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Riedls Dax-Radar
Quelle: dpa

Reale Crash-Gefahren abseits vom Aktienmarkt

Die Verschärfung der Corona-Lage beendet die schnellen Kursgewinne vom November. Die eigentliche Gefahr für die Börsen ist jedoch weniger die Pandemie als mögliche Rückschläge an den Anleihemärkten. Besonders heikel ist die Situation in den USA.

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Die Angst vor einem neuen Crash geht um. Die Coronazahlen, vor allem in Europa und in den USA, werden schlimmer, obwohl seit Wochen neue Lockdown-Maßnahmen in Kraft sind. Es ist absehbar, dass es direkt nach Weihnachten zu weiteren, womöglich massiven Einschränkungen kommt. In den USA hat sich der neu gewählte Präsident Joe Biden den Kampf gegen die Pandemie groß auf die Fahnen geschrieben. 

Bisher haben Konjunktur und Börsen die aktuelle Coronawelle viel besser verkraftet als in der akuten ersten Phase im Frühjahr. Der Wendepunkt für die Märkte waren die Meldungen über neue Impfstoffe. Seitdem gehen die Börsen davon aus, dass Corona im Laufe des Jahres 2021 entscheidend eingedämmt wird und sich die Wirtschaftserholung der vergangenen Monate fortsetzt. 

Eine Schlüsselrolle für dieses Szenario spielt der Ölpreis. Hier haben sich die Notierungen seit dem Showdown vom April, als ein Fass Brent nicht einmal mehr 20 Dollar wert war, mittlerweile auf gut 50 Dollar erholt. Dahinter steckt zum einen der echte wirtschaftliche Anstieg der vergangenen Monate inklusive einer deutlich gestiegenen Ölnachfrage, zum anderen auch die generelle Renaissance klassischer Rohstoffe: Kupfer ist seit März um 70 Prozent gestiegen, Aluminium um 50 Prozent; und – von vielen Anlegern wenig beachtet, aber einer der wichtigsten Grundstoffe schlechthin – der Preis für Eisenerz, der sich seit Jahresanfang fast verdoppelt hat. 

Erholung der Wirtschaft und Comeback der Inflation

Für Anleger steckt in der starken Entwicklung auf den Rohstoffmärkten eine zwiespältige Botschaft: Zum einen ist dies ein deutliches Signal dafür, dass die Konjunktur weltweit betrachtet mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vor einem neuen Abschwung steht. Insofern ist es für Anleger wenig hilfreich, sich vornehmlich von aktuellen Coronaängsten leiten zu lassen, so problematisch die nächsten Wochen in Europa und in den USA auch werden könnten.

Auf der anderen Seite spiegelt sich darin aber eine Gefahr, die direkt mit der expansiven Geldpolitik der westlichen Notenbanken zusammenhängt: die Rückkehr der Inflation. Die liegt hierzulande seit Monaten unter Null und ist offiziell damit nicht vorhanden. Zudem soll sie ja auch leicht angefacht werden um unbedingt das Gegenteil, eine deflationäre Erstarrung der Wirtschaft, zu verhindern. 

Die Frage dabei ist nur, ob sich eine solche Inflation auch wie gewünscht auf kleiner Flamme köcheln lässt. Denn wenn eine Inflation erst einmal ins Laufen kommt, ist sie so schnell auch nicht zu stoppen. Vor allem dann nicht, wenn zuvor durch die Notenbanken wie in den vergangenen Jahren gigantische Geldmengen geschaffen worden sind. Gerade erst hat die EZB ihre Anleihekaufprogramme wieder aufgestockt und deren Laufzeit verlängert. 

Dass die Notenbanken an ihrer extrem expansiven Geldpolitik auf absehbare Zeit etwas ändern, ist unwahrscheinlich. Dafür ist der Kampf gegen die Pandemie in den nächsten Monaten zu heikel, die wirtschaftliche Erholung zu fragil und die Verschuldung von Staaten und Unternehmen viel zu hoch. 

Die Gefahr steckt nicht in einer Zinswende der Notenbanken, sondern in einer möglichen Entladung an den Anleihemärkten. Hier könnte ein plötzlicher Anstieg der Inflationsraten, vor allem, wenn er über das gewünschte Maß hinaus geht, der Auslöser einer Verkaufswelle werden. 

Hochspannung bei der Zinsmarke um 1,00 Prozent

Besonders brisant ist die Entwicklung in Amerika, auf dem größten Anleihemarkt weltweit: Zehnjährige US-Staatsanleihen werfen derzeit 0,91 Prozent ab. Seit dem jüngsten Tief vom 4. August, das bei 0,51 Prozent lag, sind die Renditen in den USA tendenziell nur noch gestiegen. Zweimal schon, am 10. November und am 4. Dezember, hatten sie mit 0,97 Prozent ein neues Zwischenhoch erreicht, das über der Spitze vom 5. Juni von 0,91 Prozent lag. 

Für sich gesehen sieht es am Markt für amerikanische Staatsanleihen derzeit eher nach einem weiteren Zinsanstieg als nach einer Rückentwicklung aus. Spannend dürfte die Lage zudem werden, wenn die Renditen über die Marke von 1,00 Prozent klettern sollten. Es ist gut möglich, dass in diesem Bereich zahlreiche professionelle Investoren Stopp-Loss-Orders platziert haben, automatische Verkaufsaufträge zur Verlustbegrenzung. Sollten die dann in großem Umfang ausgelöst werden, könnte es schnell zu weiteren, hektischen Anleiheverkäufen kommen – und damit automatisch zu Zinserhöhungen am Kapitalmarkt. 

Die Renditen für US-Bonds könnten dann schnell in Richtung 1,50 Prozent klettern, dem Niveau der Tiefpunkte von 2016 und 2019. Dass dann Bundesanleihen weiterhin wie bisher bei minus 0,60 Prozent verharren, ist ziemlich unwahrscheinlich. 

Ob die Notenbanken in einem solchen Szenario dann bei den Investoren noch genug Vertrauen genießen, einen Zinsanstieg wieder einzudämmen, ist fraglich. Dass sie selbst gegebenenfalls mithilfe höherer Zinsen gegen eine eskalierende Inflation vorgehen, erscheint aus heutiger Sicht unrealistisch. 

Fazit für den Dax: Obwohl sich die Lage um Corona in den nächsten Wochen zuspitzen dürfte, sollte sich die konjunkturelle Erholung weiter fortsetzen – dafür spricht besonders die Entwicklung an den internationalen Rohstoffmärkten. Allerdings könnte der Konjunkturanstieg dann in Verbindung mit der extrem ausgeweiteten Geldmenge 2021 zu einer Rückkehr der Inflation führen, die heftiger ausfällt als erwünscht. Die Achillesferse wären dann die Anleihemärkte, auf denen die Kurse gerade wegen der expansiven Geldpolitik so stark angestiegen sind. 

Dass sich im Dax und an den europäischen Börsen derzeit gerade die Aktien etwas besser entwickeln, die von steigenden Zinsen profitieren - Banken und Versicherungen - kommt nicht von ungefähr. Ohnehin wäre ein Mix aus Wachstum und Inflation für Aktien als Sachwertanlage kein schlechtes Umfeld. Insofern verwundert es nicht, dass derzeit alle wichtigen internationalen Indexkurven langfristig in stabilen Aufwärtstrends verlaufen und es aktuell nicht danach aussieht, dass diese Entwicklung abrupt abbricht. 


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Der Dax hat seinen schnellen Novemberanstieg von 11.500 bis 13.400 Punkte bisher ziemlich gut verteidigt. Ein Rückschlag bis 13.000 Punkte wäre kein Problem, sondern könnte sich als kurzfristiges Luftholen vor dem Test der alten Topnotierungen um 13.800 erweisen. Ein weitergehender Rückgang, maximal in den Bereich der 200-Tage-Linie um 12.000 Punkte, dürfte das positive Szenario nur verzögern, aber nicht beenden. Amerikanische Technologiewerte haben zuletzt an Dynamik verloren und könnten im Nasdaq 100 kurzfristig bis auf 12.000 Zähler abtauchen. Im Dow Jones besteht für ein positives Szenario nach unten Spielraum bis in den Bereich um 29.000 Zähler.

Kurzfristig, bis Anfang 2021, spricht mehr für eine Fortsetzung der aktuellen Hausse. Danach allerdings könnten dann die Probleme um Inflation, Zinsen und Anleihemärkte größer werden und auch auf die Aktienmärkte übergreifen.

Mehr zum Thema: Die Europäische Zentralbank druckt noch mehr Geld, um die Coronakrise zu bekämpfen. Dadurch manövriert sie sich in eine Falle, aus der sie und die Eurozone ohne massive ökonomische Schäden kaum herauskommen können.

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