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Riedls Dax-Radar
Quelle: Getty Images

Verborgene Schätze und Showdown um Apple und Amazon

Die Erholung seit dem Coronatief läuft, Anleiherenditen haben sich auf erhöhtem Niveau eingependelt, Nachzügler wie Bayer und Fresenius wecken Hoffnungen. Jetzt dürfen nur die großen Technologieaktien in Amerika nicht abstürzen.

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Es ist ein gutes Zeichen für Wirtschaft und Anlagemärkte, wenn in der wichtigsten Notenbank, der amerikanischen Fed, über eine Zurücknahme der Konjunkturhilfen diskutiert wird. Das ist ein Beleg dafür, dass es auf dem Weg aus der Krise vorangeht – aber es bedeutet noch kein Ende der großzügigen Zinspolitik der Notenbanken. Ohnehin kommen vom Arbeitsmarkt, auf den die US-Notenbank besonders achtet, immer wieder Schwächesignale. Die noch vor einigen Wochen ausgesprochen dynamische Erholung der US-Wirtschaft dürfte spätestens im Sommer in ruhigeres Fahrwasser übergehen.

Auf diese Entwicklung haben sich die Anleihemärkte, die dies besonders sensibel und zuverlässig antizipieren, schon eingestellt. Die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen pendeln seit einer Woche zwischen 1,61 und 1,68 Prozent. Diese Werte liegen etwa in der Mitte der größeren Schwankungen seit März, die sich zwischen 1,5 und 1,8 Prozent abspielen. Das bedeutet: Die aktuelle Konsolidierung ist unentschieden und dürfte sich auf diesem Niveau erst einmal fortsetzen. Langfristig deutet eine solche typische Konsolidierung aber eher auf einen weiteren Anstieg der Renditen und nicht auf einen Rückgang hin.

In Deutschland ist die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen nun zum ersten Mal seit Frühjahr 2019 wieder knapp an den positiven Bereich herangekommen. Am Freitag (21. Mai) vormittags liegt sie bei minus 0,1 Prozent. Auch in Europa signalisieren die Anleihemärkte eine deutliche Erholung der Konjunktur. Die EU-Kommission rechnet in diesem Jahr mit einem kräftigen Wachstum von 4,2 Prozent, für 2022 erwartet sie 4,4 Prozent. Immer mehr bestätigt sich die Einschätzung, dass die in der Coronakrise eingeleiteten Konjunkturhilfen die Wirtschaft nicht nur aus dem Tief ziehen, sondern darüber hinaus einen neuen Boom einleiten.



Ein Boom ohne die dabei führenden Industriezweige und Unternehmen aber ist praktisch unmöglich. Aus diesem Grund ist es derzeit besonders wichtig, dass die großen amerikanischen Technologiewerte, die Protagonisten des aktuellen Aufschwungs, ihre langfristige Aufwärtsbewegung nicht abbrechen. Wichtigste Kurve ist hier der Nasdaq-100-Index, in dem die führenden Technologieaktien verrechnet sind.

Die Entwicklung der wichtigsten Einzelwerte stimmt zuversichtlich: Apple notiert zwar deutlich unter den Kursspitzen von Januar und April, aber eben auch über den Tiefpunkten des vergangenen Herbsts. Vor kurzem hat die Aktie genau auf der 200-Tagelinie nach oben gedreht. Auch wenn es knapp werden könnte und Apple kurzfristig nicht unter 120 Dollar sinken sollte – der große Trend stimmt. Microsoft und Alphabet Google konnten sogar deutlich oberhalb der 200er-Linie drehen; ein klassisches Zeichen von Stärke. Facebook rutschte im Januar und im März auf diesen Durchschnitt, hat sich aber seitdem davon aber wieder deutlich abgesetzt. Amazon hängt im Rahmen der Big Five etwas hinterher, könnte aber ähnlich wie Facebook mit Verzögerung den Trend wieder aufnehmen. Am US-Markt hat sich die Zone 2900 bis 3000 Dollar als wichtige Unterstützung gebildet – die auch möglichst halten sollte.

Wenn die weltweit größten und wichtigsten Aktien, die ganz besonders für die aktuelle Börsenentwicklung stehen, ihren langfristigen Trend fortsetzen, wird auch der Dax nicht einbrechen. Dabei kommen dem deutschen Aktienmarkt einige Sonderentwicklungen zugute.

Siemens und Linde als Vorbild für Bayer und Fresenius

Der positive Effekt zeigt sich besonders an zwei Spezialfällen im Dax: Bayer und Fresenius. Beide Aktien haben einen mehrjährigen Abschwung hinter sich – bei Bayer bedingt durch die unselige Monsanto-Übernahme und deren Folgen, die wahrscheinlich noch Jahre anhalten. Fresenius wurde durch eine aggressive Übernahmepolitik und dann die Coronakrise belastet. 



In beiden Unternehmen, Klassiker und eigentlich Weltmarktführer auf ihren Gebieten, stecken wesentlich höhere Werte, als es sich in der aktuellen Marktkapitalisierung widerspiegelt. Die operative Erholung nach der Coronakrise wird nicht ausreichen, diese Werte zu heben. Kein Wunder, dass es für beide Unternehmen Gedanken über neue Ausgliederungen, Abspaltungen, also eine komplett neue Konzernstruktur gibt.

Wie so etwas erfolgreich umgesetzt und an der Börse honoriert wird, zeigen die beiden wertvollsten Industrieunternehmen Deutschlands: Siemens und Linde. Siemens hat durch Abspaltungen, zuletzt der Medizintechnik und der Energietechnik, sein eigenes unternehmerisches Profil geschärft, die Dynamik der Tochtergesellschaften entfesselt, frische Kapitalmittel mobilisiert und wird bei alledem von Investoren dafür mit höheren Börsenbewertungen belohnt.

Linde ist einen anderen Weg der Umstrukturierung gegangen. Das Unternehmen hat sich auf die seit Jahren lukrativste Sparte Industriegase konzentriert und sich hier durch das Bündnis mit seinem Erzrivalen Praxair an die Weltspitze gesetzt. Industriegase sind ein Spezialmarkt, der durch hohe Margen und langfristige Verträge enorme und sichere Gewinne ermöglicht. Mit einer etwa vierfachen Umsatzbewertung haben Linde-Aktien das Niveau erfolgreicher Pharmaunternehmen erreicht. 

Von einer solchen Bewertung sind Fresenius und Bayer Welten entfernt. Gerade deshalb aber dürfte der Druck in Richtung Neustrukturierung weiter zunehmen – und das wiederum wird risikofreudige, antizyklische Investoren anziehen. Der dynamische Anstieg der Fresenius-Aktie seit dem Überschreiten der 40-Euro-Marke könnte der Start zu einer mehrjährigen Aufholjagd werden. Bayer ist noch nicht soweit, hier steht zwischen 50 und 60 Euro noch ein zäher Kampf bevor. Doch wenn man bedenkt, dass Bayer einst weit über 100 Milliarden Euro an der Börse wert war und aktuell nur etwa die Hälfte dessen auf die Waage bringt, wird das langfristige Nachholpotenzial offensichtlich.

Fazit für den Dax: Die wirtschaftliche Erholung nach dem Coronatief setzt sich fort, die Renditen an den Anleihemärkten haben sich auf erhöhtem Niveau erst einmal eingependelt. Mittelfristig dürfte hier ein weiterer Anstieg eher wahrscheinlich sein als eine Rückkehr zu alten Tief- und Negativzinsen. Auf dem Weg aus dem Dauerkrisenmodus der Wirtschaft ist dies aber ein völlig normaler Vorgang; wobei eine behutsame Begleitung und Steuerung dieses Prozesses durch die Notenbanken besonders wichtig ist.

Angeführt und geprägt wird der aktuelle Aufschwung an den Börsen von den Technologieunternehmen, die wiederum beflügelt werden von den Megatrends Internet, Digitalisierung, Kommunikation und neue Energien. In der Regel bleiben die starken Unternehmen und Aktien, die einen Trend von Beginn an einleiten und voranbringen, bis zum Ende der gesamten Kursbewegung in ihrer Protagonistenrolle.

Das aber heißt: In dem Moment, in dem Apple, Microsoft, Amazon, Google Alphabet und Facebook wirklich eines Tages einmal nach unten kippen, ist die aktuelle Hausse mit großer Wahrscheinlichkeit zu Ende. Der intakte Trend an der Technologiebörse Nasdaq wird damit auch für den Dax zur Überlebensfrage. Konkret bedeutet das: Kurzfristig sollte der Nasdaq-100-Index nicht unter die Marke von 13.000 Punkten rutschen. Mittel- bis langfristig liegt die entscheidende Unterstützungszone zwischen 12.000 und 12.500 Punkten.

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Als besondere Stütze erweisen sich am deutschen Markt zunehmend unternehmerische Erfolgsgeschichten wie die von Siemens oder Linde. Sie können als Blaupause für Problemfälle wie Bayer oder Fresenius dienen, die einen mehrjährigen Rückgang hinter sich haben und nun womöglich am Anfang ihrer Wende stehen.

Der Dax hat den seit dem Coronatief bestehenden Aufwärtstrend bisher verteidigt. Der Abstand zur 200-Tagelinie, die aktuell bei 13.715 Punkten verläuft, beträgt mehr als zehn Prozent. Das ist, zumal nach einer mehrwöchigen Konsolidierung, ein Zeichen enormer Stärke. Die Chance, dass der Dax in den nächsten Wochen über sein bisheriges Hoch um 15.500 Punkte steigt, ist damit größer als das Risiko, dass er demnächst unter das Mai-Tief bei 14.800 Punkten rutscht.

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