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Riedls Dax-RadarUS-Techwerte stabilisieren den Dax

Die Dynamik von Konjunktur und Rohstoffpreisen dürfte bald zu einem neuen Renditeschub an den Anleihemärkten führen. Dennoch halten sich die Aktienbörsen erstaunlich gut. Sie verdanken das der neuen Stärke ihrer alten Technologie-Favoriten.Anton Riedl 28.06.2021 - 07:04 Uhr

Die Logos von Amazon, Apple, Facebook und Google: Die großen Techwerte steigen an der Börse wieder in der Gunst der Anleger. Für den Dax ist das ein gutes Zeichen.

Foto: REUTERS

Seit der Spitze bei 1,75 Prozent Ende März sind die Renditen für zehnjährige US-Anleihen auf dem Rückzug. Die aufsehenerregende Aussage von Fed-Chef Jerome Powell über eine möglicherweise vorgezogene Zinserhöhung durch die amerikanischen Notenbank hat an dieser Tendenz bisher nichts geändert. Sie führte lediglich kurzfristig im Tagesverlauf zunächst zu einem schnellen Anstieg auf 1,59 Prozent, dann zu einem Rückschlag auf 1,36 Prozent. Und auch hinter solchen Ausschlägen stehen nicht weltbewegende Neueinschätzungen von Investoren, sondern es sind vor allem Folgen von Auflösungen von Terminpositionen, die im Vorfeld der Fed-Rede eingegangen worden sind. Mit aktuell 1,50 Prozent liegen die Renditen etwa in der Mitte der seit März leicht abwärts geneigten Schwankungszone. Es besteht also kurzfristig kein besonderer Druck in Richtung steigende oder fallende Zinsen. 

Das allerdings könnte sich in den nächsten Monaten ändern. Der Auslöser dafür dürfte von den Rohstoffmärkten kommen, die mittlerweile schwer in Bewegung geraten sind. 

Am Markt für Bauholz gab es sogar einen regelrechten Crash, bei dem sich die Notierungen seit der Spitze Anfang Mai glatt halbiert haben. Nun sind die Preise wieder bis auf das Niveau von September 2020 zurückgefallen. Kupfer notiert aktuell ein Zehntel unter der Preisspitze vom Mai, bei Eisenerz sind es etwa fünf Prozent, bei Aluminium zwei bis drei Prozent. Besonders heftig erwischte es die Edelmetalle Gold und Platin, bei denen es zu den schärfsten Preisrückgängen seit mehreren Monaten kam. 

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Allerdings, so heftig diese Rückschläge auch kurzfristig aussehen, im großen Bild ist keine neue Abwärtstendenz in Sicht. Das zeigt sich vor allem am der wichtigsten Rohstoffkurve, dem Ölpreis. Hier haben die Notierungen für ein Fass Brent im Mai zwar ebenfalls nachgegeben, der Rückgang von 70 auf 65 Dollar fiel aber ziemlich verhalten aus. Seitdem Brent dann Anfang Juni wieder über das alte Hoch bei 70 Dollar vorgedrungen ist, setzt sich der alte Aufwärtstrend fort. Nächste Zielzone dürften die Preisspitzen aus dem Jahr 2018 sein, die im Bereich um 85 Dollar liegen.

Die generelle Aufwärtstendenz an den Rohstoffmärkten, die im Frühjahr 2020 nach dem Coronaeinbruch begann, ist nach wie vor intakt. Gegenbewegungen mögen auf Einzelmärkten wie Bauholz oder auch Stahl heftig ausfallen, an der großen Richtung ändern sie bislang nichts. 

Immer mehr Unternehmen werden Rohstoffkosten auf ihre Verkaufspreise überwälzen

Der Rohstoffboom hat mittlerweile eine solche Breite erreicht, dass er in immer mehr Branchen zu Preiserhöhungen führt. Dieser Effekt wird umso stärker ausfallen, je mehr die Nachfrage im Zuge der Konjunkturerholung anzieht und je mehr spezielle Rohstoffe von den großen Trends absorbiert werden: Das beginnt bei den fossilen Energieträgern Öl und Gas, bei denen der Bedarf weltweit gesehen keineswegs abbricht, geht über Kupfer und Silber für die Digitalisierung und die Energiewende bis hin zu Lithium für die Elektromobilität. 

Zu welchen Preiseffekten dies führen kann, zeigt das Beispiel des Konsumchemikers Henkel. Die Düsseldorfer konnten ihren Umsatz im ersten Quartal organisch, ohne Berücksichtigung von Währungsschwankungen, um 7,7 Prozent erhöhen. Der größte Teil davon, 6,0 Prozent, war auf steigende Mengen zurückzuführen, nur 1,7 Prozent auf höhere Preise. Dieses Verhältnis zeigt die typische Phase eines beginnenden Konjunkturanstiegs, in dem die Unternehmen zur Sicherheit lieber mehr verkaufen, als in gleichem Maße sofort dafür höhere Preise zu verlangen. An der Börse gerieten Henkel-Aktien sogar unter Druck, weil Ängste vor ausufernden Rohstoffkosten aufkamen. 

Doch gerade die starke Nachfrage nach Henkel-Produkten, nach Reinigungsmitteln genauso wie nach Klebstoffen, dürfte in Verbindung mit der führenden Marktposition des Unternehmens in den nächsten Monaten zu einer neuen Entwicklung führen: Um die steigenden Rohstoffkosten abzufangen, dürfte Henkel dies Schritt für Schritt auf die Verkaufspreise überwälzen. Und dann werden die Mengen nicht wie bisher 3,5mal so stark steigen wie die Preise, sondern vielleicht nur noch zweimal so stark – oder mittelfristig sogar in gleichem Verhältnis. 

Nun sind Henkel-Produkte aber in vielen Branchen vertreten, von der Autoindustrie über die Bauwirtschaft bis hin zum Verkauf im Einzelhandel. Preiserhöhungen werden sich also im industriellen Geschäft genauso auswirken wie im privaten Konsum. Und weil dies natürlich nicht nur Henkel so macht, sondern wahrscheinlich auch Beiersdorf oder Procter & Gamble, wird dies die allgemeine Preissteigerung und damit die Inflationstendenz weiter anheizen. Und spätestens dann werden auch die Zinsen nicht mehr nur moderat auf der Stelle treten. 

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Für die wichtigste Zinskurve der weltweiten Kapitalmärkte, die Rendite zehnjähriger US-Anleihen, wäre damit mittelfristig folgendes Szenario möglich: 

In der ersten Phase des Zinsanstiegs, der getragen war von der fundamentalen Erholung der Wirtschaft nach dem Coronatief, stiegen die Anleihezinsen von Anfang August 2020 bis Ende März 2021 in acht Monaten von 0,5 Prozent auf 1,75 Prozent. Rechnerisch war das ein durchschnittlicher Anstieg pro Monat um 0,16 Prozentpunkte. 

Seit der Spitze im März, als die allgemeine Inflationsangst einen Höhepunkt erreicht hat, läuft eine Gegenbewegung. Binnen drei Monaten haben die Renditen dabei von 1,75 auf aktuell 1,50 Prozent nachgegeben. Das sind 0,08 Prozentpunkte im Monatsdurchschnitt. Die Abwärtsdynamik der vergangenen drei Monaten ist also genau halb so hoch wie die Dynamik in der vorangegangenen Aufwärtsbewegung. Das ist typisch für eine Korrekturbewegung und nicht für einen neuen Trend. 

Das bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass der große Zinstrend nach oben gerichtet ist und dass es nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis die US-Renditen aus der Schwankungszone der vergangenen Monate ausbrechen und ihre dynamische Aufwärtsbewegung fortsetzen. Wann genau dieser nächste, große Zinsschub beginnt, lässt sich nur vermuten. Viel tiefer als bis zu den 1,35 Prozent vom 21. Juni dürfte es vorerst mit den Renditen wahrscheinlich nicht mehr gehen; dagegen spricht der jüngste, schnelle Abverkauf an den US-Anleihemärkten, der die Zinsen im Gegenzug gleich wieder auf 1,5 Prozent hochgetrieben hat. 

Sollten die Renditen etwa von einer Basis von rund 1,40 Prozent noch einmal in ähnlicher Weise wie von August bis März um 1,25 Prozentpunkte klettern, ergäbe das eine Projektion bis auf 2,65 Prozent. Schon einmal, 2017 bis 2019, kam es auf diesem Niveau am US-Zinsmarkt mehrmals zu Hoch- und Tiefspitzen. Ein Anstieg der US-Anleihezinsen in den Bereich 2,50 bis 3,00 Prozent wäre also bei einem Zeithorizont bis nächstes Jahr alles andere als eine Überraschung. 

An den Aktienmärkten steht die Zinsprobe noch bevor

Könnten die Aktienbörsen einen solchen Zinsanstieg verkraften? Beim letzten Zinsanstieg ist der Dow Jones von 26.000 auf 33.000 Punkte gestiegen, der Nasdaq-100-Index von 11.000 auf 14.000 Punkte und der Dax von 13.000 auf 14.500 Zähler. Das ist zwar keine Garantie, dass es beim nächsten Mal wieder so läuft, spricht aber nicht dafür, dass die Aktienmärkte automatisch von den Zinsen abgewürgt werden. 

Für die aktuelle Entwicklung im Dax bedeutet das: Auch wenn die Äußerungen der Fed über eine mögliche Verschärfung der Zinspolitik für Unruhe gesorgt haben, hat sich am großen Bild nichts geändert: Die Erholung der Konjunktur nach Corona kommt weltweit gut voran, an den Rohstoffmärkten dürfte sich die Aufwärtstendenz fortsetzen, ein weiterer Anstieg der Anleiherenditen sollte nur eine Frage der Zeit sein. 

Natürlich wäre eine überbordende Inflation, also dauerhafte Teuerungsraten oberhalb der Marke von fünf Prozent, ein Risiko, das vor allem in der Realwirtschaft zu großer Verunsicherung führen dürfte (und dann in einer zweiten Phase auch die Anlagemärkte erfassen könnte). Doch solange die Teuerung nicht aus dem Ruder läuft, ist sie für den Aktienmarkt keine Belastung, sondern über die reichlich vorhandene Liquidität sogar ein Treibsatz. 

Aus diesem Grund weist der deutsche Aktienmarkt auch keine innere Schwäche auf. Bei 23 von 30 Dax-Werten verlaufen die aktuellen Kurse oberhalb der 200-Tagelinie. Das ist eine Haussequote von 77 Prozent; ein typisches Zeichen für einen robusten Markt. Das spiegelt sich auch in der Dax-Kurve selbst, die gut zehn Prozent über ihrem 200er-Durchschnitt verläuft. 

Kurzfristig wäre es gut, wenn der Dax weiterhin das Niveau um 15.500 Punkte verteidigen kann. Sollte das wider Erwarten nicht gelingen, läge die nächste Auffangzone dann bei 14.800 Punkten. Doch selbst ein solcher Rückschlag wäre noch nicht das Ende der generellen Aufwärtstendenz an der deutschen Börse. 

Wer dennoch über die Aussichten des Dax beunruhigt ist, sollte einen Blick auf die jüngste Entwicklung der für die weltweiten Börsen wichtigsten Aktien werfen: Microsoft, Google Alphabet, Facebook und Nvidia stoßen seit kurzem wieder in neue Höhen vor. Selbst Apple und Amazon, bei denen es in den vergangenen Monaten zu längeren Korrekturen gekommen ist, rücken wieder in vielversprechende Startpositionen. Wenn die besten Börsenunternehmen der Welt so sichtbar nach oben ziehen, wird der Dax nicht einfach nach unten wegrutschen – ein solches Eigenleben hatte er noch nie seit seiner Einführung 1987/88. 

Mehr zum Thema: Die US-Notenbank Fed und ihr Chef Jerome Powell ziehen eine sanfte Straffung der Geldpolitik in Erwägung. Die Reaktionen an den Finanzmärkten geben widersprüchliche Signale. Anleger sollten sich eine Sommerpause gönnen und Geld vom Tisch nehmen.

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