Riedls Dax-Radar
Quelle: REUTERS

Zeitenwende an der Börse

Steigende Zinsen, geopolitische Risiken und das Ende der Globalisierung erschüttern die Börsen. Selbst Mega-Aktien wie Amazon oder Apple sind gefährdet. Auch im Dax wird die Reihe der Favoriten immer kleiner. Eine Kolumne.

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Es begann mit Netflix, Paypal und Meta Platforms (Facebook). Nun erwischt es Amazon und Alphabet (Google) – und es wäre verwunderlich, wenn es nicht bald auch Microsoft, Tesla und Apple treffen würde. Die Protagonisten des großen Aufschwungs, die für die Megatrends der vergangenen Jahre stehen, werden an den Börsen einer nach dem anderen zusammengestrichen. Die Hoffnung, dass genau diese großen Topunternehmen stark genug seien und mit kleinen Korrekturen durch die große Zitterphase kommen, erweist sich zunehmend als Fehleinschätzung. Wenn aber die tragenden Unternehmen und Aktien der großen Trendbewegung wegbrechen, dann setzt sich auch die bisher gekannte Hausse an den Börsen nicht einfach nach einigen Wochen Korrektur wieder fort. Große Zeitenwende an den Börsen? Die Anzeichen dafür mehren sich – und im Mittelpunkt stehen dabei drei Gründe: 

  • Durch die Pandemie und deren politische Gegenmaßnahmen wird das bisherige Erfolgsmodell der globalen Arbeitsteilung, über das die Unternehmen der westlichen Industrieländer auf immer neue Märkte vordringen und zugleich immer rentabler produzieren konnten, von Grund auf infrage gestellt. 
  • Durch neue geopolitische Konflikte wie derzeit vor allem den Krieg in der Ukraine und deren drohende internationale Eskalation entstehen für die Märkte neben direkten Schäden und Zerstörungen neue, nicht mehr gekannte Knappheiten an Energie und Rohstoffen. 
  • Durch die mittlerweile dramatisch gewordene Teuerung haben die Notenbanken nach langem Zögern nun begonnen, den seit vier Jahrzehnten bestehenden Abwärtstrend der Renditen zu beenden. Dieser dauerhafte Rückgang der Renditen war bisher die große, monetäre Basis der langfristigen Hausse an den Wertpapiermärkten.

Nach diesem mehrfachen Paradigmenwechsel muss sich an den Aktien- und Anleihemärkten erst wieder ein neues Gleichgewicht bilden – und genau das findet derzeit mit schneller Konsequenz statt: An der Technologiebörse Nasdaq, die in den vergangenen Jahren an der Spitze der großen Trends stand, haben die Notierungen seit Jahresanfang um mehr als 20 Prozent nachgegeben. Das ist der schwächste Jahresstart seit einem halben Jahrhundert. Die Höhe der Verluste, mit der die Märkte direkt auf die Schwere der Probleme reagieren, ist ebenfalls ein Zeichen für die Zeitenwende. 

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Teure Linde, starke Siemens, Hoffnung bei Fresenius 

Auch im Dax betrugen die Rückgänge in der Spitze seit Jahresanfang bisher gut 20 Prozent. In einem optimistischen Gesamtszenario lassen sich Verluste dieser Größenordnung noch als große Korrektur deuten. Weiter absinken aber darf der Dax dabei nicht mehr; um diesen Kraftakt geht es nun in den nächsten Wochen. 

Dabei gibt es im Dax eine Reihe von Einzelwerten, die sich bisher gut halten können. Am wichtigsten ist Linde. Der Industriegasespezialist profitiert von seinem stabilen Geschäftsmodell, das durch ein breites Spektrum an Kundenbranchen, eine weitgefächerte Internationalisierung und langjährige Lieferverträge gestützt wird. Nach einem guten ersten Quartal rechnet Linde 2022 mit einem Anstieg des Nettogewinns um mehr als zehn Prozent – das wäre ein respektables Ergebnis.

Mit 150 Milliarden Euro ist Linde der schwerste Dax-Wert überhaupt – darin aber liegt sein Problem. Denn bei einer fünffachen Umsatzbewertung besteht durchaus das Risiko, dass es in einer längeren Zitterpartie des Marktes selbst Linde erwischt. Auch mit einer dreifachen Umsatzbewertung wäre Linde weder ein schwaches Unternehmen noch ein Schnäppchen an der Börse. Dass die Aktie seit Dezember nun schon mehrmals am bisherigen Kurs-Top im Bereich knapp über 300 Euro abprallte, mahnt zur Vorsicht.

Nicht ganz so weit vorne, aber immer noch vergleichsweise stabil ist Siemens. Trotz eines langjährigen Russlandgeschäfts, das bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreicht, hat Siemens die aktuelle Krise um Russland und die Ukraine bisher gut überstanden. Die Auftragsbücher sind gefüllt, die einzelnen Unternehmensableger erfolgreich, die Geschäftszahlen stabil. Die nächsten Quartalsergebnisse, die am 12. Mai veröffentlicht werden, sollten für das Gesamtjahr einen Gewinnanstieg von rund zehn Prozent möglich machen. 

von Martin Gerth, Matthias Hohensee

Im Gegensatz zu Linde ist Siemens mit einer 13-fachen Gewinnbewertung und einer eineinhalbfachen Umsatzbewertung nicht zu teuer. Obwohl die Aktie in den vergangenen Wochen unter das wichtige Kursniveau um 125 Euro gerutscht ist, relativiert dies die weitere Verlustgefahr. Zwischen 90 und 110 Euro besteht eine breite Unterstützungszone, in der Rückschläge immer wieder aufgefangen werden könnten. 

Spezialwerte stabilisieren

Eine stabilisierende Rolle im Dax können seine zahlreichen Spezialwerte spielen. Das könnte in den nächsten Monaten für Fresenius gelten. Die jüngsten Geschäftszahlen des Gesundheitskonzerns waren gut, Umsatz und Gewinn legten im ersten Quartal spürbar zu, bis Jahresende sind Zuwachsraten im mittleren, einstelligen Prozentbereich wahrscheinlich. Allerdings, offene Flanke ist das Kerngeschäft der Dialyse-Tochter FMC. Noch immer kommt es bei zahlreichen Dialysepatienten wegen Corona zu Todesfällen. Obwohl FMC die Sicherheitsmaßnahmen erhöht, ist das Problem der Übersterblichkeit offensichtlich noch nicht im Griff. Deutlich gestiegen sind auf der anderen Seite die Kosten. Sie führten im ersten Quartal zu einem Gewinnrückgang von 37 Prozent.

Nun ist bei FMC ab nächstem Jahr ein Führungswechsel vorgesehen. Das Problem dabei: Ob es vorher noch zu großen strategischen Gegenmaßnahmen kommt, ist fraglich. Für die Aktie können die nächsten Monaten damit zu einer Hängepartie werden. Dass FMC dabei den von Banken erwarteten Nettogewinn von einer Milliarde Euro in diesem Jahr noch erzielt, ist nach nur 157 Millionen Euro im ersten Quartal eher fraglich. 

Bei Fresenius selbst, der Muttergesellschaft, sieht das besser aus. Der mittlerweile starke Klinikableger Helios entwickelt sich gut, ebenso Kabi, das Geschäft mit Infusionslösungen und medizinischer Ernährung. Die Bewertung von Fresenius ist im Branchenvergleich günstig. Wenn es Fresenius gelingt, bei der Rendite nachhaltig zuzulegen, besteht für die Aktie deutliches Erholungspotenzial. In der breiten Zone zwischen 30 und 38 Euro könnten Fresenius-Aktien in den nächsten Monaten ihren fünfjährigen Abwärtstrend beenden. 

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Fazit für den Dax: Trotz zuletzt hektischer Turbulenzen an den amerikanischen Aktienmärkten kann sich der Dax derzeit noch über der wichtigen Kurszone zwischen 13.600 bis 13.800 Punkten halten. Damit besteht weiterhin die Chance, dass er noch einmal eine Erholungsrally startet, die bis in den Bereich um 15.000 Punkte gehen könnte. Allerdings, eine nachhaltige Bodenbildung im Dax dürfte das noch nicht werden. Die erheblichen Risiken um Inflation, Konjunktur und Geopolitik hat der Dax noch nicht verarbeitet. Bei 90 Prozent der Dax-Aktien verlaufen die aktuellen Notierungen unterhalb der 200 Tagelinie. Das ist mittelfristig betrachtet eine hochdynamische und sehr stabile Baisse. Wenn die Grundrichtung an den Märkten nach oben zeigt, kann es sich in solchen Phasen durchaus lohnen, immer wieder antizyklisch zu kaufen – nach dem Motto: buy the dip. Die drohende Zeitenwende an den Börsen aber mahnt, hierbei erst einmal lieber vorsichtig zu bleiben.

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