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Riedls Dax-Radar
An der New Yorker Börse verfolgen Händler die Rede des US-Notenbankchefs Jerome Powell Quelle: AP

Schnelles Börsenplus bei milder Rezession

Die Zinsen bleiben unten, das hilft den Börsen. Dafür wankt nun die Konjunktur. Auto-, Chemie- und Maschinenbauaktien sind schwer eingebrochen. Bleibt die Rezession moderat, sind dort schnelle Kursgewinne möglich.

Jerome Powell gibt sich nun doch flexibel. Nachdem der Chef der US-Notenbank vor wenigen Wochen die Zinsen erhöht hat und dabei von robuster Wirtschaft sprach, klingen seine jüngsten Äußerungen moderater. Offensichtlich hat sich Powell durch die Zitterpartie an den Börsen doch beeinflussen lassen. Aktueller Stand der US-Zinsperspektive: Die Erhöhungen sind erst einmal durch, und bevor die US-Wirtschaft nicht wieder merklich Tempo zulegt, sind keine weiteren Zinsschritte notwendig.

Die Crash-Gefahr durch eine sture Fed ist damit erst einmal vom Tisch. Bedenklich aber ist es schon, wenn der wichtigste Notenbanker der Welt nur mit Verzögerung eine solche Reaktion einleitet. Verglichen mit Alan Greenspan, Ben Bernanke oder Janet Yellen ist das eine ganze Klasse tiefer. Kein Wunder, wenn alte Fahrensleute wie der Vermögensverwalter Jens Ehrhardt Powell als den schwächsten Fed-Chef seit Jahrzehnten betrachten.

Die Börse jubelt erst einmal über die Aussicht, dass die Notenbankzinsen nicht durch die Decke gehen. Die neuen Signale kamen gerade rechtzeitig. Dow Jones und Nasdaq 100 hatten durch ihren Absturz auf 22.000 beziehungsweise 6.000 Punkte ihr kurzfristiges Abwärtskontingent voll ausgefahren. Zeit für eine Kurserholung, so lautete hier an dieser Stelle vor einer Woche der Tenor. In fünf Tagen hat der Dax 600 Punkte gutgemacht.

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Weniger Zins-, dafür mehr Konjunktursorgen

Die Entspannung auf der Zinsseite, die sich am langen Ende schon vorher abzeichnete, ist der erste Baustein der laufenden Erholung. Der zweite ist die wirtschaftliche Entwicklung. Hier aber wird es wacklig.

Eine Abschwächung der US-Wirtschaft und der zentralen europäischen Volkswirtschaften haben die meisten Marktteilnehmer derzeit auf dem Plan. Das gilt auch für die Börsen, deshalb sind die Kurse in den vergangenen Monaten so unter die Räder gekommen. Ganz besonders hat es die Konjunkturbranchen Auto, Chemie und Maschinenbau erwischt.

Sind das Vorboten einer schweren Rezession? Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Entwicklung in China zu. Hier gibt es seit Monaten Anzeichen einer Abschwächung, weit unter die bisherige, plakative Wachstumsrate von sechs Prozent.

Der wichtigste chinesische Aktienindex, der Shanghai Composite, zeigt seit einem Jahr unbeirrt nach unten. Viele deutsche Aktien, vor allem aus den Industriebranchen, haben dazu eine hohe Korrelation. Im Dax hängen vor allem die Autobauer an China. VW-Chef Herbert Diess spricht davon, dass sich das Schicksal von VW in China entscheide.

China hat derzeit aber nicht nur eigene Probleme (Schattenbanken, Immobilienüberhitzung), sondern befindet sich mit den USA in einem kräftezehrenden Wettlauf. Diese große Rivalität geht lange auf die Zeit vor Donald Trump zurück. Auch für Barack Obama waren die pazifischen Beziehungen der USA wichtiger als die atlantischen.

Die jüngste Ausprägung dieser Rivalität ist der Handelsstreit zwischen den USA und China. Beide Widersacher sind in einer schwierigen Position. Chinas Wirtschaft ist nach langem Aufschwung ins Wanken geraten, in den USA hat die Dynamik des Trump-Booms nachgelassen. Zudem bekommt Trump innenpolitisch mehr Gegenwind, mittelfristig im Vorfeld der Präsidentenwahlen 2020.

Entspannung im Handelsstreit brächte deutliche Kurserholungen

So gesehen sollten eigentlich beide Seiten trotz martialischer Rhetorik auf einen Kompromiss zusteuern. Der könnte dazu beitragen, dass die USA nur eine moderate Abschwächung erleiden und China eine sanfte Landung seiner Wirtschaft zustande bringt. Den Europäern, die durch Sonderentwicklungen wie Brexit und Italienkrise nach unten gezogen werden, könnte das helfen, mit einer milden Rezession davon zu kommen.

Für die Börsen wäre ein solches Szenario eine Erleichterung. Weil viele Aktien einen heftigen Einbruch vorweggenommen haben, wären bei einer milden Rezession deutliche Kurserholungen möglich. Erste Anzeichen dafür gibt es: Volkswagen-Aktien haben bei 135 Euro gehalten und von dieser Unterstützung aus nach oben gedreht. SAP hat um 85 Euro den langfristigen Trend verteidigt, bei BASF ging es nicht mehr unter das 60er-Niveau, Infineon könnte zwischen 16 und 19 Euro einen Boden bilden. Schon bisher stabile Aktien wie E.On und die Münchener Rück zeigen zunehmend Stärke.

Für den Dax-Verlauf bedeutet das: Die vor einer Woche eingeleitete Erholung läuft planmäßig. Mit knapp 11.000 Punkten ist der Dax genau bis zu dem Niveau der vorangegangen mittelfristigen Tiefspitzen von Oktober und November vorgedrungen. Selbst wenn er nun in den nächsten Tagen wieder auf 10.700 oder 10.600 zurückfallen würde, wäre das kein Problem.

Allerdings müsste es danach abermals in Richtung 11.000 gehen und im Anschluss daran zu einer Rally bis etwa 11.600 Punkte kommen. Das Zeitfenster für dieses positive Szenario reicht bis Mitte Februar. Optimale Begleitmusik wären versöhnliche Töne von Trump und Xi Jingping, nicht zu düstere Nachrichten von konjunktureller Seite – und passable Prognosen der Unternehmen bei der nun beginnenden Zahlensaison.

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