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Riedls Dax-Radar
Starke Börsen in wackligen Zeiten Quelle: Getty Images

Starke Börsen in wackligen Zeiten

Negative Zinsen, das Theater um den Brexit und das Zittern um China schrecken die Aktienmärkte nicht. Das ist ein gutes Zeichen dafür, dass die Kurse nach einigen Wochen Korrektur wieder nach oben drehen.

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Die Inflation geht zurück in Deutschland. Nur noch um 1,3 Prozent sind die Preise im März gestiegen. Das ist weit entfernt vom Zwei-Prozent-Wunschziel der Notenbank. Doch eine Katastrophe ist das nicht – für die Aktienmärkte sogar das Gegenteil.

Der Rückgang der Inflation kommt nicht überraschend. Seit Wochen trüben sich die Zahlen zu Konjunktur und Wachstum ein. Wenn im Gleichschritt dazu die Teuerung nachlässt, ist das nur natürlich. Im Gegenteil: Gefährlich wäre es, wenn die Inflation bei weniger Wachstum zulegen würde.

Der Wirtschaft tut das gut. Der Konsum ist stabil, die Verbraucher bleiben zuversichtlich, die jüngsten Zahlen zum Einzelhandel fallen robust aus. Damit lässt sich auch die Schwäche im Export ausgleichen, die sich in Europa abzeichnet und die noch einige Monate anhalten dürfte. Übrigens ist es erst vier Wochen her, da zeigten die Nachrichten genau in die andere Richtung: Im Februar zog die Inflation stärker an als erwartet.

Die spannendsten Aktien der Woche

Die Anlagemärkte haben sich längst auf eine schwächere Wirtschaft und niedrige oder negative Zinsen eingestellt. Zu den besten Anlagen zählten in den vergangenen Wochen: Bundesanleihen. Die maßgeblichen Kurven, vom Rex bis zum Bund-Future, zeigen steil nach oben und es sieht nicht danach aus, dass ihr Kursanstieg so schnell zu Ende geht.

Als Konsequenz gehen die Renditen in den Keller. Minus 0,09 Prozent „rentieren“ neue zehnjährige Bundesanleihen – gerechnet auf Endfälligkeit. Die meisten der professionellen Anleger, die jetzt und in den vergangenen Wochen auf Bundesanleihen setzen, haben aber nicht vor, diese Papiere bis Ende der Laufzeit zu halten. Bunds sind mittlerweile das, was früher Festgeld oder Geldmarktfonds war: eine sichere, kurzfristige Anlage, mit der sich flüssige Mittel lukrativ parken lassen.

Nicht nur in Europa ist der Anleihemarkt stark, in den USA genauso. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen ist mittlerweile auf 2,4 Prozent geschrumpft. Es ist erst wenige Monate her, da ging das Gespenst der drohenden Zinswende um, als die Treasuries vorübergehend bis zu 3,3 Prozent brachten. Nun könnten sie sich in den nächsten Wochen erst einmal zwischen 2,1 und 2,3 Prozent einpendeln. Der Zinsabstand zu Bundesanleihen dürfte sich damit nicht wesentlich verändern.

Den Wechselkursen kommt das zugute. Zwischen Euro und Dollar sind die Schwankungen derzeit überschaubar, sie dürften vorerst weiter zwischen 1,10 und 1,15 Dollar liegen. Diese relative Stabilität zum Dollar besteht schon seit mehr als einem halben Jahr. Für international agierende Unternehmen ist das ein gutes, planbares Umfeld.

Korrekturbedarf noch bis etwa 11.000 Punkte im Dax?

Bemerkenswerterweise hinterlassen die aktuellen politischen Krisen an den Märkten weniger Spuren als die Nachrichtenlage vermuten lässt. Britische Aktien laufen seit Monaten im Durchschnitt nicht viel anders als europäische Aktien insgesamt. Das britische Pfund Sterling hat nach vorübergehenden Schwächeanfällen 2016 und 2017 zuletzt sogar wieder zugelegt. Das Drama um den Brexit, das sich auf der politischen Bühne abspielt, findet an den Märkten nicht statt.

Für den Dax besonders wichtig ist, dass sich die chinesischen Anlagemärkte nicht von der verbreiteten Unsicherheit über die weiteren Aussichten der Wirtschaft Chinas anstecken lassen. Sowohl die Entwicklung der Landeswährung Renminbi als auch die der wichtigen Aktienindizes (Shanghai Composite, Hang Seng China Enterprises) ist seit Wochen stabil bis vielversprechend. In Summe sind das Indikatoren, die für eine Fortsetzung des großen chinesischen Wachstumstrends sprechen. Zugleich nährt das die Hoffnung auf eine Einigung im Handelsstreit zwischen den USA und China.

Gute Vorlage für die nächsten Monate

Niedrige oder negative Zinsen, stabile Währungsverhältnisse, ein noch moderates Wirtschaftswachstum und immenser Anlagebedarf sind eine gute Mischung für den Aktienmarkt. Innerhalb von zwei Monaten, von Januar bis Februar, hat der Dax die Verluste von Ende 2018 weitgehend ausgeglichen. Seit März läuft eine Korrektur. Entscheidend in dieser Konsolidierungsphase ist, dass der Dax nun möglichst nur einen Teil seiner davor erzielten Gewinne wieder hergibt.

Gemessen an den Schlusskursen ist der Dax in der Aufwärtsphase von 10.435 Punkte auf 11.750 gestiegen. Das waren etwa 1300 Punkte Gewinn. Wenn er in klassischer Weise davon 40 Prozent wieder abgibt, wären das rund 500 Punkte Korrekturpotenzial, also eine Zielzone bis etwa 11.200 Punkte hinab. Aus kurstechnischer Sicht gibt es in diesem Bereich mehrere Unterstützungen.

Ein ähnliches Ergebnis lässt sich aus der scharfen Abwärtsbewegung vor zwei Wochen ermitteln. Ihr könnte in Kürze noch ein zweiter, ähnlicher Abschwung folgen, der dann bis in den Bereich um 11.000 gehen könnte. Nimmt man einen typischen Schwankungszyklus im Dax an, könnte dies bis Mitte April der Fall sein. Der Dow Jones hält sich weiter stabil oberhalb seiner 200-Tage-Linie (bei rund 25.200 Punkte); für ein positives Dax-Szenario ist das eine wichtige Stütze.

Fresenius und Henkel statt Wirecard und Deutsche Bank

Kurzfristig besteht noch Spielraum nach unten, das zeigen auch Einzelwerte. Bayer ist im Zuge des Monsanto-Desasters deutlich unter die 60er-Zone gerutscht. Die juristischen Folgen der Übernahme werden immer bedrohlicher. Wenn nun Spekulationen um eine Übernahme von Bayer aufkommen, müsste dies eigentlich den Kurs stabilisieren. Das ist aber nicht der Fall, weil ein Käufer von Bayer sich auch das Monsanto-Risiko einhandeln würde.

Viel Geduld ist bei der Deutschen Bank gefragt. Gedankenspiele um eine Kapitalerhöhung drücken den Kurs. Im gesamten Themenkomplex der Deutschen Bank und einer möglichen Fusion mit der Commerzbank lautet für Anleger die entscheidende Frage: Wie lässt sich das finanzieren, wer muss das Geld einschießen? Solange hier die Altaktionäre im Visier sind (etwa über eine teure und verwässernde Kapitalerhöhung) wird sich die Aktie nicht nachhaltig erholen. Zwar besteht immer noch die Chance, dass der Kurs im Bereich zwischen sechs und neun Euro einen Boden finden wird. Die hohe Unsicherheit der bisherigen Entwicklung aber macht die Aktie zum Zockerpapier.

Übertroffen wird die Deutsche Bank hierbei nur noch von Wirecard. Ein Drittel seines Börsenwerts legte Wirecard nach der mutmaßlichen Entwarnung in Sachen Bilanzunregelmäßigkeiten zu. Der Kursanstieg fiel so extrem aus, weil Baisse-Spekulanten durch die jüngsten Meldungen auf dem falschen Fuß erwischt wurden und in Windeseile ihre Positionen schließen mussten, also Aktien nachkaufen. Fundamental betrachtet ist Wirecard sogar billiger als der niederländische Konkurrent Adyen. Da der aber ein hohe Bewertung aufweist, nämlich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis im Hunderter-Bereich, ist das ein schwacher Trost.

Weniger Aufsehen erregen im Dax derzeit zwei Unternehmen mit einem kontinuierlichen Geschäft, die sich nun nach langer Durststrecke wieder stabilisieren: Fresenius und Henkel. Fresenius profitiert von der insgesamt anziehenden Entwicklung im weltweiten Gesundheitsgeschäft. Zudem dürften die Anleger langsam den Fehlschlag um den Generikahersteller Akorn verdaut haben. Bei Henkel sollten die Enttäuschungen über den zuletzt schwachen Geschäftsverlauf eingepreist sein. Die starke Entwicklung der Konkurrenten Beiersdorf und Procter & Gamble ist eine gute Vorlage für die nächsten Monate.

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