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Riedls Dax-Radar
Evergrande, US-Notenbank: Was Signale für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends des DAX wären. Quelle: Marcel Stahn

Poker um den Börsentrend

Schritt für Schritt stellen sich die Märkte auf das Ende der lockeren US-Geldpolitik ein. Im Überlebenskampf um den Immobilienkonzern Evergrande setzen Hedgefondsmanager wie Florian Homm auf einen verträglichen Ausgang. Beides wären Signale für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends an den Börsen. 

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Bei der Rücknahme ihrer expansiven Geldpolitik kommt die amerikanische Notenbank gut voran. Zwar führten Lieferengpässe und immer wieder aufkommende Coronawellen dazu, so die Fed in ihrem jüngsten Statement, dass sich die konjunkturellen Erwartungen für dieses Jahr und die nächsten Jahre etwas abkühlten. Doch zum einen bleibt im Szenario der Notenbank auch dann noch ein respektables Wachstum übrig; zum anderen könnte die nicht ganz so stürmische Konjunktur mittelfristig die aktuelle Inflation wieder dämpfen. Die ist derzeit mit gut fünf Prozent in den USA ausgesprochen hoch; und Fed-Chef Jerome Powell räumt auch ein, dass sie sich etwas zäher halten dürfte, als ursprünglich erwartet. Dennoch bleibt es beim bisherigen Zukunftsbild der Fed, dass sich die Preissteigerungen in den nächsten Jahren wieder in den Zielbereich um zwei Prozent abkühlen sollen. Der Arbeitsmarkt entwickle sich stetig, eine Überhitzung sieht die Fed hier nicht. 

Insgesamt dürfte dies dazu führen, dass die US-Notenbank Fed im November eine Verringerung der Anleihekäufe ankündigt. Zum Jahreswechsel 2023 könnte es dann zur ersten wirkliche Zinserhöhung kommen. Allerdings bleibe die Geldpolitik der Fed weiterhin unterstützend. Die Angst, Wirtschaft und Märkten werde damit wichtige Liquidität entzogen, besteht damit nicht. Im Gegenteil, eine solche Linie der Fed hätte sogar zwei Vorteile: Sie wäre eine Bestätigung der konjunkturellen Erholung; und sie könnte über ihre moderat dämpfende Wirkung den Wildwuchs manch unwirtschaftlicher Unternehmen begrenzen. 

Die US-Anleihemärkte haben auf die jüngste Einschätzung der Fed mit einem Zinsanstieg reagiert. Binnen zwei Tagen ist die Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen von 1,30 auf bis zu 1,45 Prozent gestiegen. Das ist der höchste Stand seit Anfang Juli. Aktuell liegen die Renditen damit über den Spitzen, die sich seit Sommer im Bereich 1,37 bis 1,38 Prozent gebildet haben. Auch wenn die Entscheidung noch nicht gefallen sein dürfte: Die Anzeichen, dass der seit Mai anhaltende Renditerückgang am US-Anleihemarkt zu Ende geht, mehren sich. Die Schwäche am Goldmarkt und der zuletzt weiterhin robuste Dollar wären eine weitere Bestätigung für tendenziell wieder anziehende Renditen. 

An den Aktienmärkten zeigt sich ein entsprechendes Bild: Bei der jüngsten Erholung nach dem China-Schock sind die klassischen Aktienmarktkurven wie Dow Jones, Euro Stoxx und Dax besser vorangekommen als die stärker zinsabhängigen Technologiebarometer, vor allem die Nasdaq-Indizes. Immerhin, die zuletzt schnellen Erholungen deuten darauf hin, dass die Aktienmärkte auch beim zweiten großen Risiko, den China-Turbulenzen, nun eher auf eine verträgliche Lösung setzen. 

Dabei ist die Lage des schwer verschuldeten chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande derzeit (24. September vormittags) nach wie vor offen. Nachdem eine Zinszahlung von 83,5 Millionen Dollar nicht geleistet wurde, hat Evergrande hierbei nun eine Schonfrist von 30 Tagen. Von politischer Seite kommen Signale, mit denen die Märkte auf einen möglichen Zusammenbruch von Evergrande vorbereitet werden; an der Börse kann sich die Evergrande-Aktie dennoch zuletzt wieder marginal erholen. 

Die Unsicherheit, wie der Fall Evergrande ausgeht wird, hält an. Hedgefondsmanager Florian Homm, der bei der abgestürzten Evergrande-Aktie short war, also damit schwer verdiente, sieht darin keine so große Gefahr wie 2008 im Fall Lehman. Er rechnet eher damit, dass die Chinesen mit dieser Krise erfolgreicher umgehen als die Amerikaner oder Europäer mit dem Fall Lehman. Konkret, so Homm, könnten die Chinesen Wohnungsbestände von Evergrande mit riesigen Preisabschlägen auf den Markt werfen, damit nicht direkt intervenieren – und im Gegensatz zu westlicher Subventionspolitik (die durch ihre endlosen Hilfen den Wildwuchs an den Märkte befördere) sogar zu einer Bereinigung des Marktes beitragen. 

Fazit für den deutschen Aktienmarkt: Der Dax ist im Zuge des China-Schocks und der Angst vor einer schnelle Straffung der amerikanischen Geldpolitik am Montag vergangener Woche im Sitzungsverlauf bis auf 15.018 Punkte abgesackt. In der nachfolgenden Erholung zog er wieder über die alte Untergrenze bei 15.400 Punkten nach oben. Dieser schnelle Anstieg war wichtig, da er der erste Schritt zu einer größeren Erholung werden könnte. Dabei könnten die Kurse, nachdem sie zuletzt bis auf 15.700 Punkte gestiegen sind, zunächst wieder etwas nachgeben. Entscheidend ist, dass der Dax sich dabei über 15.400 hält; hier lagen von Juli bis September mehrere Tiefpunkte. 

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Wenn der Dax diesen Markttest in den nächsten Tagen besteht, dürfte er danach als nächste Stationen 15.800 und 16.000 Punkte in Angriff nehmen. In den nächsten ein bis zwei Wochen könnte damit die Entscheidung über den Fortbestand des langfristigen Trends stattfinden. Je größer der Abstand von der entscheidenden Untergrenze bei 15.000 Punkten dabei ist, desto besser sind die Aussichten für den Dax in den nächsten Wochen. Eine positive Evergrande-Lösung wäre dazu ein guter Anlass. 

Mehr zum Thema: Der mit 300 Milliarden Dollar verschuldete Immobilienkonzern Evergrande steht am Abgrund. Das ist primär ein innerchinesisches Problem, doch weitere Beben in Chinas überhitztem Immobiliensektor könnten auch hiesige Märkte belasten. Evergrande ist erst der Anfang.

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