaq-100-Index in den nächsten Wochen sogar das bisherige Hoch um 14.000 Punkten hinter sich lässt. 

Aufwind für Dax-Technologieaktien

Auch im Dax gewinnen die Technologieaktien wieder an Stärke. SAP ist dabei, die Gewinnenttäuschungen des vergangenen Jahres zu verarbeiten. SAP profitiert jetzt davon, dass das Unternehmen unter Corona in die Defensive geraten ist – und nun im Gegenzug mit der Überwindung der Krise als Erholungskandidat gilt. Im laufenden Jahr stehen weiterhin teure Investitionen in das Cloudgeschäft an. Zuletzt hat sich SAP durch die Übernahme des Potsdamer Unternehmenssoftwarespezialisten Signavio verstärkt, der nun in den Konzern integriert wird. 

Die Erwartungen an 2021 sind mittlerweile so niedrig, dass Banken für SAP im Schnitt sogar mit einem Gewinnrückgang im hohen, einstelligen Bereich rechnen. Das macht die Aktie zwar fundamental teuer, dafür aber besteht ein positives Überraschungspotenzial. In einem positiven Marktumfeld dürfte das die Aktie wieder an das alte Top um 140 Euro bringen. 

Mitten im Boom steht Infineon. Die Münchener profitieren von mehreren großen Trends, von der Digitalisierung bis zur Elektromobilität. Aktuell sind die Auftragsbücher voll, die Produktion läuft auf vollen Touren; bei neuen Entwicklungen in der Halbleiterbranche, etwa besonders großen und dünnwandigen Siliziumscheiben, ist Infineon führend. 

Auch wenn Infineon nach zuletzt guten Quartalszahlen die Prognose für das laufende Geschäftsjahr erhöht und mit einem Anstieg des Umsatz von 8,6 Milliarden auf rund elf Milliarden Euro rechnet, bekommt das Unternehmen die aktuellen Lieferengpässe der Branche zu spüren. Im späteren Jahresverlauf rechnet Infineon hier aber mit einer Entspannung. 

Mitte Mai hatte die Aktie bei 30 Euro zweimal kurz hintereinander auf der 200-Tagelinie nach oben gedreht. Das ist ein klassisches Signal für eine Bestätigung des laufenden Aufwärtstrends. Bis in den Sommer hinein könnte Infineon die jüngsten Höchstkurse um 37 Euro wieder erreichen. Langfristig ist Infineon im Vergleich zu seinen großen internationalen Konkurrenten nach wie vor nicht zu teuer. 

Zur Aufholjagd angesetzt hat mittlerweile Continental. Im vergangenen Jahr war das Unternehmen im Zuge der Coronakrise schwer unter Druck gekommen. Nun haben sich die Zahlen stabilisiert. Dabei bringt vor allem das zentrale Reifengeschäft mehr als die Hälfte der Conti-Gewinne ein. Bei Elektroautos haben sich die Niedersachsen als führender Ausstatter etabliert. Sie rüsten Tesla-Modelle genauso aus wie den neuen ID.3 von Volkswagen.

Nachholbedarf haben die technischen Sparten, vor allem das Geschäft mit Antriebstechnik, das nun ausgegliedert wird und im Herbst an die Börse soll. In den vergangenen Monaten haben die operativen Renditen den Dreh in die Gewinnzone geschafft. Die Ausrichtung auf Antriebstechnik für Elektrofahrzeuge ist vielversprechend, vermehrt kommen hier wichtige Aufträge herein. 

Noch ist die Bewertung von Continental viel günstiger als die der Konkurrenten Denso, Bridgestone oder Michelin. Wenn die Renditen von Conti im Technikgeschäft und vor allem in der Antriebssparte nachhaltig anziehen, sollte der Bewertungsabschlag aufgearbeitet sein. Conti-Aktien dürften dann wieder über 200 Euro stehen – Kurse, die sie in den guten Jahren 2015 bis 2018 schon einmal erreicht hatten. 

Fazit für den Dax: Die konjunkturelle Erholung gewinnt an Fahrt, der Gegenwind steigender Zinsen könnte in den nächsten Wochen weiter nachlassen, von den Notenbanken sollten allenfalls minimale Korrekturen am expansiven Kurs zu erwarten sein. Der Dax hat sich bisher oberhalb seiner jüngsten Hochspitzen um 15.500 Punkte halten können. Für die nächsten Wochen wäre das eine Basis, den Anlauf in Richtung 16.000 zu starten. 

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


 Was heute wichtig ist, lesen Sie hier


Die jüngsten Inflationszahlen sind dabei kein Hindernis, im Gegenteil. Wer sehen will, wie Aktienmärkte im Fall schwacher Währungen und hoher Teuerung laufen, sollte einen Blick auf den argentinischen Börsenindex Merval werfen. Der hat sich seit dem Coronatief mehr als verdreifacht. Allein seit Mai hat er im Zuge steigender Inflationsraten schon wieder 30 Prozent zugelegt. 

Hinweis: Der nächste Dax-Radar erscheint erst wieder Ende Juni 

Mehr zum Thema: Silber ist Industriemetall und Inflationsschutz, der Silberpreis startet durch. Bald könnte ein Run auf das Edelmetall einsetzen. Mit diesen drei Spekulationen profitieren Sie davon: von riskant bis knallhart.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%