Riedls Dax-Radar
Quelle: dpa

Panik an den Aktienmärkten

Krieg, horrende Inflation und plötzlich neue Konjunkturrisiken drücken den Dax immer tiefer. Womöglich steht nun sogar der Ausverkauf an den Weltbörsen bevor.

  • Teilen per:
  • Teilen per:

Auf den größten Inflationsanstieg, den die westlichen Industrieländer seit einem halben Jahrhundert erleben, wird die amerikanische Notenbank wahrscheinlich erst einmal mit dem kleinstmöglichen Zinsschritt reagieren. Nach den bisherigen Andeutungen von Fed-Chef Jerome Powell dürften die US-Leitzinsen bei der nächsten Sitzung der Notenbank Mitte des Monats um 0,25 Prozentpunkte angehoben werden. Warum es nicht mehr werden, begründet Powell mit den neuen Risiken für die Konjunktur, die durch den Ukrainekrieg entstanden sind.

Und diese Risiken sind enorm. Zuallererst die Inflation. Sie hat sich schon in den vergangenen Wochen als ausgesprochen hartnäckig erwiesen. Nun ziehen die Preise für die wichtigsten Grundprodukte wegen des Krieges und der Sanktionen noch viel stärker an als befürchtet. Rohöl ist zum ersten Mal seit 2014 wieder deutlich teurer als 100 Dollar je Fass. Die jüngste Dynamik lässt befürchten, dass nun die nächsten Preisspitzen angelaufen werden. Sie lagen 2012 bei knapp 130 Dollar in der Sorte Brent und 2008 bei fast 150 Dollar. Öl ist zentraler Energieträger, an dem sich auch die anderen Energiepreise orientieren. Zudem sind Öl und Ölderivate essenzielle Grundstoffe für die chemische Industrie – mit enormen Folgeeffekten für andere Branchen.

Neu hinzugekommen als Inflationstreiber sind seit einigen Wochen Nahrungsmittel. Die Preise für Weizen sind seit Ende Februar um 50 Prozent gestiegen. Mais ist in zwei Wochen um 20 Prozent hoch, Sojabohnen haben seit Herbst um 50 Prozent zugelegt. Und dabei steigen nicht nur die Preise, immer mehr Produkte sind schlichtweg nicht mehr zu haben. Derzeit etwa Sonnenblumenöl – hier ist die Ukraine das weltweite Hauptanbaugebiet.

Lesen Sie auch: Diese vier Grafiken zeigen die Angst an den Börsen

Dritte Kategorie der Inflationstreiber sind Metalle. Der Preis für eine Tonne Aluminium ist binnen eines Jahres von 1400 auf 3700 Dollar gestiegen. Beim Kupfer hält sich der jüngste Preisanstieg in Grenzen. Dennoch liegen die Notierungen mit über 10.000 Dollar je Tonne auf historischem Rekordniveau. 

Dass der Kupferpreis zuletzt nicht ganz so stark wie etwa Aluminium gestiegen ist, weist auf das nächste Risiko: die abkippende Konjunktur. Weil Kupfer in so vielen Industriezweigen gebraucht und verarbeitet wird, gilt das Metall als zuverlässiger Indikator für die allgemeine wirtschaftliche Stärke. In der aktuellen Kupferpreisentwicklung spiegeln sich also zwei Kräfte wider: Die Inflation zieht nach oben, die abkippende Konjunktur nach unten. 

Auch wenn auf den Wertpapiermärkten die Sorge vor der Inflation schon seit Monaten ausgeprägter war als es in den Statements der Notenbanken zum Ausdruck kam – mit der aktuell heftigen Dynamik haben selbst Skeptiker nicht gerechnet.

Wenn die amerikanische Notenbank nun mit Verweis auf die konjunkturellen Risiken, die durch Krieg und Sanktionen neu entstehen, ihre Zinswende abschwächt, mag das für die Aktienmärkte auf den ersten Blick eine Erleichterung darstellen. Die jüngsten Kursverluste fielen denn auch an den Technologiebörsen, die als besonders zinssensitiv gelten, vergleichsweise moderat aus. Doch ob die Inflationsgefahren mit einer so sanften Geldpolitik überhaupt noch wirksam bekämpft werden, wird immer fraglicher. 

Deutsche Aktien verlieren doppelt so stark wie US-Aktien

Bei europäischen Aktien macht sich neben den Risiken Inflation, Zinswende und abkippende Konjunktur die geopolitische Nähe zum Kriegsgebiet deutlich bemerkbar. Das beginnt bei plötzlichen Lieferausfällen, wenn etwa bei Volkswagen, BMW oder Mercedes nicht mehr produziert werden kann, weil Kabelbäume, die bisher von Leoni in der Ukraine hergestellt wurden, nicht mehr geliefert werden. Und es reicht hin bis zu den existenziellen Risiken, die durch einen Krieg entstehen, der in einem Land stattfindet, das an die Nato-Mitgliedsstaaten Polen, Rumänien, Slowakei und Ungarn grenzt.

Während der amerikanische Aktienindex Dow Jones seit Jahresanfang neun Prozent verloren hat, sind die Verluste im Dax doppelt so groß. Die Märkte preisen damit die besonderen Risiken ein, die hierzulande bestehen. Und davon werden immer mehr Einzelwerte betroffen. Die Energieunternehmen RWE und E.On, bis vor kurzem noch unbeeindruckt von der aktuellen Krise, geraten nun ebenfalls unter Druck, weil sie womöglich die Turbulenzen am Gasmarkt nicht mehr abfedern können. Bei BASF bricht der bislang robuste Anstieg in Richtung 70 Euro ab, weil die Ludwigshafener über die Rohstoffpreise und ihren Ableger Wintershall direkt vom Krieg betroffen sind. HeidelbergCement hat drei Werke, mehrere Terminals und Büros in Russland, deren Zukunft plötzlich ungewiss ist. Die finanziellen Belastungen, die daraus drohen, können deutlich über den reinen Umsatzanteil dieser Geschäfte hinausgehen – wenn etwa durch längere Ausfälle in diesen Werken Abschreibungen fällig werden. Einstmals wichtige Kooperationen, die etwa Mercedes mit russischen Lastwagenherstellern hatte, werden von einem Tag auf den anderen gekappt.

Da die militärische und politische Entwicklung des Kriegs nicht absehbar ist, sind es die finanziellen Folgen, die für die deutschen Unternehmen daraus entstehen, ebenfalls nicht. Sicher ist allerdings jetzt schon, dass sie enorm sein werden und dass sie bisher in dieser Weise weder von den Unternehmen noch von den Bankanalysten auf der Prognoserechnung waren. Das bedeutet: Selbst wenn die Stimmung unter Anlegern derzeit schon ausgesprochen negativ ist, sieht es noch nicht danach aus, als ob diese Risiken an den Märkten schon verarbeitet wären. 

Lesen Sie hier alle aktuellen News-Entwicklungen im Ukraine-Konflikt

Diese Unternehmen wenden sich von Russland ab
LindeAngesichts der Sanktionen gegen Russland stehen beim Gasekonzern Linde Anlagenbau-Projekte im Volumen von bis zu zwei Milliarden Dollar zur Disposition. Per Ende März habe Linde Verträge in dieser Höhe, etwa für Anlagen zur Gasverflüssigung, in Russland in den Büchern gehabt, teilte der amerikanisch-deutsche Konzern am 28. April bei Vorlage der Quartalszahlen mit. Von Sanktionen nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine seien im ersten Quartal bereits Projekte im Volumen von rund 350 Millionen Dollar betroffen gewesen oder seien voraussichtlich betroffen. Linde hatte das Neugeschäft in Russland gestoppt und ist dabei, die Aktivitäten dort nach und nach zurückzufahren: Bestimmte Kunden würden nicht mehr beliefert, zumindest von einem Teil der Anlagen wolle man sich trennen. Für das zweite Halbjahr hat Linde keine Umsätze aus Russland mehr in seinen Planungen berücksichtigt. Quelle: dpa
BASFDer Chemiekonzern BASF stoppt wegen des Krieges in der Ukraine seine Aktivitäten in Russland und Belarus. Eine Ausnahme sei das Geschäft zur Unterstützung der Nahrungsmittelproduktion, teilte der Ludwigshafener Konzern am 27. April mit. Seit März schließt BASF bereits keine neuen Geschäfte mehr in den Ländern ab. Wegen der jüngsten Entwicklungen in dem Krieg und den von der EU verhängten Sanktionen gegen Russland habe der Konzern nun entschieden, auch die bestehenden Aktivitäten in Russland und Belarus bis Anfang Juli einzustellen. Derzeit hat BASF 684 Beschäftigte in den beiden Ländern, diese sollen bis zum Jahresende weiter unterstützt werden. Die Geschäfte in Russland und Belarus machten im vergangenen Jahr rund ein Prozent des Konzernumsatzes aus, in der Ukraine waren es 0,2 Prozent.Mehr dazu lesen Sie hier: BASF stoppt Neugeschäft in Russland. Quelle: dpa
SAPDer Softwarekonzern gab am 19. April bekannt, den russischen Markt endgültig zu verlassen. Das Unternehmen kündigte zwei weitere Schritte „für den geordneten Ausstieg aus unserem Geschäft in Russland“ an. Hinsichtlich seiner Cloud-Dienste hatte SAP nicht von Sanktionen betroffene Unternehmen bereits vor die Wahl gestellt, Daten löschen zu lassen, diese in Eigenregie zu übernehmen oder sie in ein Rechenzentrum außerhalb von Russland zu überführen. SAP kündigte nun an, die Verträge russischer Firmen, die sich für eine Migration der Daten ins Ausland entschieden hätten, nach Ablauf der Abonnementlaufzeit nicht zu verlängern. Zudem beabsichtige SAP, den Support und die Wartung für Produkte, die auf lokalen Servern in Russland installiert sind (On-Premise), einzustellen. „Wir prüfen derzeit verschiedene Optionen, wie sich diese Entscheidung umsetzen lässt“, teilte das Unternehmen mit. Das Hauptaugenmerk liege darauf, den rechtlichen Verpflichtungen gegenüber nicht-sanktionierten Kunden weiter nachzukommen. Bereits Anfang März hatte SAP erklärt, sich den Sanktionen anzuschließen und das Neugeschäft in Russland wie auch Belarus einzustellen. Das beinhaltete allerdings nicht Dienstleistungen gegenüber Bestandskunden wie Wartungen oder Cloud-Dienste, die zunächst weiter angeboten wurden. Medienberichten zufolge soll diese Entscheidung intern von Mitarbeitern kritisiert worden sein. Mehr dazu lesen Sie hier. SAP macht nicht öffentlich, wie groß das Geschäft in Russland ist. Aus dem Integrierten Bericht 2019 – den letzten verfügbaren Daten – geht hervor, dass die russische Tochtergesellschaft unkonsolidiert im Jahr knapp 483 Millionen Euro umsetzte. Quelle: imago images/photothek
HenkelDer Konsumgüterkonzern gibt sein Russland-Geschäft nun doch auf. Das Unternehmen hinter Marken wie Persil, Schwarzkopf und Fa kündigte am 19. April an, es habe angesichts der aktuellen Entwicklung des Ukraine-Krieges beschlossen, seine Aktivitäten in dem Land einzustellen. „Der Umsetzungsprozess wird nun vorbereitet.“ Henkel werde mit seinen Teams in Russland an den Details arbeiten, um einen geordneten Ablauf zu gewährleisten, hieß es. Währenddessen würden die 2500 Beschäftigten von Henkel in Russland weiterbeschäftigt und -bezahlt. Die mit der Entscheidung verbundenen finanziellen Auswirkungen des geplanten Ausstiegs für Henkel könnten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht näher quantifiziert werden. Henkel hatte mit dem Schritt lange gezögert. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine Ende Februar hatte der Konzern zwar entschieden, alle geplanten Investitionen in Russland zu stoppen sowie Werbung und Sponsoring einzustellen. Die dortige Produktion sollte jedoch weiterlaufen. Dafür gab es auf der Hauptversammlung Anfang April Kritik von Aktionären, die etwa einen Reputationsschaden für Henkel fürchteten. Quelle: REUTERS
Dr. OetkerAuch der Nahrungsmittelhersteller Dr. Oetker zieht sich wegen des Ukraine-Krieges komplett aus Russland zurück. Das Familienunternehmen teilte am 8. April mit, dass es alle Anteile an seiner Russlandtochter an die bisherigen russischen Geschäftsführer verkaufe und damit sämtliche Aktivitäten in dem Land beende. Das Unternehmen hatte bereits direkt nach dem russischen Überfall auf die Ukraine alle Exporte nach Russland, alle Investitionen in die russische Schwestergesellschaft sowie sämtliche nationalen Marketingaktivitäten gestoppt. Das von Dr. Oetker in der Stadt Belgorod betriebene Nährmittelwerk produzierte seitdem nach Unternehmensangaben nur noch Grundnahrungsmittel wie Hefe und Backpulver für die russische Bevölkerung. Quelle: imago images
IntelDer Chip-Hersteller Intel stellt ab dem 6.April alle Geschäfte in Russland ein. Es seien Vorkehrungen getroffen worden, dass das weltweite Geschäft dadurch so gering wie möglich beeinträchtigt werde, teilt der Chip-Hersteller mit. Quelle: dpa
DecathlonDer französische Sportausrüster Decathlon stellt sein Geschäft in Russland ein. Das teilte das Unternehmen am 29. März mit. Die Lieferbedingungen unter strikter Beachtung der internationalen Sanktionen ließen eine Fortsetzung der Aktivitäten nicht mehr zu, teilt der Konzern mit. Decathlon ist im Besitz der französischen Unternehmerfamilie Mulliez, der unter anderem auch die Supermarktkette Auchan gehört. Zuletzt war der Druck auf die Familie gewachsen, ihre Geschäfte in Russland einzustellen. Auchan erklärte jedoch kürzlich, dort präsent zu bleiben. Andernfalls würden ein Verlust von Vermögenswerten und juristische Probleme für Auchan-Manager befürchtet. Auchan hat rund 30.000 Angestellte in Russland, Decathlon etwa 2500. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte heimische Konzerne vor Reputationsschäden gewarnt, wenn sie in Russland bleiben. Quelle: imago images

Als vor zwei Jahren das Virus nach Europa kam und die Wirtschaft danach in einer Schockstarre eingefroren wurde, verlor der Dax 40 Prozent in vier Wochen. Aktuell gibt es drei zentrale Risiken – Inflation, Krieg, abkippende Konjunktur. Ob der Deutsche Aktienindex das mit 18 Prozent Kursrückgang seit Jahresanfang schon verarbeitet hat, dürfte fraglich sein. 

Fazit: Bisher galt der Kursbereich zwischen 13.600 und 14.000 Punkten als mögliche Auffangzone für den Dax. Doch nun sieht es ganz so aus, als ob der zweite Tiefentest, der aktuell läuft, noch tiefer geht. 

Die Schwäche des Marktes zeigt sich in seinen Einzelwerten. Bei 35 der 40 Dax-Aktien verlaufen die aktuellen Notierungen unterhalb ihrer jeweiligen 200-Tagelinie. Das sind 88 Prozent. Schon das markiert eine hochdynamische und hartnäckige Baisse. Noch knapp halten sich hier die Deutsche Börse (sie profitiert vom lebhaften Wertpapierhandel), die Energieaktien E.On und RWE (an denen angesichts der Energiekrise kein Weg vorbei führt) und MTU Aero Engines, die auch einen wichtigen Anteil Rüstungsgeschäft haben. Dazu kommt der Spezialfall Bayer, bei dem die Hoffnung besteht, dass die Monsanto-Belastungen in diesem Jahr endgültig absehbar sein könnten.

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders

Geldanlage Das Russland-Risiko: Diese deutschen Aktien leiden besonders unter dem Ukraine-Krieg

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine belastet die Börsen. Welche deutschen Aktien besonders betroffen sind, zeigt unsere Analyse.

Krisenversicherung Warum Anleger spätestens jetzt Gold kaufen sollten

Der Krieg in der Ukraine und die Abkopplung Russlands von der Weltwirtschaft sind extreme Inflationsbeschleuniger. Mit Gold wollen Anleger sich davor schützen – und einer neuerlichen Euro-Krise entgehen.

Flüssigerdgas Diese LNG-Aktien bieten die besten Rendite-Chancen

Mit verflüssigtem Erdgas aus den USA und Katar will die Bundesregierung die Abhängigkeit von Gaslieferungen aus Russland mindern. Über Nacht wird das nicht klappen. Doch LNG-Aktien bieten nun gute Chancen.

 Was heute noch wichtig ist, lesen Sie hier

Wenn der Dax nicht schnell wieder das wichtige Niveau um 13.600 bis 13.800 Punkten zurückerobert (hier lagen die Kursspitzen 2017 bis 2020), droht er in die nächste große Schiebezone abzutauchen. Das wäre nach unten zunächst ein Bereich bis auf rund 11.300 Punkte. Es gibt kein Naturgesetz, das den Dax soweit sinken lassen muss. Dennoch deuten sowohl die fundamentalen Risiken wie auch die kurstechnisch kritische Verfassung des Aktienmarkts darauf hin, dass die Bereinigung noch nicht ausgestanden ist.

Das Angstbarometer V-Dax hat mittlerweile das Niveau um 40 erreicht. In Amerika ist der Fear-and-Greed-Index zuletzt bis auf 22 abgesunken. Beides signalisiert beginnende Panik. So gesehen wäre es nicht überraschend, wenn die weltweiten Aktienmärkte in den nächsten ein bis zwei Wochen ihren panischen Tiefpunkt erreichen würden – um dann im Frühjahr in einer dynamischen Reaktion wieder kräftig nach oben zu reagieren.

Mehr zum Thema: So haben sich Kriege und Krisen in der Geschichte auf die Börse ausgewirkt

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%