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Riedls Dax-Radar
Quelle: imago images

Warum die Börse nun auf den sagenumwobenen Goldilocks-Aufschwung setzt

Die Inflation steigt, doch die Konjunktur steigt noch stärker. Wenn die Unternehmen das nun in gute Ergebnisse ummünzen, geht die Hausse an den Börsen weiter.

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Um sieben Prozent, so die Prognose des Internationalen Währungsfonds, könnte die amerikanische Wirtschaft in diesem Jahr wachsen. Ausgangspunkt dafür ist zum einen die Erholung nach dem besonders schwachen Coronajahr 2020. Die aber wird zusätzlich durch die expansive Notenbankpolitik und die massiven Konjunkturprogramme der US-Regierung beschleunigt. Das Ergebnis ist die dynamischste Anstiegsphase der US-Wirtschaft seit vier Jahrzehnten. Auch bei der Teuerung rechnet der IWF mit einem weiteren, allerdings nicht so hohen Anstieg. Bis Ende des Jahres könnte die Kerninflation noch in Richtung vier Prozent klettern, sich dann aber 2022 wieder auf 2,5 Prozent abschwächen.

Für die Börsen wäre das Szenario des IWF ein ausgesprochen gutes Umfeld. Die aktuelle Kletterpartie der Wirtschaft wäre dann nicht nur der Ausgleich des besonders schweren Coronarückschlags. Darüber hinaus könnten die Märkte durch ihre hohe Dynamik sogar wieder an den vorangegangenen, langfristigen Aufwärtstrend anschließen.

Die ab 2022 erwartete Konjunkturabschwächung wäre dazu die optimale, moderierende Ergänzung, weil es in diesem Szenario eben nicht zu einem Überschießen der Wachstumsraten mit entsprechenden Inflationsrisiken käme. So gesehen ist das Szenario des IWF sogar eine zweite Version des für die Börsen optimalen Goldilocks-Umfelds, das bisher aus nachhaltigem Wachstum, expansivem monetärem Anschub und vergleichsweise niedriger Inflation bestand. Es wäre wie im Märchen vom Goldlöckchen und den drei Bären: Am besten gibt es alles, was die Wirtschaft für einen Aufschwung braucht, in der richtigen Menge und wohltemperiert, so wie das Essen für Goldlöckchen.

Wenn man sich die Entwicklung an den Börsen vor Augen hält, könnte man meinen, IWF und Investoren zögen an einem Strang. Der amerikanische Dow Jones erlitt zwar Mitte Juni einen Schwächeanfall, als plötzlich Angst vor einer frühzeitig restriktiveren Geldpolitik der US-Notenbank Fed aufkam. Doch bis zur Stunde ist dieser Rückschlag fast schon wieder völlig aufgeholt. Und, wichtiger noch, die Renditen am wegweisenden Markt für zehnjährige US-Staatsanleihen sind seitdem nicht gestiegen, sondern haben sich mittlerweile auf 1,45 Prozent beruhigt.

Besonders stark ist derzeit die Entwicklung an der Technologiebörse Nasdaq. Seitdem im Frühjahr die Angst umging, höhere Zinsen könnten den langjährigen Aufschwung der Hightechs abwürgen, ist der Nasdaq-100-Index von 13.000 auf 14.500 Punkte gestiegen; das ist ein klassisches Zeichen für einen starken, unterschätzten Markt. Als erste der großen Börsenkurven hat der Nasdaq dabei sogar ein neues Hoch erreicht – getragen von Topkursen seiner Protagonisten Google Alphabet, Facebook, Microsoft und Nvidia sowie der Stabilisierung von Apple und Amazon

Kurzfristig könnte es nach sieben Wochen Rally im Nasdaq-Index durchaus zu einem Rücksetzer kommen. Er könnte im Idealfall bis in den Bereich um 14.000 Punkte zurückgehen und ähnlich wie die Korrekturen im Frühjahr zwei bis drei Wochen dauern. Dass der Index mit reichlich Abstand zu seiner 200-Tagelinie (derzeit bei 12.890 Punkten) und seinen mittelfristigen Aufwärtstrends (um 13.000 Punkte) verläuft, ist ein typisches Muster für einen intakten Aufwärtstrend. 

Stärke bei Infineon, Hoffnung bei SAP

Die technische Vorlage aus den USA ist für den Dax eine wichtige Stütze. Seine Technologiewerte Infineon und SAP stecken derzeit in Konsolidierungen. Infineon ist seit den Meldungen über Lieferengpässe in der Chipbranche zwischen 30 und 37 Euro in eine Korrekturphase übergegangen. Nachdem sich die Notierungen von März 2020 bis Februar 2021 mehr als verdreifacht haben, verläuft die bisherige Konsolidierung moderat. Dahinter steht die starke Position Infineons im Chipmarkt und die langfristig ungebrochene Nachfrage nach mehr und hochwertigeren Halbleitern. Dass Konkurrent Nvidia mittlerweile wieder auf Rekordkurs ist und NXP sich seinen Höchstnotierungen nähert, ist ein gutes Vorzeichen für Infineon. Spätestens zwischen 30 bis 32 Euro sollte die Aktie erneut nach oben drehen. 



Aktien von SAP arbeiten immer noch daran, die Enttäuschungen des vergangenen Jahres auszubügeln. Während Dax und TecDax derzeit im Bereich ihrer Kursspitzen notieren, hat sich SAP 17 Prozent unter seinem Top festgefahren. In einem Umfeld, in dem die meisten führenden Technologieaktien auf Rekordkurs sind, auch der amerikanische Dauerrivale Oracle, ist die Marktschwäche von SAP eklatant. Offensichtlich ist es dem Unternehmen noch immer nicht gelungen, nach der Expansion in das Cloudgeschäft an alte Wachstumsraten und Gewinnmargen anzuschließen. Von 2023 an verspricht SAP wieder ein zweistelliges Plus beim Betriebsergebnis – für Börsianer ist das noch reichlich Zukunftsmusik. Aktuell dämpfen zudem Querelen um den Betriebsrat die Stimmung der Anleger. 

Allerdings, völlig abschreiben sollten Investoren SAP nicht. Schon im ersten Quartal haben gute Aufträge und ein deutliches Plus im Betriebsergebnis gezeigt, dass SAP bei seinen Ergebnissen durchaus voran kommt. Sollte sich dieser Trend im zweiten Quartal bestätigt haben (die Zahlen dazu werden am 21. Juli veröffentlicht), könnte es mit der Aktie schnell wieder nach oben gehen. Ein Anstieg über die kurzfristigen Kursspitzen bei 120 Euro wäre ein Kaufsignal, das einen Kletterpartie zum alten Hoch um 142 Euro ermöglichen sollte. Von der Bewertung ist die Aktie durchaus günstiger als die amerikanischen Konkurrenten. 

Industrielle Dynamik durch Daimler, VW und BMW

Die größte mittelfristige Dynamik im Dax kommt von seinen Industrieaktien. VW und BMW profitieren aktuell von Verkaufszahlen in den USA, die so stark sind, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. VW verkauft vor allem schwere und sicherlich nicht besonders sparsame SUV-Modelle. Wirtschaftlich ist das angesichts der hier guten Margen ein Vorteil. BMW konnte seinen Absatz in den USA fast verdoppeln. Die Zahlen von Daimler, die noch ausstehen, dürften nicht viel schlechter ausfallen.

Besonders profitieren die Stuttgarter derzeit davon, dass sie ihre Elektrostrategie nun gut auf die Straße bringen. Der gerade gestartete Elektrolaster eActros ist für Daimler von großer Bedeutung. Als weltweite Nummer Eins auf dem Lastwagenmarkt und einem Nutzfahrzeuggeschäft, das zeitweilig 40 Prozent vom Konzernumsatz ausmacht, ist die technologische Spitzenstellung auf diesem Markt lebenswichtig. Daimler-Aktien, die in den vergangenen zwölf Monaten besser gelaufen sind als jede andere Dax-Aktie, könnten kurzfristig im Bereich 70 bis 80 Euro eine Pause einlegen. Die hohe Dynamik der vergangenen Monate, ein voraussichtlich guter Absatz im Pkw-Geschäft und der Start des elektrifizierten Nutzfahrzeugzeitalters sprechen dafür, dass die Aktie mittelfristig ihr altes Hoch um 95 Euro wieder ansteuern dürfte.

Fazit für den Dax: Sollten sich die optimistischen Szenarien einer hochdynamischen Konjunktur bei moderaten Inflationsraten bewahrheiten, wäre das optimal für die Börsen. Die Pace machen weiterhin die Hightech-Ikonen aus den USA, von denen auch die Technologieaktien hierzulande wieder hochgezogen werden. Die eigene Dynamik der Industriewerte, vor allem der Autoaktien, sowie die gute Performance der Defensiven im Dax (Deutsche Telekom, Deutsche Post, Fresenius, FMC, Merck), geben zusätzlich Rückhalt.

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Durch die Schaukelpartie der vergangenen Wochen ist der Dax zwar ein kleines Stück aus dem Aufwärtstrend, der seit dem Coronatief besteht, hinausgewandert. Ein solches Signal muss aber keinen Trendabbruch bedeuten, sondern könnte das Zeichen für eine Verschiebung sein: Dass der hochdynamische Aufschwung an den Börsen nicht mehr primär durch die üppige Geldversorgung der Notenbanken befördert wird, sondern zunehmend durch die wirtschaftlichen Fortschritte der Unternehmen. Die guten Zahlen vom Automarkt und die Hoffnung darauf, dass das ehemals wertvollste Unternehmen im Dax, SAP, demnächst vielleicht sogar wieder gute Resultate vorlegen könnte, bekommen da einen besonderen Stellenwert.

Mehr zum Thema: Dax-Prognosen, Aktienempfehlungen und die neuesten Entwicklungen auf dem Frankfurter Börsenparkett: Der Dax-Radar. Hier finden Sie die Kolumnen-Übersicht.

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