Riedls Dax-Radar: Riskante Wette auf die Notenbanken
Riskante Wette auf die Notenbanken während der Dax-Jahresendrally.
Foto: imago images, Collage: Marcel ReyleMit neuen Höchstkursen in Dax, Dow Jones und Nasdaq gehen die Börsen in das Vorfeld der nächsten Notenbankentscheidungen. Die amerikanische Fed trifft sich am 13. Dezember, die europäische EZB einen Tag später. Die Erwartungen, dass die Zinsen in den nächsten Monaten gleich mehrfach heruntergenommen werden, sind der wichtigste Motor der weltweiten Hausse. Was aber, wenn weder Fed-Chef Jerome Powell noch EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Wette der Märkte mitmachen?
Natürlich, mit 3,2 Prozent in den USA und 2,4 Prozent in Europa ist die Inflation in der Tat substanziell gesunken. Selbst im mittleren Bereich um vier bis fünf Prozent gab es kein längeres Plateau. Andererseits ist auch das Wirtschaftswachstum geschrumpft; vor allem in der EU, in der es hart gegen Null geht. In den USA sollte es immerhin noch deutlich über ein Prozent liegen.
So gesehen dürfte es schon ziemlich sicher sein, dass die Notenbanken die Zinsschraube nicht noch einmal anziehen. Doch ob sie den Märkten den Gefallen tun, und gleich im Monatsrhythmus zu Senkungen übergehen, ist keineswegs ausgemachte Sache.
Ein wichtiger Grund für das Gewicht, das Notenbanken an den Märkten haben, ist ihre Unabhängigkeit, ja Unberechenbarkeit. Und diese Aura bestünde nicht, wenn sie genau so handeln würden, wie die Märkte dies erwarten; beziehungsweise sogar wollen, weil sie in diese Richtung ja auch ihre Assets platzieren.
Erfüllungsgehilfe der Märkte ist sicherlich das Letzte, das Notenbanken sein wollen. Natürlich dürfte weder die Fed noch die EZB die faktischen Fortschritte der Inflationsbekämpfung ignorieren, doch deshalb muss es Mitte Dezember nicht automatisch zu den gewünschten moderaten Tönen kommen.
Mehr noch: Gerade weil sich durch die jüngsten Aufschläge bei Aktien (Vermögensgewinne) und der Hausse bei bei Anleihen (Zinsentspannung) die financial conditions in den vergangenen Wochen erheblich erleichtert haben, könnte dies mittelfristig die Inflation wieder schüren.
Zudem besteht seit den Siebzigerjahren das Schreckgespenst, dass es nach dem Abklingen einer ersten Inflationswelle mit Verzögerung noch zu einer zweiten Welle kommt. In Deutschland kam es nach dem ersten Peak 1973 von 7,1 Prozent bis 1978 zu einem Rückgang auf 2,7 Prozent, danach aber wieder zu einem Anstieg auf 6,3 Prozent im Jahr 1981. Und erst zu diesem Zeitpunkt, zu Beginn der Achtziger Jahre, kam es an den internationalen Anleihemärkten zum eigentlichen Exzess der Renditen, die in Amerika auf bis zu 16 Prozent hochschnellten.
Und selbst wenn an den Anleihemärkten jetzt schon eine große Abwärtsbewegung entstehen würde, wäre es wenig wahrscheinlich, dass dies mit dem einmaligen Anlaufen der 5-Prozent-Marke in den USA abgetan wäre. Als die Anleihemärkte im Jahr 2020 ihr Zinstief ausloteten, dauerte dieser Prozess von März bis November 2020. Auch wenn dies in diesem Szenario nicht abermals neun Monate werden müssen, ein zweiter Anlauf zumindest in die Zone 4,5 bis 5,0 Prozent wäre alles andere als überraschend. Für die kollektive Zinseuphorie, von denen die Märkte derzeit erfasst worden sind, wäre dies sicherlich ein Dämpfer.
Und es gibt noch ein weiteres fundamentales Risiko. Seit Jahrzehnten ist es so, dass die inverse Zinsstruktur, also höhere kurzfristige Zinsen als langfristige, ein zuverlässiger Indikator für eine Rezession ist. Und der massive Zinsrückgang der vergangenen Wochen passt auch genau zu dieser erwarteten wirtschaftlichen Abschwächung.
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Ebenso dazu passen würden Zinssenkungen der Notenbanken. Insofern ist es durchaus realistisch, dass es im Laufe des ersten Halbjahres 2024 zu einem ersten Rückdrehen in der Geldpolitik kommt.
Das Problem dabei: Bisher sind die Aktienmärkte oft genau in diesem Moment abgerutscht, weil die Zinssenkung der Notenbank zugleich mit einer Rezession einherging. Die Angst vor der Rezession wird an den Märkten dann größer als die Freude über Zinssenkungen – eine gefährliche Mixtur, die das Jahr 2024 schwieriger machen dürfte als es die aktuelle Sorglosigkeit an den Märkten widerspiegelt.
BASF und Brenntag - Ist die Chemie besser als ihr Ruf?
BASF kommt mit dem Ausgliedern seiner Bereiche Agrarchemie, Batteriematerialien und Beschichtungen bei seiner Profilbildung voran. Kerngeschäft der Ludwigshafener bleiben Basischemikalien, Kunststoffe, Additive und Inhaltsstoffe für Konsumgüter. Diese Konzentration auf Chemie und Spezialchemie, mit der sich BASF ähnlich wie große Pharmaunternehmen mit der Entwicklung neuer Medikamente auf ihr Kerngeschäft besinnen, dürfte die Effizienz mittelfristig erhöhen.
Allerdings, gerade Agrarchemie und Batteriematerialien waren zuletzt auch Aktivitäten, mit denen BASF an großen Trends Anteil hatte. Eine solche Option wieder aufzugeben, ist also nicht nur ein Vorteil. Kein Wunder auch, dass der scheidende Konzernchef Martin Brudermüller in einem Atemzug betont, dass diese Sparten Teil der BASF bleiben. Ob dass dann unter der nächsten Konzernführung auf Dauer so bleibt, ist offen.
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Viermal seit 2020 haben BASF-Aktien auf dem Niveau um 40 Euro wieder nach oben gedreht. Der jüngste Dreh dieser Art könnte damit ein erster Schritt für die große Bodenbildung des Kurses werden, die sich zwischen 40 und 55 Euro abspielen könnte. Sollte es im nächsten Jahr zu einem Wirtschaftsabschwung kommen, wäre das für ein konjunktursensibler Unternehmen wie BASF kein vorteilhaftes Umfeld. Dennoch, solange die Aktie sich bei allgemeinen Börsenrückschlägen zwischen 40 und 45 Euro hält, hat das Szenario der großen Aufwärtswende eine echte Chance. Kurzfristig wäre ein Anstieg über 46 Euro ein weitere, positive Indikation.
Auch Chemiegroßhändler Brenntag schärft sein Profil. So sollen die einzelnen Geschäftsbereiche Prozesschemikalien und Spezialchemikalien zu eigenständigen, effizienteren Unternehmen aufgebaut werden. Wie Brenntag dies organisatorisch gestaltet, ist noch offen. Zudem dürfte dieser Prozess, der 2024 beginnt, wahrscheinlich bis 2026 dauern; und es könnten dabei bis zu 650 Millionen Euro an Kosten anfallen.
Brenntag beugt sich mit der neuen Strategie nicht einfach aktivistischen Investoren, die nur über wenige Prozent des Aktienkapitals verfügen. Schon seit Jahren spielt das Unternehmen strukturelle Veränderungen dieser Art durch. Dank des Umbaus kann Brenntag die langfristigen Ziele heraufsetzen und rechnet mit einem Wachstum des operativen Gewinns von sieben bis neun Prozent.
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An der Börse hatte sicherlich manch Spekulant zuletzt auf eine schnellere Aufspaltung gesetzt. Dennoch sieht es so aus, als ob Brenntag-Aktien nun den Anstieg über das wichtige Niveau bei 77 bis 78 Euro geschafft haben. Die Marktposition in der Chemiedistribution von Brenntag ist dank eines weltumspannenden Netzes von Vertretungen exzellent, der Gewinntrend zwar schwankend, aber letztlich aufwärtsgerichtet, die Aktienbewertung moderat. Das nächste Ziel, das die Aktie mittelfristig anlaufen sollte, ist das bisherige Hoch bei 87 Euro.
Fazit für den Dax
Seit Ende Oktober hat der Dax in 30 Tagen 2000 Punkte gut gemacht, insgesamt bisher 11,4 Prozent. Das ist der stärkste Anstieg seit der Haussephase von Januar bis März dieses Jahres, in der er um 12,4 Prozent kletterte. Von Oktober bis November 2022 schaffte er sogar 21,4 Prozent.
So heftig die jüngsten Gewinne ausfallen, ungewöhnlich sind sie nicht. Vor den Notenbanksitzungen Mitte des Monates dürfte es nicht zu einer grundlegenden Neuorientierung kommen. Damit könnte der Dax bis dahin im Rahmen seines kurzfristigen Aufwärtstrends zwischen 16.500 bis 16.900 schwanken – ein kurzer Test der plakativen Marke von 17.000 nicht ausgeschlossen.
Allerdings, nach sechs bis sieben Wochen dynamischer Kursgewinne ist das typische Ausmaß einer Haussephase weit ausgeschöpft. Hier noch neu auf große Momentumaktien aufzuspringen, ist riskant. Selbst in den noch stärkeren Phasen im Laufe dieses Jahres kam es danach immer zu mehrwöchigen Korrekturen von fünf bis sechs Prozent.
Und auf die Notenbanken zu wetten, ist so eine Sache: Meist nämlich steigen die Kurse nach einer Sitzung nur dann besonders, wenn es vorher reichlich Skepsis gegeben hat. Und Skepsis herrscht an den Märkten derzeit wirklich nicht.
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Hinweis: Der nächste Dax-Radar erscheint erst wieder am 22. Dezember.