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Riedls Dax-Radar
Bulle vor der Frankfurter Börse: Seit Anfang Juni herrscht regelrechte Kaufpanik. Doch Vorsicht ist geboten. Quelle: dpa

Panik ist ein schlechter Börsenratgeber – auch beim Kauf

Die Aufwärtsdynamik im Dax wird von so großer Euphorie getragen, dass die Aktien noch im Juni an vergangene Topnotierungen heranreichen. Ab Juli könnte dann die Ernüchterung folgen – dank alter und neuer Probleme.

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Unter Führung von Autoaktien, Industriewerten und all den gefallenen Engeln des Coronacrash erreicht der Dax nicht nur mühelos die Durchschnittslinie der vergangenen 200 Tage. Ohne Zögern überspringt er bei 12.116 Punkten dieses wichtige Barometer der mittel- bis langfristigen Börsentendenz und gibt damit ein wichtiges, positives Signal. Bei einem aktuellen Stand von rund 12.700 Punkten fehlen ihm nur noch sieben Prozent bis zum Vor-Corona-Stand von 13.600.

In die Börsenhistorie wird Corona nicht nur als der schnellste Crash eingehen, bei dem der Dax in 18 Tagen (gemessen am Schlussstand) 38 Prozent verloren hat. Mindestens genauso bemerkenswert ist die Coronahausse, die dem Dax bisher 50 Prozent Plus in 57 Tagen gebracht hat. So, wie die Heftigkeit der Abwärtsbewegung selbst erfahrenste Anleger wie Börsenlegende Warren Buffett oder Fondsmanager Jens Ehrhardt überrascht hat, so entfaltete auch die nachfolgende Erholung eine außergewöhnliche, extreme Dynamik.

Drei Gründe für die Aufwärtsrally

Für den massiven Kursanstieg der vergangenen Wochen gibt es drei entscheidende Gründe:

Erstens haben Notenbanken und Staaten alle Hebel in Bewegung gesetzt, hierzulande zuletzt mit dem größten je verabschiedeten Konjunkturprogramm, um Wirtschaft und Märkte vor dem Absturz zu bewahren. Eine solche massive Schützenhilfe durch Notenbankliquidität und staatliche Hilfen hat es in der mehrhundertjährigen Geschichte der Börsen noch nie gegeben – nicht einmal im Ansatz.

Zweitens führten die faktischen Folgen der Pandemie zwar zu einem extremen Wirtschaftseinbruch – weshalb die Aktienkurse ja auch so schnell zusammengesunken sind. Doch weil es sich hierbei um ein exogenes Phänomen handelt, das Wirtschaft und Märkte von außen trifft, besteht durchaus die Möglichkeit, dass Corona nur ein tiefer Einschnitt bleibt, der schneller überwunden wird als befürchtet.

Drittens gibt es eine Reihe börsentechnischer Faktoren, die zu dem extremen Absturz geführt haben – und vice versa jetzt zu einer sehr schnellen Erholung:

  • massive Short-Spekulationen, die den Markt zunächst drückten, dann aber mit der Kurswende zu Eindeckungen, also umfangreichen Notkäufen führten;
  • Algorithmen, die beim Erreichen bestimmter Kursmarken auf Verkauf schalten, aber dann – wenn der Markt nach oben dreht – genauso schnell wieder auf Kauf switchen;
  • ein insgesamt in den vergangenen Wochen keineswegs sehr hohes Handelsvolumen, das bei vielen Einzelwerten zu extremen Kursausschlägen geführt hat – in beiden Richtungen;
  • eine Stimmungslage der Anleger, die seit Wochen stark durch emotionale Berichte und Bilder geprägt ist und weniger durch nüchterne Analysen: Seitdem die US-Märkte Mitte Mai nach einem klassischen Verkaufssignal aus dem Stand dann doch nach oben gedreht haben, folgte auf die Weltuntergangsstimmung eine regelrechte Kaufpanik.

Wer sich in den Paniktagen im März aus Angst vor noch tieferen Kursen von seinen Aktien getrennt hat, musste dafür meist bittere Verluste hinnehmen und danach den steigenden Kursen hinterherschauen. Was aber ist mit denen, die in der Kaufpanik seit Anfang Juni eingestiegen sind? Liegen die am Ende vielleicht auch so daneben wie die Panikverkäufer vom März?

Alte und neue Belastungsfaktoren dürften bremsen

Die nächsten Monate an den Weltbörsen werden nicht einfach. Es gibt eine ganze Reihe von Belastungsfaktoren, die von den Märkten verarbeitet werden müssen. Je weiter Corona als allesüberschattendes Thema an Bedeutung verliert, desto eher rücken andere Großprobleme wieder in den Vordergrund: die politische Rivalität zwischen China und den USA, die wacklige Verfassung der EU, die enorme Verschuldung vieler Staaten, die durch Corona in eine neue Dimension gestiegen ist.

Auch wenn die Hilfsmaßnahmen der Notenbanken und der Staaten ein gigantisches Ausmaß erreicht haben, bedeutet das noch lange nicht automatisch eine genauso massive Erholung der Wirtschaft. Die jüngsten Prognosen der führenden Institute bleiben weiter eher vorsichtig. Zudem entstehen sogar neue Risiken, vor allem von inflationärer Seite.

Die meisten Unternehmen, zumal im Dax, bleiben in ihren Erwartungen sehr vorsichtig. In den meisten Fällen rechnen sie ab Sommer mit einer langsamen Stabilisierung und von Herbst an dann mit einer echten Erholung des Geschäftsverlaufs.

Als nächstes, von Juli bis August, steht den Börsen erst einmal eine Berichtssaison bevor, in der die Folgen des Shutdowns in ihrer ganzen Dramatik offensichtlich werden. Schon die Zahlen zum ersten Quartal waren durchweg schlecht, obwohl hier nur wenige Wochen der Coronamaßnahmen einflossen. Dabei gab es schon hier nicht nur schwere operative Rückschläge, sondern zusätzlich Abschreibungen auf zuvor hoch bewertete Assets, Beteiligungen und Zukäufe.

Die Zahlen zum zweiten Quartal werden in vielen Fällen desaströs ausfallen. Ob die Börsen dann im Hochsommer, nachdem sie eine euphorische Erholungswelle hinter sich haben, das ohne größere Zuckungen wegstecken, ist fraglich.

Auf dem mittlerweile erreichten Niveau treffen die Kurse vermehrt auf neue Hindernisse. Dax und S&P 500 haben zwar ihre wichtigen 200-Tagelinien genommen, im Dow Jones sieht diese Entwicklung noch nicht so souverän aus. Nasdaq und TecDax haben den Coronacrash komplett ausgeglichen. Um aber am alten Hoch gleich bruchlos weiter zu steigen, sind neue, positive Argumente notwendig.

Fazit zum Dax: Bisher läuft die Erholung in zwei Phasen: Ende März bis Anfang Mai ging es von 8400 auf 11.000 Punkte nach oben. Das waren 30 Prozent Plus in sechs Wochen. Seit Mitte Mai läuft die zweite Phase. Sollte die ein ähnliches Ausmaß erreichen wie die erste, könnten noch im Juni die alten Höhen angelaufen werden. Doch je näher der Dax dem völligen Ausgleich des Coronacrash kommt, desto mehr werden neue Themen in den Blickwinkel der Anleger rücken. Und da stehen in den nächsten Monaten auf politischer Bühne, bei der fragilen Konjunktur und den Unternehmenszahlen ernsthafte Hindernisse bevor.

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