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Riedls Dax-Radar
Delivery Hero, zum dem auch der Essenslieferant Foodora gehört, ist jetzt in den Börsenindex Dax aufgestiegen - und sorgt für frischen Wind an der Börse. Quelle: REUTERS

Neue Nahrung für den Aufstieg an der Börse

Immer mehr Anzeichen deuten auf einen Konjunkturanstieg, der über die reine Corona-Erholung hinausgeht. Mit Essenslieferant Delivery Hero wird der Branchenmix im Dax aufgefrischt – auch wenn der Newcomer die Standfestigkeit seines Geschäftsmodells erst noch beweisen muss.

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Eine der wichtigsten Entwicklungen, die sich für Börsianer derzeit an den weltweiten Märkten abspielt, ist der massive Anstieg des Kupferpreises. Kupfer ist ein Schlüsselmetall: Da es sowohl für klassische Technik (Wicklungen, Leitungen, Schaltungen) als auch für neue Technologien (Elektromobile, Ladeinfrastruktur, 5G-Kommunikation) gebraucht wird, reagiert sein Preis sensibel auf allgemeine Konjunkturschwankungen und auf neue, große Trends.

Im scharfen Preisrückgang von Anfang 2018 bis Frühjahr 2020 spiegelt sich besonders der Niedergang der Automobilindustrie und deren Zulieferer wider. Der Coronacrash, der auch den Kupferpreis erwischte und diesen noch einmal bis in die Tiefenregion von 2015/16 um 4500 Dollar je Tonne drückte, war insofern der Ausverkauf nach einer langen Abwärtsbewegung; eine Marktbereinigung, nach der ein neuer Trend entstehen kann.

Nun ist Kupfer in einer hochdynamischen Bewegung in den vergangenen Wochen bis auf 6500 Dollar gestiegen. Damit signalisiert das rote Metall nicht nur die Stärke der allgemeinen Konjunkturerholung, sondern vor allem auch die Dynamik neuer Trends, derzeit vor allem die Elektromobilität und damit verbunden den Ausbau erneuerbarer Energien.

Wenn Trends am Kupfermarkt einmal begonnen haben, laufen sie in der Regel über mehrere Jahre. Die Entwicklung am Kupfermarkt spricht also dafür, dass die allgemeine Konjunktur nach dem Coronatief womöglich sogar in einen längeren Aufschwung übergehen kann und dabei besonders vom Wachstum neuer Technologien angeschoben wird.

Kein Wunder, dass derzeit Technologieaktien weltweit ganz vorne rangieren und mit ihnen deren wichtigste Kurve, der amerikanische Nasdaq-100-Index. Der Nasdaq läuft, nachdem er das alte Hoch vor Corona bei 9600 Punkten übertroffen hat, seit mehreren Monaten in einer stabilen, keineswegs hektischen Aufwärtsbewegung. Diese Aufwärtsbewegung wird immer wieder unterbrochen von vorübergehenden Korrekturen. Das ist gut für den großen Trend, weil damit eine Marktüberhitzung vermieden wird.

Getragen wird der Anstieg des Nasdaq-Index vom geschäftlichen Erfolg und dem Aktienanstieg seiner großen Protagonisten Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet und Facebook; dazu kommen im Zuge der E-Mobilität Newcomer wie Tesla und Nvidia. Für Anleger, die in diesem Markt investiert sind, gibt es derzeit keinen Grund, auszusteigen. Mehr als vorübergehende Korrekturen sind an der Nasdaq vorerst nicht in Sicht.

Dass der Dax mit seinen wenigen Technologiewerten da nicht mitkommt, verwundert nicht. SAP als der deutsche Technologiewert schlechthin kann noch am ehesten mithalten. Als die Aktie im Coronacrash unter die Marke von 100 Euro rutschte, war dies eine klassische Kaufgelegenheit. Derzeit verarbeitet der Kurs den starken Anstieg, der sich bis Juli abspielte. Sollte SAP kurzfristig etwas abtauchen, womöglich in die Zone 120 bis 130 Euro, dürften die Käufer schnell wieder kommen. Selbst in der Coronakrise hat sich das operative Geschäft von SAP stärker als erwartet entwickelt - wozu auch neue Aktivitäten wie die Corona-Warn-App beitragen, hinter der SAP und die Deutsche Telekom stehen.

Überflieger SAP reicht nicht aus, den Dax auf neue Höhen zu ziehen. Immerhin haben sich von den klassischen Konjunkturwerten nun auch Daimler oder BMW stabilisiert. Bei Continental zeichnet sich dank seines Reifengeschäfts, mit dem die Hannoveraner selbst in Coronazeiten operative Gewinne erzielt haben, zwischen 80 und 90 Euro die Basis für eine weitere Kurserholung ab.

Sogar Kunststoff-Chemiker Covestro ist wieder im kommen. Die Aktie litt monatelang unter schwierigen Chemiegeschäften, zuletzt kam die Angst dazu, aus dem Dax zu fliegen. Nun spricht das Management davon, dass sich das Geschäft im aktuellen Quartal belebt habe. Der jüngste Anstieg der Aktie über die letztjährigen Tiefpunkte bei 38 Euro ist ein positives Signal, er könnte die Wende nach fast drei Jahren Abwärtsbewegung einleiten.

Neu in den Dax kommt Delivery Hero. Für den Aktienmarkt ist es durchaus ein Vorteil, wenn in ihm Newcomer mit frischen Geschäftsmodellen vertreten sind und nicht nur gestandene Unternehmen, die seit vielen Jahrzehnten am Markt sind – und von denen sich ja immer mehr verabschiedet haben, wie Commerzbank, ThyssenKrupp oder Lufthansa.

Die Standfestigkeit seines Geschäftsmodells muss Delivery Hero aber erst noch unter Beweis stellen. Dass das Unternehmen noch keine echten Gewinne macht, wird ihm an der Börse derzeit verziehen, da alte Bewertungsmuster wie KGVs immer weniger gelten. Im Hinterkopf dürften manche Anleger dabei Erfolgsgeschichten von Unternehmen wie Amazon haben, das als Online-Buchshop mit roten Zahlen und negativem Eigenkapital begann und heute allein mehr wert ist als der ganze Dax.

Der Aufstieg von Delivery Hero in den Dax und ein Börsenwert von fast 20 Milliarden Euro (mehr als Continental oder die Deutsche Bank) ist ein enormer Vorschuss. Jeder Euro Jahresumsatz wird dabei mit dem 15-fachen bewertet. Zuletzt gab es solche Relationen für Newcomer hierzulande zur Jahrtausendwende. Mangels echter Gewinne bei vielen Unternehmen wurde es damals zum ersten Mal unmodern, Aktien nach dem KGV zu bewerten, dem Vielfachen des Kurses im Vergleich zum möglichst echten Nettogewinn.

Die Dynamik, mit der sich Delivery in den vergangenen Monaten hoch gearbeitet hat, kann durchaus noch etwas anhalten. Allerdings gibt es neben der überzogenen klassischen Bewertung noch andere Warnsignale: Die gesamte Kursentwicklung von 2018 bis 2020 vollzog sich in zwei großen Schüben, unterbrochen vom Coronacrash. Sie ist damit eine komplette, wahrscheinlich abgeschlossene Kursbewegung der eine längere Konsolidierung oder sogar Korrektur folgen kann. Zweitens hat Delivery besonders von der Coronakrise profitiert. Je mehr diese Krise abklingt, desto eher wird dieser Sondereffekt verfliegen. Und drittens wäre Delivery Hero nicht der erste Neuling, der nach einer beeindruckenden Rally in den Dax aufsteigt und sich dann dort nur noch verhalten entwickelt.

Fazit für den Gesamtmarkt: Die Konjunkturerholung nach Corona kommt voran, selbst gedrückte Unternehmen aus den Branchen Fahrzeugen oder Chemie schöpfen wieder Hoffnung. Die großen Technologietrends sind robust, wichtige Indikatoren wie der Kupferpreis geben positive Signale. Der Dax hat sich in der Konsolidierung der vergangenen drei Monate deutlich über der 12.000er-Marke gehalten; die Tiefspitzen sind sogar steigend, das zeigt eine Übergewicht der Käuferseite. Die 200-Tage-Linie bei 12.200 Punkten ist überwunden, die schnellere 100-Tage-Linie steigt seit August dynamisch an und dürfte in wenigen Wochen die trägere 200er-Linie von unten nach oben schneiden – ein klassisches Kaufsignal.


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Noch hat die gute Verfassung des Index selbst nicht den breiten Markt erfasst. Dennoch sprechen derzeit mehr Argumente für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends als für seinen Abbruch. Konkret heißt das: Ein deutlicher Anstieg über das Juli-Hoch um 13.100 Punkte (und damit ein mittelfristiges Kaufsignal) ist in den nächsten Wochen wahrscheinlicher als ein Rutsch unter 12.200 Punkte, der wiederum ein Verkaufssignal wäre.

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