Riedls Dax-Radar Russland-Schock für deutsche Aktien

Quelle: Getty Images (Montage WirtschaftsWoche)

Mit heftigen Kursverlusten quittiert der Dax zunächst den russischen Einmarsch in die Ukraine. Für den Gesamtmarkt ist damit ein weiteres Risiko entstanden. Die Folgen werden Anleger noch eine Weile beschäftigen.

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Die Eskalation des Konflikts in der Ukraine lässt die Kurse an den Weltbörsen taumeln. Europäische Aktien und den Dax trifft es wegen der relativen Nähe und der Verflechtungen der europäischen Wirtschaft und europäischen Unternehmen mit Russland besonders: Der Euro Stoxx 50, in dem die 50 wichtigsten Aktien der EU stecken, rutscht in der ersten Reaktion weit unter die Marke von 4000 Punkten und erreicht dabei die Tiefspitzen vom Frühjahr 2020.

Noch schlimmer trifft es den Dax. Er kracht nicht nur unter die wichtige Zone um 14.800 Punkte, die Untergrenze seiner mittelfristigen Schwankungen seit April 2020. Mit knapp 14.300 Zählern im späten Handel am Montag verliert er im Tagesverlauf fast 1000 Zähler. Das Angstbarometer V-Dax, in dem mithilfe von Optionspreisen die erwarteten Kursschwankungen der nächsten Wochen ermittelt werden, erreicht mit 36 Punkten ein neues Hoch, ähnlich wie bei den heftigen Kursrückschlägen Anfang 2018 und Ende 2020.

Auch Gold und Rohöl ziehen an, wenn auch nicht ganz so dynamisch: Das Edelmetall springt wieder über die Marke von 1900 Dollar und erreicht die Preisspitze von Juni 2021; die Notierungen für Brent klettern auf knapp 98 Dollar, das ist der höchste Stand seit Herbst 2014.

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Noch nicht reagieren konnten am ersten Tag der Krise die US-Börsen, deren offizieller Handel feiertagsbedingt geschlossen war. Die weltweit gehandelten Termininstrumente und Indexindikationen auf US-Aktien deuten aber ebenfalls auf Verluste hin. Dennoch, bis Dienstagvormittag, vor dem Start des offiziellen Aktienhandels an den amerikanischen Börsen, ist die Entwicklung im Dow Jones und im S&P 500 robuster als an den europäischen Aktienmärkten. Aus Sicht der Börsen hat die Eskalation der Krise für Europa wesentlich gravierendere Folgen als für die USA

Der US-Markt erlebt sogar wichtige Kapitalzuflüsse. Besonders begehrt sind zwischenzeitlich wieder amerikanische Staatsanleihen, deren Kurse kräftig anziehen. Damit sinken automatisch die Renditen. Wie stark dieser Effekt ist, zeigt die erste Reaktion auf den russischen Vormarsch: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen, die sich schon in den vergangenen Tagen aus geopolitischen Gründen von 2,06 Prozent auf 1,95 Prozent abgebaut hat, rutscht in einem Zug bis auf 1,85 Prozent durch. Das ist der stärkste Rückgang, seit die jüngste Zinsrally Anfang Dezember begann. Eine neue Tendenz allerdings haben die US-Zinsen damit nicht eingeschlagen. Dazu müssten sie unter die Zone um 1,70 Prozent sinken; das erscheint derzeit unrealistisch.

Siemens wankt, BASF strauchelt, E.On hält

Im Dax fällt die erste Reaktion auf den russischen Einmarsch heftig aus. Besonders schwer erwischt es die Industriewerte: Siemens ist bis zu seinen Tiefpunkten vom vergangenen Oktober abgerutscht und notiert nun deutlich unterhalb der 200-Tagelinie. Seit der Gründung des Unternehmens Mitte des 19. Jahrhunderts hat Siemens traditionell gute und intensive Beziehungen zum russischen Markt. Ein Anstieg über 140 Euro könnte die Aktie aus der akuten Abstiegszone bringen.

Auch BASF ist, vor allem über die Tochtergesellschaft Wintershall, weiträumig in Russland aktiv. Bei Kursen um 64 Euro ist der Kurs zunächst wieder in den Bereich der 200-Tagelinie zurückgefallen. Hier wäre eine kurzfristige Erholung wichtig. Sollte sich die Russlandkrise länger hinziehen, die Energie- und Rohstoffpreise nachhaltiger steigen und die Konjunktur in den nächsten Monaten nachgeben, würde sich das Umfeld für BASF eintrüben. Die schwächeren Gewinnhochrechnungen, die dann zu erwarten wären, dürfte die Aktie noch nicht eingepreist haben.

Noch schwieriger ist die Situation bei Henkel. Steigende Rohstoffpreise waren schon in den vergangenen Monaten die größte Belastung für den Düsseldorfer Konsumchemiker. Käme nun als Folge von Russlandkrise und Sanktionen eine Abkühlung des Konsumklimas dazu, wäre das eine weitere Hypothek. Nur mit Mühe hält sich Henkel derzeit über der wichtigen Unterstützungszone bei 70 Euro. Der Mitte Januar gestartete Erholungsversuch der Aktie droht damit zu scheitern. Obwohl Henkel nicht mehr hoch bewertet ist, zeigt die Aktie eine schwache Verfassung. Auch Konkurrent Beiersdorf sieht angeschlagen aus. Für die gesamte Branche ist das ein Warnsignal.

Vergleichsweise gut hält sich E.On, langjähriger Partner des russischen Energieriesen Gazprom. E.On profitiert von enormen Bedarf an Gas und den hier hohen Preisen. Zudem verspricht das Netzgeschäft dank langfristiger Kunden- und Lieferbedingungen stabile Geschäftsaussichten. Eine Unterbrechung dieses Geschäftsmodells durch die Russlandkrise und mögliche Sanktionen preist die Börse derzeit nicht ein. Für Anleger hat sich damit durch die jüngste Eskalation das Risiko für E.On-Aktien um eine Stufe erhöht. Für den Kurs ist es wichtig, nicht nachhaltig unter die langfristige Unterstützungszone um 11,50 Euro zu tauchen. 

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Porsche für den kleinen Geldbeutel

Zu den größten Gewinnern mitten im Trubel um die Russlandfrage gehören Porsche und Volkswagen. Beide Aktie legen am Dienstag in der ersten Reaktion auf den geplanten Börsengang der Sportwagenmarke mit zweistelligen Prozenten zu. Überlegungen für ein IPO der wertvollen Sportwagentochter gab es schon lange, unterbrochen von Dementis von offizieller Seite. Doch die strategische Logik und der zu hebende Wertgewinn sind nur um so verlockender. Einzelheiten sind bisher noch nicht bekannt gegeben. Porsche und VW-Aktien bleiben so aber weiterhin Favoriten im Dax – unabhängig von der Entwicklung in Russland. 

Fazit für den Dax: Der Dax ist in der ersten Reaktion auf den russischen Vormarsch weit unter die wichtige Haltezone bei 14.800 Punkten gekracht. Im Tief ging es zunächst bis auf 14.300 Zähler. Als Erholung danach brachte der Dax bisher einen Anstieg bis auf 14.700 zustande. Allerdings, bereinigt wäre der jüngste Ausverkauf erst, wenn sich der Dax binnen weniger Tage wieder über 14.800 Punkte retten könnte. Gemessen am Tagesschlusskurs müsste er sogar wieder über 15.000 kommen. Ob der Aktienmarkt das angesichts der aktuellen Unsicherheiten schafft, ist zweifelhaft. 

Denn mehr und mehr entsteht zu den bisherigen zentralen Gefahren für die Börsen – Pandemie, Inflation, Zinsanstieg, Russlandkrise – eine neue Gefahr: Eine Abkippen der Konjunktur, das sich früher oder später auch in reduzierten Gewinnen der Unternehmen niederschlagen würde. Darauf deutet immer mehr auch eine deutliche Eintrübung des Konsumklimas hin. Das hätte besonders für die führende US-Wirtschaft, die zu mehr als zwei Dritteln vom Konsum abhängig ist, schwerwiegende Folgen.

Noch steht die für den Dax entscheidende Entwicklung an den US-Börsen aus. Die bisherige Reaktion der weltweit gehandelten Futures auf den russischen Einmarsch signalisiert hohe Nervosität, allerdings auch Erholungspotenzial. Auch der Dow Jones notiert aktuell unter der 200-Tagelinie (die bei 35.000 Punkten verläuft) und unterhalb der mittelfristigen Tiefspitzen, die um 34.000 Punkte liegen. Solange der Dow nicht wieder über diese Kursmarken kommt, bleibt er anfällig für weitere, womöglich größere Rückschläge. 

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Im Dax besteht damit unverändert die Gefahr, dass der Index seinen Abwärtsspielraum bis auf 13.800 Punkte ausnutzt. Jetzt schon dagegenzuhalten und wieder in aller Breite in den Markt zu investieren, dürfte ziemlich riskant sein. Lieber Pulver trocken halten – dann kann man auch in Spezialsituationen wie VW oder Porsche investieren, wenn die sich nach der jüngsten Euphorie wieder etwas abgekühlt haben.

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